Deutscher Gewerkschaftsbund

24.01.2018
Transfergesellschaft Air Berlin

Hoffnung statt Arbeitslosigkeit

einblick Februar 2018

Seit Oktober 2017 ist die Fluggesellschaft Air Berlin Geschichte. Viele der rund 8000 Beschäftigten blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Transfergesellschaften sollen helfen, neue berufliche Wege zu finden.

Air Berlin

Air Berlin fliegt nicht mehr - Transfergesellschaften schützen Beschäftigte vor dem Gang zur Arbeitsagentur und helfen bei der Jobsuche. wikimedia commons / Humphrey Manusiwa (CC BY-SA 3.0)

Mit einer als Herz gewundenen Anflug-Schleife landete Ende Oktober der letzte Flieger des Luftfahrtunternehmens in Berlin Tegel. Bereits im Sommer 2017 hatte der größte Einzelaktionär, die arabische Fluglinie Etihad, die finanzielle Unterstützung für Air Berlin eingestellt. Die Bundesregierung sicherte kurzfristig mit einem 152 Millionen Euro Kredit den Flugbetrieb noch bis Oktober. Während sich anschließend Lufthansa und Easyjet die Rosinen aus der Insolvenzmasse pickten, standen viele der 8000 MitarbeiterInnen vor einer ungewissen Zukunft.

"Hohe Vermittlungsquoten in qualifizierte Jobs"

Nachdem Verhandlungen über eine übergeordnete Transfergesellschaft gescheitert sind, konnte Anfang November dann eine Transfergesellschaft für die 1128 Bodendienstmitarbeiter die Arbeit aufnehmen. Möglich wurde dies vor allem durch die Hilfe des Landes Berlin, das mehr als elf Millionen Euro als Zuschuss gewährte. Marco Steegmann vom ver.di-Bundesvorstand, der die Transfergesellschaft mit ausgehandelt hat, ist optimistisch. „Ich erwarte hohe Vermittlungsquoten in qualifizierte Jobs in den sechs Monaten der Transfergesellschaft.“ Parallel wurde eine zweite Gesellschaft für Technik-Beschäftigte ins Leben gerufen. Ein Konsortium aus drei Transferträgern kümmert sich seitdem darum, die Ex-Air-Berliner mit Bewerbungstrainings und Praktika fit zu machen und sie in einen neuen Job zu vermitteln.

Doch wie funktioniert die Transfergesellschaft bei Air Berlin? „Die MitarbeiterInnen des Bodenpersonals bekommen von ihrer Personalstelle einen dreiseitigen Vertrag vorgelegt. Dieser regelt die Auflösung des alten Vertrags mit Air Berlin und schließt einen befristeten neuen mit der Transfergesellschaft ab“, erklärt Siegfried Backes von der Transfergesellschaft GmbH, die sich neben BOB Transfer und Mypegasus vor allem am Standort Berlin um die Menschen kümmert.

Ein Vollzeitberater auf 50 Transfermitarbeiter

Das Modell einer Transfergesellschaft bietet viele Vorteile im Vergleich zum direkten Gang zur Bundesagentur für Arbeit (BA). Vor allem sind die Menschen nicht arbeitslos, sondern bei der Transfergesellschaft beschäftigt. Sie können sich also aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus bewerben. Zudem regelt eine Betriebsvereinbarung, dass die Beschäftigten 75 Prozent ihres alten Nettogehalts bekommen. Besonders wichtig: „Ein Vollzeitberater kümmert sich um 50 Transfermitarbeiter.“ Bei der BA ist das Verhältnis wesentlich schlechter. Bereits abgeschlossene Projekte haben gezeigt, dass die höhere Beratungsintensität eine bessere Vermittlungsquote zur Folge habe, so Backes. Aktuell betreut die Transfergesellschaft GmbH rund 850 der etwa 1000 transferfähigen ehemaligen Bodendienstmitarbeiter.

Mut machen Beispiele aus der Vergangenheit, etwa bei der Baumarktkette Max Bahr/Praktiker. Innerhalb eines halben Jahres konnten knapp 70 Prozent der Beschäftigten in einen neuen Job vermittelt werden. Dem gegenüber steht die Insolvenz der Drogeriekette Schlecker. Von den rund 27 000 ehemaligen MitarbeiterInnen konnte die BA nur rund 18 Prozent innerhalb des ersten Jahres nach der Insolvenz erfolgreich weiterhelfen. Vor allem die bayerische FDP hatte die Gründung einer Transfergesellschaft für die Schlecker-Beschäftigten verhindert (s. unten).

Transfergesellschaften: Österreich als Vorbild

Backes wünscht sich mehr Engagement von der Politik, wenn ein großes Unternehmen insolvent ist. In Österreich sei die Politik bereits einen Schritt weiter. Dort gibt es ein festgelegtes Verfahren und eine solide finanzielle Ausstattung für Transfergesellschaften. Bis zu drei Jahre können Projektträger Beschäftigte auf dem Weg in eine neue berufliche Zukunft begleiten. „Einige Arbeitnehmer nutzen die Chance, um zum Beispiel ein Studium abzuschließen“, so Backes. In Zeiten des Fachkräftemangels sei es geboten, den sozialen und volkswirtschaftlichen Nutzen von Transfergesellschaften anzuerkennen.


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Gute Transferberatung

Viele Menschen erleben den Verlust ihres Jobs als Schock. Sie brauchen in dieser schwierigen Situation Beistand. TransferberaterInnen müssen auf diese Bedürfnisse eingehen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Menschen, die in einer Transfergesellschaft sind, ihren Blick wieder nach vorne richten – eine komplexe Aufgabe. Die Friedrich-Ebert-Stiftung stellt in einem WISO direkt zentrale Aspekte dar, wie gute Transferberatung aussehen muss. Die AutorInnen Gernot Mühge, Kathrin Filipiak und Susanne Marx beleuchten Leitbilder und den Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft.


Schlecker und die Folgen

Auch im Fall Schlecker stand die Gründung einer Transfergesellschaft zur Debatte. Blockiert wurde diese durch den Freistaat Bayern. Der damalige FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil wollte sich nicht an einer Bürgschaft der Länder beteiligen. Mit der versagten Bürgschaft über 70 Millionen Euro sollte ein Kredit der Staatsbank KfW abgesichert werden, der die Transfergesellschaft finanzieren sollte.

Eine sehr schlechte Nachricht für die rund 27 000 ArbeitnehmerInnen der Drogeriekette – ihnen wurde gekündigt. Vermittelt werden konnten laut Bundesagentur für Arbeit (BA) bis Ende März 2013 nur etwa 50 Prozent der ehemaligen Beschäftigten. Die Zahl schwankte regional erheblich.

Den übrigen Beschäftigten wurden mehrheitlich zum Teil eng befristete Teilzeit-Verträge angeboten. Fast immer lagen die Löhne weit unter den Tarifen für den Einzelhandel. Die Lage der ehemaligen Schlecker-Frauen in Deutschland sei heute unübersichtlich, berichtet ver.di. Einige wenige hätten einen etwa gleichwertigen Arbeitsplatz bekommen, viele müssten sich auf materiell niedrigerem Niveau einrichten.


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