Deutscher Gewerkschaftsbund

03.06.2011

Ausländische Berufsabschlüsse: Taxifahrende Ärzte sind Luxus

Trotz des viel beklagten angeblichen Fachkräftemangels haben es ausländische Fachkräfte schwer, ihre Berufsabschlüsse hierzulande anerkennen zu lassen. Das will die Bundesregierung mit einem neuen Gesetz jetzt ändern. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock befürchtet, dass der Bildungsföderalismus entscheidende Verbesserungen verhindert.

Ingrid Sehrbrock Porträt klein

DGB/Steinle

Das Phänomen lässt sich überspitzt so beschreiben: Wer rasch viele Akademiker treffen möchte, sollte zum Taxistand am örtlichen Bahnhof gehen. Hier arbeiten oft hoch qualifizierte Menschen, die in ihrem Beruf keine Chance haben. Ein iranischer Arzt fährt Taxi, die ukrainische Architektin verdingt sich als Putzfrau in deutschen Wohnzimmern. Zahlreiche Studien schätzen, dass hunderttausende Menschen – darunter viele Akademiker – unterhalb ihres Ausbildungsniveaus beschäftigt sind. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit bei Menschen, die im Ausland studiert haben, besonders hoch. Die Quote liegt bei den Migranten bei rund acht Prozent, bei Nicht-Migranten sind es lediglich vier Prozent. Ein Zustand, der so gar nicht zur aktuellen Debatte um den angeblichen Fachkräftemangel und die vermeintlich fehlende Integrationsbereitschaft von Migranten passt.

Es ist deshalb richtig, dass die Bundesregierung nun ein Gesetz auf den Weg gebracht hat, das die Anerkennung im Ausland erworbener beruflicher, nicht akademischer Abschlüsse einfacher und transparenter machen soll. Fast 300000 Menschen, so schätzt das Bundesbildungsministerium, könnten von dem Gesetz profitieren und ihre Berufsabschlüsse hier anerkennen lassen. Insgesamt haben 2,9 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte ihren Abschluss im Ausland erworben. Von ihnen haben bisher nur wenige Menschen die Möglichkeit, ihre Qualifikationen bewerten und anerkennen zu lassen. Die Regeln sind verworren, die Ansprüche der Migranten je nach Status (EU, Nicht-EU, deutschstämmige Zuwanderer) sehr unterschiedlich, einheitliche Anlaufstellen gibt es nicht.

Das neue Gesetz wird die Möglichkeiten der Migranten deutlich verbessern. So soll es für die rund 350 Ausbildungsberufe, für die der Bund zuständig ist, künftig einen Rechtsanspruch auf Bewertung geben – und das innerhalb von drei Monaten, wenn alle Nachweise vorliegen. Die Staatsangehörigkeit der Migranten soll bei dem Verfahren keine Rolle mehr spielen. Bisher ist die Zulassung in zahlreichen reglementierten Berufen – etwa bei Ärzten – an die deutsche Staatsangehörigkeit oder die eines EU-Landes geknüpft. Die Regierung greift mit ihrer Reform alte Forderungen der Gewerkschaften auf.

Doch es gibt auch Anlass zur Kritik: Es werden zu wenige Menschen von dem neuen Gesetz profitieren. Akademiker, die ihren Abschluss im Ausland gemacht haben, gehören nicht zum Adressatenkreis. Den Ingenieurs- oder Lehrermangel wird das neue Gesetz nicht beheben können, denn für die Anerkennung dieser Berufe sind die Bundesländer zuständig. Gleiches gilt für Erzieher oder Architekten. Die Bundesländer haben lediglich in Aussicht gestellt, eigene Regeln für die Berufe unter ihrer Zuständigkeit zu entwickeln. Zeitpunkt der Umsetzung: ungewiss. So droht der föderale Flickenteppich einmal mehr zur Bildungs- und Integrationsbremse zu werden.

Nicht geklärt ist zudem die Frage der Nachqualifizierung: Gibt es Lücken bei einem Antragsteller im Vergleich zum deutschen Ausbildungsniveau, sollen die Antragsteller umgehend informiert werden, sodass sie sich entsprechend fortbilden können. Der Haken: Wie diese Maßnahmen aussehen und welche Träger sie durchführen, lässt das Gesetz offen. Es gibt keinen Anspruch auf Nachqualifizierung. Zumindest qualifizierte Beratung müsste sichergestellt werden. So wird es vielen Migranten weiterhin schwer fallen, sich auf dem weitgehend deregulierten und unübersichtlichen Weiterbildungsmarkt zu orientieren.

Auch die Gebühren können ein Problem werden. Zurzeit planen die Kammern für die Bescheinigungen kostendeckende Gebühren. Nach Schätzungen von Experten können Bescheinigungen schnell zwischen 1000 und 5000 Euro kosten. Wer kann sich das leisten? Zumal viele dieser Migranten gerade wegen der fehlenden Anerkennung ihrer Abschlüsse im Niedriglohnsektor jobben oder arbeitslos sind.

Trotz aller Kritik: Wenn die Regierung bei den Nachqualifizierungen und den Gebühren nachbessert, wenn sich die Länder wider Erwarten doch auf gemeinsame Regeln für die akademischen Abschlüsse einigen, dann könnte sich die Lage vieler Einwanderer in Deutschland spürbar verbessern.

Erschienen in: einblick 11/2011 vom 06.06.2011
Online seit: 06.06.2011


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