Deutscher Gewerkschaftsbund

09.01.2015

Pegida: Gefährliche Entwicklung

Bei den Demonstrationen der Anti-Islam-Bewegung Pegida stellen BürgerInnen aus der Mittelschicht einen nicht unerheblichen Anteil. Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan erklärt, warum gerade diese Gesellschaftsgruppe für Ressentiments besonders anfällig ist.

Gesine Schwan

Gesine Schwan Hans Christian Plambeck

Vorurteile. Die Dresdener Pegida-Demonstrationen hatten in den letzten Wochen eine große Medienaufmerksamkeit. Für viele ist unverständlich, dass die DemonstrantInnen ausgerechnet in einem Bundesland mit wenigen Muslimen vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ warnen. Viele BeobachterInnen verstehen nicht, warum sich immer mehr Menschen den Demonstrationen anschließen, überdies eine erhebliche Zahl von BürgerInnen „aus der Mitte der Gesellschaft“. Einig sind sich die meisten KommentatorInnen darin, dass eine „Islamisierung des Abendlandes“ nicht droht. Die Ursachen oder Motive der DemonstrantInnen könnten sich also nicht aus dem genannten Ziel speisen, die Demonstrationen verwiesen aber auf Ängste, die ernst zu nehmen sind. Wie reimt sich das alles zusammen?

Schwer zu verstehen ist das nicht, denn wir haben seit langem ein ausgiebiges historisches Anschauungsmaterial und vielfache wissenschaftliche Analysen von solchen Ängsten sammeln können. Die Forschungen haben in überwältigender Übereinstimmung gezeigt, dass die Ursachen von Vorurteilen nicht bei den religiösen oder ethnischen Minderheiten liegen, gegen die sie sich richten, sondern in der sozialen und psychischen Befindlichkeit der Menschen, die die Vorurteile hegen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Antisemitismus nicht von den Juden rührt und dass er überdies dort besonders stark ist, wo es wenig oder keine Juden (mehr!) gibt. Dasselbe gilt für Ausländerfeindlichkeit und eben auch für Muslim- oder Islamfeindlichkeit. Deshalb blüht diese besonders dort, wo man mit konkreten Muslimen – als Kollegen am Arbeitsplatz oder im Sportverein – keine menschlichen Beziehungen eingegangen ist.

Vorurteile und Ressentiments machen sich vielmehr an den Gruppen fest, die bedrohlich wirken, zugleich aber de facto schwach genug sind, um sie gefahrlos angreifen zu können; und die vor allem, in der Wahrnehmung derer, die die Vorurteile hegen, von breiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt oder gering geschätzt werden. Früher war das die Bedrohung durch die „jüdische Weltherrschaft“, heute ist es die durch die „Islamisierung des Abendlandes“. So können sich Ressentiments und Vorurteile eingebettet fühlen im „breiten“ Volk. Deshalb verwendet Pegida erfolgreich den ursprünglich gegen die kommunistische Diktatur gewendeten Ruf „Wir sind das Volk“. Sie fühlen sich mit breiten Kreisen der Deutschen einig in der Feindlichkeit gegenüber dem Islam.

Auch die TeilnehmerInnen aus der „Mitte der Gesellschaft“ sind nicht verwunderlich. Historisch waren die AnhängerInnen der Nationalsozialisten nicht die sozial Armen – diese waren bei den Sozialdemokraten, den Gewerkschaften und den Kommunisten organisiert und sahen in diesem Kontext ihre positive Zukunft noch vor sich. Anders die von Abstiegsängsten Bedrohten und von Arbeitslosigkeit Gedemütigten, vielfach Mitglieder der Mittelschicht, zum Teil auch des Bildungsbürgertums, die sich vor der Zukunft ängstigten und keineswegs gegen den Antisemitismus gefeit waren, im Gegenteil.

„Vorurteile und Ressentiments
machen sich an vermeintlich
bedrohlichen Gruppen fest.“

Zwar sind Gesellschaften mit einer breiten Mittelschicht und ohne große soziale Diskrepanzen eine begünstigende soziale Voraussetzung für freiheitliche gemäßigte Politik und Demokratien – wie die Geschichte der politischen Ideen seit zweitausend Jahren lehrt. Wenn aber die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich immer größer werden und die Mittelschicht Angst bekommt, zwischen Reich und Arm zerrieben zu werden, wenn auch für die einzelnen Menschen Prekariat und jederzeitiger sozialer Abstieg drohen, dann sucht sich diese mit Ohnmacht gepaarte Angst eben als Blitzableiter jene Menschen, an denen sie ohne Gefahr ihre Wut abreagieren kann.

Europa hat – im Kontext immer größerer globaler Diskrepanzen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Nord und Süd – eine gefährliche Entwicklung genommen, die sich gerade viele Deutsche nicht vergegenwärtigen, weil sie auf einer Insel der „Wirtschaftsseligen“ zu leben meinen. Die Flüchtlingsströme werden nicht so schnell aufhören. Wenn wir nicht sehr schnell aufrichtig sagen, was uns erwartet, umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste und Feindseligkeit bei uns wie anderswo so zunehmen, dass wir sie vielleicht nicht mehr steuern können.

Dazu müssen wir auf allen Ebenen handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft. Im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld. In Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Abhängigkeit eine gemeinsame Umkehr erfordert.

Wer angesichts der deutschen Geschichte das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments nicht zur Kenntnis nimmt, wer ignoriert, dass der Gegenstand von Ressentiments austauschbar ist, der handelt verantwortungslos. Viele meiner jüdischen Freunde fühlen sich durch anti-muslimische Vorurteile genauso bedroht wie durch antisemitische. Die jüngsten Stellungsnahmen des Zentralrats der Juden zu Pegida belegen das.


Erschienen in: einblick 1/2015
Online seit: 09.01.2015


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