Deutscher Gewerkschaftsbund

21.06.2012

Zukunft der Arbeit: Klare Regeln für Smartphones

Smartphones und Tablet-PCs lassen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden. Denn viele Unternehmen erwarten ständige Erreichbarkeit und Arbeitsbereitschaft der Beschäftigten. Doch Gewerkschaften und Betriebsräte steuern gegen.

Der Gebrauch von Smartphones, Tablet-PCs und Notebooks hat die Arbeitswelt verändert, die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit existieren nicht mehr. Viele Beschäftigte arbeiten zunehmend „mobil“. Gleichgültig, ob das Handy nach Feierabend dienstlich klingelt oder schnell noch eine Mail zu beantworten ist, die moderne Technik macht es möglich: Die Beschäftigten sind im Dienste des Arbeitgebers abends oder am Wochenende per Mail, SMS oder Anruf erreichbar. Ein permanenter Standby-Betrieb, der Fragen aufwirft: Wann endet die Arbeitszeit, wann beginnt der Feierabend? Frank Steinwender, Experte für mobile Telefonie der Technologieberatungsstelle (TBS) des DGB NRW, beschreibt das Phänomen als „Entgrenzung von Arbeitsort und -zeit“. Er kritisiert: „Es wird nicht nur vorausgesetzt, dass man erreichbar ist, sondern auch stets arbeitsfähig.“

DGB fordert Anti-Stress-Verordnung
Dies bestätigt auch die Sonderauswertung „Stressfaktor Wochen­end-Arbeit“ des DGB-Index Gute Arbeit. Danach müssen 27 Prozent der Beschäftigten in ihrer Freizeit häufig oder sehr häufig dienstlich erreichbar sein. 15 Prozent müssen in der Freizeit oft oder sehr oft Aufgaben für den Betrieb erledigen. Mittlerweile hat auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Problem erkannt und fordert: „In der Freizeit sollte Funkstille herrschen.“ Damit dies nicht auf freiwilliger Basis erfolgt – und so die Verantwortung bei den ArbeitnehmerInnen liegt – fordert der DGB von der Bundesregierung eine Anti-Stress-Verordnung mit klaren Regeln als Ergänzung zum Arbeitsschutz-Gesetz. „Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die zum Teil erhebliche Kluft zwischen der vereinbarten und der tatsächlichen Arbeitszeit verringert wird“, erklärt DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Wochenenderreichbarkeit

Die Belastungen am Arbeitsplatz lassen immer weniger Zeit für Erholung, Kultur und Familie. einblick

Smartphone nur im Dienst auf Empfang
Mit Betriebsvereinbarungen wirken Betriebsräte und Gewerkschaften der dauerhaften Erreichbarkeit und der Entgrenzung der Arbeit entgegen. Darin wird etwa die Nutzung von Diensthandys nach Feierabend eingeschränkt. Prominent ist das Beispiel von VW, deren Firmen-Smartphones auf Initiative des Betriebsrats seit August 2011 vor und nach Dienstbeginn sowie am Wochenende keine Mails mehr empfangen. In der Vereinbarung heißt es: „Das Smartphone wird grundsätzlich während der Anwesenheit im Betrieb genutzt, außerhalb der Anwesenheit im Betrieb sind die Nutzungsmöglichkeiten eingeschränkt.“ Von 18.15 Uhr bis 7 Uhr und am Wochenende steht nur die Telefonfunktion zur Verfügung. Außerdem soll das Smartphone in der Regel im Betrieb bleiben. Wolf-Dieter Rudolph, Fach­anwalt für Arbeitsrecht, erklärt: „Die permanente Erreichbarkeit empfinden die Beschäftigten als Stress, und der führt zu psychischen Erkrankungen. Um derartige Szenarien präventiv zu verhindern, sind die Betriebsräte gefragt.“

Arbeitgeber kann mitlesen
Herausforderungen an den Datenschutz ergeben sich für Gesetzgeber, Betriebsräte und Gewerkschaften aus den neuen Ortungsfunktionen: iPhone & Co. hinterlassen weltweit Spuren, der jeweilige Aufenthaltsort der NutzerInnen ist bis auf wenige Meter lokalisierbar. Es sind nicht nur die Bewegungsprotokolle, mit denen Big Brother grüßen lässt. Mails, Skype- und Chat-Protokolle, selbst Surfspuren sind durch den Arbeitgeber auslesbar und machen eine hundertprozentige Überwachung möglich. Die Arbeitgeber halten dagegen, dass sie lediglich verhindern wollten, dass sensible Firmen- oder Kundendaten über die Geräte der Beschäftigten ausspioniert werden. Dazu setzen sie Managementsoftware ein, so genannte MDM (Mobile Device Management). Mit ihr können die Endgeräte der Beschäftigten ausgelesen werden, gleichgültig ob sie privat oder unternehmenseigen sind.

Betriebsräte können mitbestimmen
Die Einführung mobiler Endgeräte, Nutzung von Einzelverbindungsnachweisen, Ortung per GPS oder Speicherung der Daten lassen eine Leistungs- und Verhaltenskontrolle der Beschäftigten durch den Arbeitgeber zu. Damit sind sie mitbestimmungspflichtig, Handhabe für Betriebs- und Personalräte, über ihren Einsatz mit den Arbeitgebern zu verhandeln.

Erschienen in: einblick 12/2012 vom 25.6.2012
Online seit: 21.6.2012

 


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