Deutscher Gewerkschaftsbund

28.04.2015

Billiglohnfalle Franchise

Wenn Fast-Food-Ketten Filialen an Subunternehmer vergeben, geraten regelmäßig Arbeitsbedingungen unter Druck. Jetzt wird Franchise auch im Hotelgewerbe immer populärer.

Ausgliederungen. Für die Fischbrötchen-Kette Nordsee ist es ein guter Geschäftsplan, für Hunderte von Beschäftigten eine Bedrohung: Innerhalb der nächsten drei Jahre will Nordsee die Hälfte seiner Filialen in die Hände externer Unternehmer legen – per Franchise. Bislang sind lediglich 20 Prozent der Nordsee-Filialen an Franchise-Nehmer vergeben. Für die zuständige NGG ist das ein Alarmsignal. „Wir erleben immer wieder, dass sich die Arbeitsbedingungen schlagartig verschlechtern, sobald Markengeber auf Franchise umstellen und ihre Betriebe nicht mehr selber führen“, sagt Burkhard Siebert, stellvertretender Vorsitzender der NGG. Auch Lohnkürzungen gingen häufig mit dem Umstieg auf Franchise einher.

Franchise

Franchise bleibt für Unternehmen ungebrochen attraktiv: Die Umsätze steigen seit Jahren kontinuierlich, die Zahl der Beschäftigten in den ausgelagerten Filialen auch.

einblick

Lizenznehmer unter Druck
Die Lohndrückerei liegt in der Logik des Systems: Die Lizenzgeber wollen durch die Franchise-Vergabe schließlich Geld sparen. Sie wollen einerseits ihre Marke zu Geld machen. Andererseits sollen sich um das tägliche Geschäft in der harten Fast-Food-Branche andere kümmern. Zugleich knebeln die Konzerne ihre Lizenznehmer aber in vielfacher Hinsicht. Die Franchise-Nehmer sind gebunden an die Abnahme der Produkte, an Preise, sie müssen sich an den Marketing-Kosten beteiligen. „Der einzige Bereich, in dem der Franchise-Nehmer noch unternehmerische Freiheiten hat, ist die Personalpolitik“, erklärt NGG-Gewerkschafter Christian Wechselbaum aus Hamburg. „Da werden dann Schichten dünner besetzt und die Leute schlechter bezahlt.“ Die NGG schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der Lohnkosten durch Franchise eingespart werden.

Profit auf Kosten der Beschäftigten
Franchise verlängere die Kette um ein Glied, erklärt NGG-Vize Siebert. „Dann will nicht mehr nur der Namensgeber, sondern eben auch der Franchisenehmer Profit machen. Und das geht häufig zu Lasten der Beschäftigten – und zu Lasten der Qualität.“ Das Franchise-Prinzip sei „hoch problematisch“.

Die Qualitätsdiskussion trifft die Branche. Den Unternehmen selbst ist durchaus bewusst, dass miese Arbeitsbedingungen durch Franchise zum Image-Problem für die Unternehmen werden können. Jüngstes Beispiel ist Burger King. Dort hatte ein aggressiver Franchise-Nehmer nicht nur durch miese Arbeitsbedingungen, sondern auch durch Hygienemängel Schlagzeilen gemacht.

Prekäre Jobs Franchise

Rund 40 Prozent der Beschäftigten in Franchise-Unternehmen sind nur geringfügig beschäftigt. einblick

Tariftreue im Fokus
Der Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) verpflichtet seine Mitglieder angesichts der anhaltenden öffentlichen Diskussion zur Tariftreue. Für die jeweiligen Franchise-Nehmer sind die Vorgaben des Verbandes freilich schwammiger. Die Mehrheit der Franchise-Unternehmen eines Konzerns solle sich an den Tarif halten. „Ob die Franchise-Nehmer das dann wirklich umsetzen, ist eine ganz andere Frage“, sagt Guido Zeitler, Referatsleiter Gastgewerbe bei der NGG. Weil in Deutschland Koalitionsfreiheit gilt, kann ein Fast-Food-Konzern seine Franchise-Unternehmen nicht ohne weiteres in einen Arbeitgeberverband zwingen.

Entsprechend unverbindlich sieht die Realität aus. Nordsee, wo ein Haustarifvertrag gilt, „empfiehlt“ seinen Franchise-Nehmern, sich an den Tarifvertrag zu halten. „Nach unserer Kenntnis hält sich kein einziger daran“, sagt NGG-Sekretär Wechselbaum. Die Gewerkschaft verhandelt jetzt mit Nordsee über tarifvertragliche Regelungen, um bei den bevorstehenden Ausgliederungen möglichst gute Konditionen für die Beschäftigten herauszuholen.

Branchenprimus als Vorbild
Vorreiter in Sachen Tariftreue ist McDonald‘s. Der Branchenprimus hat alle Franchise-Nehmer dazu veranlasst, in den Arbeitgeberverband einzutreten. „So sehr wir den Branchenführer an anderer Stelle kritisieren – hier agiert er vorbildlich“, urteilt Gewerkschafter Wechselbaum. Für jeden McDonald‘s-Beschäftigten in Deutschland gelten Mindeststandards.

In anderen Branchen wiederum wird kräftig mit wertvollen Markennamen gespielt. Die NGG beobachtet, dass das Franchise-Unwesen derzeit im Hotelgewerbe stärker um sich greift. Bei dem internationalen Hotelkonzern Accor etwa „ist Franchise ein strategisches Wachstumsinstrument“, hat Guido Zeitler beobachtet. Der Konzern betreibt Ketten wie Ibis, Mercure oder Pullman. Solche Ausgliederungen haben nicht nur Auswirkungen auf Löhne und Arbeitsbedingungen, sondern auch auf die Mitbestimmung. Bei Accor etwa gibt es einen gut funktionierenden Gesamtbetriebsrat. Für die ausgegliederten Unternehmensteile ist er nicht mehr zuständig. Sind Beschäftigte erst einmal ausgegliedert, gelten auch die betrieblichen Vereinbarungen für sie nicht mehr.


Erschienen in: einblick 9/2015 vom 30.04.2015


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