Deutscher Gewerkschaftsbund

05.03.2015

Michaela Rosenberger: "Wir brauchen mehr Sensibilität"

Michaela Rosenberger

NGG-Vorsitzende Michaela Rosenberger www.ngg.net

Bundesministerin Manuela Schwesig will per Gesetz für gleiche Bezahlung von Frauen und Männer sorgen. Zum Dialog über ihre Pläne lud sie Ende Februar erst VertreterInnen der Gewerkschaften, dann der Arbeitgeber ein. Im einblick-Interview zum Thema: die NGG-Vorsitzende Michaela Rosenberger,  die seit mehr als 25 Jahren für gleiche Bezahlung von Frauen und Männer streitet.

Die Bundesregierung hat einen Dialog zum Thema „Lohngerechtigkeit“ gestartet. Wie bewertest du die erste Runde?
Sehr positiv – auch wenn den Gewerkschaftsfrauen schon vorher klar war, dass die Arbeitgeber zunächst bei ihrer ablehnenden Haltung bleiben. Es ist aber das erste Mal, dass eine Bundesregierung dieses Thema überhaupt aufgreift. Bedauerlich ist, dass die Koalition verpflichtende Regelungen nur für Betriebe ab 500 Beschäftigten vorsieht.

Welche Auswirkungen hat das?
Ein solches Gesetz würde einen Großteil der Betriebe nicht erfassen. Das gilt gerade auch für den Organisationsbereich der NGG. Es ging in den Gesprächen aber auch um Transparenz. Also darum, wie weit die Auskunftspflicht der Arbeitgeber reicht. Was müssen sie in Sachen Gehalt den Frauen gegenüber offen legen? Angedacht war, dass diese Auskunftspflicht für alle Betriebe unabhängig von ihrer Größe gelten sollte. Darüber wird zurzeit wohl neu nachgedacht. Denn für die Arbeitgeber ist das ein „No-Go“. Über Gehälter offen zu reden, ist aber hierzulande grundsätzlich nicht üblich. Insofern müssen die Arbeitgeber gar keine Verschwiegenheitsklauseln vereinbaren. Wenn niemand erfährt, ob er oder sie mehr oder weniger als die Kollegen verdient, wird es schwierig, gegen ungerechte Bezahlung vorzugehen.

Das klingt nach einem Ergebnis, das nicht so viel weiterbringt.
Ein Gesetz zur Entgeltgleichheit ist auf jeden Fall gut. Es wird eine hohe Symbolkraft haben. Im Übrigen haben wir mit der Ministerin auch über eine Kampagne gesprochen, die sie starten möchte, um das Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen. Das begrüßen wir sehr, und die Ministerin hat die Gewerkschaften als Partner an ihrer Seite. Wir brauchen mehr Sensibilität für die Thematik. Drei Viertel aller Frauen vermissen eine gerechte Bewertung ihrer Arbeit. Das belegt eine Untersuchung der Sozialwissenschaftlerin Jutta Almendinger. Oft bleibt es bei einem indifferenten Unbehagen, konkret wird die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern selten benannt. Das stellen wir auch fest, wenn wir das Thema auf Betriebsversammlungen ansprechen. Ich bin überzeugt, dass eine Eigendynamik ausgelöst wird, wenn die Problematik in den Köpfen ankommt. Dass die Frauen sagen werden: Nein, ich akzeptiere es nicht mehr, dass meine Arbeit weniger wert sein soll. Wir unterstützen die Ministerin bei ihren Kampagnenplänen auch deshalb, weil gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um das Thema nach vorne zu bringen. Angesichts des wachsenden Fachkräftebedarfs können die Unternehmen die vielen hoch qualifizierten Frauen nur mit Wertschätzung und gerechter Bezahlung gewinnen.

Was können die Gewerkschaften selbst tun, um den Gender Pay Gap zu beseitigen?
Das Thema ist für die NGG und auch für die anderen Gewerkschaften nicht neu. Ich bin seit 25 Jahren dabei und diskutiere seitdem darüber. Und auch zuvor haben sich KollegInnen mit der Problematik befasst. Wir starten aber mit einer neuen Entgeltgleichheitsinitiative noch einmal durch. Wir überprüfen alle Tarifverträge auf mögliche, versteckte Benachteiligungen von Frauen, etwa darauf, ob Teilzeitkräfte, überwiegend Frauen, von Vergünstigungen ausgenommen sind. Wir wollen die Tarifkommissionen für das Thema stärker sensibilisieren. Unsere neu gegründete Arbeitsgruppe auf Bundesebene hat gerade die Arbeit aufgenommen.

Was können Betriebsräte tun?
Zu wenig. Sie haben beim Entgelt nur ein Einblicks- und Aufzeichnungsrecht. Das ist eine große Hürde. Wir haben aber in den größeren Unternehmen mit Betriebsrat die geringsten Probleme. Deshalb ist es auch unsinnig, ein Gesetz zur Entgeltgleichheit nur für Betriebe ab 500 Beschäftigten aufwärts zu machen. Viel wichtiger wären Vorgaben für kleinere Betriebe. Die machen uns die Probleme. Benachteiligungen durch Tarifverträge abzubauen, ist die eine Sache. Aber was machen wir überall dort, wo Frauen nicht von Tarifverträgen erfasst werden? Deshalb halte ich viel von einer groß angelegten Kampagne. Sie könnte das Bewusstsein über die geschlechtsspezifische Bewertung von Arbeit schärfen.

Hast du dafür ein Beispiel?
Ja. Der Bäckergeselle und die Bäckereifachverkäuferin: Beide haben eine dreijährige Ausbildung. Aber der Kollege verdient im ersten Gesellenjahr 400 bis 500 Euro mehr als die Fachverkäuferin, die einen nicht weniger anstrengenden Job macht und auch Fachkraft ist. Wir haben da schon nachjustiert. Mit mehr Sensibilität und mehr Frauen in den Tarifkommissionen wären wir noch ein Stück weiter.

Erschienen in: einblick 5/2015
Online seit: 5. März 2015


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