Deutscher Gewerkschaftsbund

24.05.2012

Gesellschaft im Umbruch: Die Grundlagen sind erschüttert

Wiese mit Löwenzahn

DGB/Simone M. Neumann

In dem fiktiven Brief an Francis Bacon, einem der wichtigsten Ideengeber der Aufklärung, lässt Hugo von Hofmannsthal den jungen Schriftsteller Lord Chandos klagen, dass er die Welt nicht mehr mit Hilfe der Sprache ordnen könne. Er wäre nicht mehr fähig, die Zusammenhänge zu verstehen. So scheint es auch heute zu sein. Getrieben vom Klimawandel über den Zusammenbruch von Lehman-Brothers bis zu Peak-Oil und Eurokrise haben wir die Orientierung verloren. Um zu begreifen, um was es geht, müssen wir unter die Oberfläche gucken und die längerfristigen Entwicklungstendenzen verstehen.

Das fängt an mit dem Begriff der Krise. Der Deutsche Naturschutzring ist überzeugt davon, dass es um mehr geht, um einen Epochenbruch, der uns grundsätzlich herausfordert. Die Transformation hat längst begonnen. Es geht nicht um Teilkorrekturen, wir müssen nicht nur ein reinigendes Gewitter überstehen. Vielmehr sind wesentliche Grundlagen in unserem Verständnis von Fortschritt erschüttert. Die Architektur der europäischen Moderne stürzt ein, die auf Fortschritt und Linearität aufbaut. Das ist vorbei.

Wir erreichen die ökonomischen Grenzen des Wachstums, alle OECD-Länder befinden sich schon länger nicht mehr auf einem exponentiellen Kurs, auch wenn dies die Grundannahme des Lissabon-Vertrags der EU ist. Das hohe Wachstum bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts war eine historische Ausnahmesituation, aber es prägt bis heute die Rezepte der Wirtschaftspolitik. Und auch der Finanzkapitalismus beruht auf der irrsinnigen Annahme, der Neoliberalismus könnte in die Wachstumsraten der Nachkriegsjahrzehnte zurückführen.

Die ökologischen Grenzen des Wachstums haben wir in wichtigen Bereichen schon überschritten. Der Klimawandel ist in den nächsten fünf Jahrzehnten nicht mehr zu stoppen, und wir tun nur wenig, ihn wenigstens in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts drastisch abzumildern. Der ökologische Fußabdruck der heutigen Zivilisation ist bereits so groß, dass wir im August die biologische Regenerationskraft eines Jahres verbraucht haben. Die Öl-Prognosen gehen davon aus, dass in rund 40 Jahren mit einem Ende der herkömmlichen Ölförderung zu rechnen ist. Aber die unvermindert weiter wachsende Mobilität ist auf diesem schwarzen Gold aufgebaut.

Schließlich basieren auch die meisten Sozialsysteme auf Wachstum, sodass nicht nur der demografische Wandel an der sozialen Sicherheit rüttelt, sondern auch ihre finanziellen Grundlagen wegbrechen. Zudem nehmen in allen Industriegesellschaften die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu, seitdem die Wachstumsmaschine nicht mehr die hohen Zuwachsraten ausspuckt.

Doch wir setzen Wachstum weiterhin mit Fortschritt gleich, obwohl der Nationale Wohlfahrtsindikator zu dem Ergebnis kommt, dass trotz eines steigenden Bruttoinlandsprodukts seit fast zehn Jahren die Lebensqualität sinkt. In den nächsten Jahren wird sich die alte Frage wieder mit aller Kraft stellen: Wie ist Fortschritt möglich? Ein Fortschritt, der nicht die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, der die Gesellschaften zusammenhält, der Lebensqualität und Wohlstand für alle – nicht nur national, sondern global – möglich macht, der mehr Demokratie und Teilhabe verwirklicht.

Dafür müssen wir uns lösen aus der Geiselhaft der Banken, dürfen nicht länger Getriebene eines Marktes sein, hinter dem nur die kurzfristigen Gewinninteressen großer und kapitalstarker Unternehmungen stehen. Wir müssen mehr Demokratie wagen und zeigen, dass wir auch zur Solidarität mit den künftigen Generationen fähig sind. Deshalb müssen wir den Ökonomismus unserer Zeit beenden und das ins Zentrum stellen, um was es bei der europäischen Moderne ging: die Emanzipation der Menschen.

Michael Müller, von 1983 bis 2009 SPD-Bundestagsabgeordneter und von 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär, gehört seit 2011 der Bundestags-Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität als Sachverständiger an.

Erschienen in: einblick 10/2012 vom 29.05.2012

Online seit: 25.05.2012

 


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