Deutscher Gewerkschaftsbund

14.10.2011

Nokia: Die Karawane zieht weiter

Der finnische Handy-Konzern Nokia, der erst 2008 die Produktion von Bochum ins rumänische Jucu in der Nähe von Cluj (Klausenburg) verlagerte, will nun auch das Werk in Rumänien Ende des Jahres schließen und weiter nach Asien ziehen. Über 2000 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Silviu Mihai, freier Journalist und Osteuropa-Experte, war vor Ort. Eine Geschichte vom kurzen Glück im internationalen Standortwettbewerb.

„Die Nachricht war wie ein Blitzschlag“, erzählt Valentin Ilcas, Vorsitzender von Nokia Metal, einer der Gewerkschaften, die über 1800 Beschäftigten im Werk Jucu vertreten. Der finnische Handy-Konzern kündigte Ende September an, das Werk in Rumänien zu schließen. Die Arbeit soll nur bis Jahresende weitergehen, danach werden die Mitarbeiter noch drei Monatslöhne erhalten und dann soll Schluss sein.

Durchschnittslohn 300 Euro ist noch zu viel
In einer Pressemitteilung begründete das Unternehmen den Schritt mit der „notwendigen Optimierung der Produktionsprozesse“, die aufgrund der „Nähe zu unseren wichtigsten Zielmärkten“ zukünftig an Standorten in Asien stattfinden sollen. „Das Beispiel Bochum zeigt, dass wir die Grundentscheidung kaum ändern oder verhindern können“, sagt Gewerkschafter Ilcas. „Das Kapital profitiert schlicht von seiner Freizügigkeit und geht dahin, wo es günstiger ist“, fügt er resigniert hinzu. Dabei sind die Beschäftigten im kleinen siebenbürgischen Dorf alles andere als teuer. Nach mehreren Lohnerhöhungen, die der Konzern in den letzten drei Jahren auf Druck der ArbeitnehmervertreterInnen akzeptieren musste, beträgt der Durchschnittslohn bei Nokia aktuell keine 300 Euro – ein auch für rumänische Verhältnisse niedriges Entgelt, knapp unterm nationalen Durchschnitt.

 

rumänien

Das Nokia-Werk in Rumänien soll nach nur drei Jahren wieder geschlossen werden. Foto: Dagmar Gester

Eine Millionen pro Kopf erarbeitet
„Angesichts der schwierigen Situation des Unternehmens haben wir schlechte Nachrichten erwartet, aber nicht die Schließung des Werks. Jeder Beschäftigte hier bringt dem Arbeitgeber rund eine Million Euro Umsatz im Jahr und kostet weniger als 10 000 Euro“, empört sich Cristian Copil, Vorsitzender der Freien Gewerkschaft Nokia. Er arbeitet selbst als Techniker im Werk. Seine Gewerkschaft vertritt rund 600 Beschäftigte und gehört zum Dachverband CNSLR Fratia, einem der größten in Rumänien.

Unternehmerische Fehleinschätzung
Tatsächlich machen die Lohn­kosten in Jucu, inklusive Steuer und Sozialabgaben, nur ein Prozent des Umsatzes aus: Ein Verhältnis, das sich auch in Asien kaum unterbieten lässt, so sagen Marktexperten. Der Hauptgrund für die Entscheidung von Nokia liegt also kaum darin, dass die rumänischen Arbeiter zu teuer geworden sind. Vielmehr waren es die unternehmerische Strategie und insbesondere die Fehleinschätzung der zukünftigen Marktentwicklungen, die eine Schrumpfung des globalen Marktanteils von Nokia verursachten. Die Investition in das Werk von Jucu, die laut Angaben des Konzerns 60 Millionen Euro betrug, hat sich nichtsdestotrotz innerhalb von nur drei Jahren amortisiert.

Schlechte Witze
Seit Anfang Oktober verhandeln die beiden Gewerkschaften mit den Vertretern des Unternehmens in der Hoffnung auf angemessene Kündigungsbedingungen. „Drei Monatslöhne als Entschädigung sind ein schlechter Witz“, sagt Bogdan Hossu, Vorsitzender des Gewerkschaftsdachverbandes Cartel Alfa, bei dem auch Nokia Metal Mitglied ist. „Unsere deutschen Kollegen in Bochum haben nach Verhandlungen eine anständige Entschädigung bekommen, dies war aber nur möglich, weil sie mit der Unterstützung der Regierung rechnen konnten, was bei uns nicht der Fall ist“, erklärt Hossu.

Mitte-Rechts stutzt Arbeitsrecht
Tatsächlich stehen die Chancen der ArbeitnehmerInnen auf angemessene Entschädigungen schlecht. Im Frühjahr hat die Mitte-Rechts-Koalition von Ministerpräsident Emil Boc das rumänische Arbeitsrecht an entscheidenden Stellen gelockert, um das von der Wirtschaftskrise schwer getroffene Land attraktiver für ausländische Investoren zu machen. Die Verpflichtung des Arbeitgebers, bei Werksschließungen oder Massenentlassungen überhaupt Verhandlungen mit den Gewerkschaften aufzunehmen, ist in der neuen Version des Gesetzeswerks nicht mehr enthalten. „Der Sozialstaat ist gescheitert, und zwar nicht nur in Rumänien, sondern auch in Westeuropa, obwohl viele Politiker dort dies noch nicht einsehen“, erklärte unlängst Staatspräsident Traian Basescu den Kurs seiner Regierung. „Unter dem Vorwand von notwendigen Reformen und Sparmaßnahmen ist der Regierung ein Kahlschlag gegen die Sozialrechte gelungen“, kommentiert Victor Ponta, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei PSD.

Erschienen in: einblick 18/2011 vom 17.10.2011

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