Deutscher Gewerkschaftsbund

02.11.2012

Arbeitsmarkt: Leiharbeit bremst Berufskarriere

Für Berufsanfänger, die mit einer Leiharbeitsstelle starten, ist das Arbeitslosenrisiko höher. Beim Einkommen liegen sie oft noch Jahre später hinter dem der gleich Qualifizierten in Vollzeitstellen.

Die Einbeziehung der Minijobs in die Sozialversicherung und eine bessere Bezahlung der Leiharbeitskräfte sind für die Gewerkschaften vorrangige Ziele, um die Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wiederherzustellen. Geringe Einkommen und mangelnde Berufsperspektiven begleiten junge Menschen, die mit befristeten Verträgen oder einer Anstellung in einem Leiharbeitsunternehmen ins Arbeitsleben einsteigen, möglicherweise ein Leben lang. Nach einer neuen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) werden immer weniger BerufsanfängerInnen in einem Normalarbeitsverhältnis eingestellt. Der Einstieg, etwa über Leiharbeit, wird aber immer häufiger zum berufslebenslangen Nachteil: „Gelingt ein passender Einstieg in den ersten drei Jahren nicht, dann ist das nur schwer zu korrigieren“, warnte IAB-Direktor Joachim Möller, bei der Präsentation des „Handbuch Arbeitsmarkt 2013“ Mitte Oktober in Berlin.

Höheres Risiko, arbeitslos zu werden
Denn wer mit befristeter Anstellung oder in Leiharbeit startet, hat ein höheres Arbeitslosenrisiko. Diese Beschäftigtengruppe war drei Jahre nach dem Berufsabschluss mit 196 Tagen fast doppelt so häufig arbeitslos wie die übrigen Berufsstarter. Auch beim Einkommen sind LeiharbeitnehmerInnen langfristig benachteiligt. Wer beim Berufseinstieg drei Monate oder länger befristet arbeitet oder einen Leiharbeitsvertrag unterschreibt, liegt fünf Jahre später rund 17 Prozent unter dem Einkommen gleich Qualifizierter im Normalarbeitsverhältnis.

Leiharbeit

Dem überwiegenden Teil der Berufseinsteiger mit Leiharbeitsverträgen gelingt es nicht, die Nachteile in späteren Jahren aufzuholen. Copyright: einblick

Der Trend, zumindest die ersten Berufsjahre durch Leiharbeit, Praktika, Befristungen oder auch mit Werkverträgen zu überbrücken, hat sich in den letzten Jahren für alle Berufseinsteiger verschärft, heißt es in der Studie. So fanden im Jahr 2000 noch 60 Prozent der Einsteiger im ersten Jahr nach ihrem Abschluss eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung. Heute gelinge dieses nur noch rund 50 Prozent.

Schmale Brücke
Generell warnen die Arbeitsmarktforscher: Aus „atypischer Beschäftigung kann im Zeitverlauf eine Standard-Erwerbsform“ werden. IAB-Direktor Möller räumt zwar ein, dass Leiharbeit im Vergleich zur Arbeitslosigkeit „die bessere Alternative“ sei. Doch zeige sich bei „realistischer Betrachtung“, „dass die Brücke in ein stabiles Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Zeitarbeitsbranche schmal ist“.

Gute Arbeit ist der bessere Einstieg
Rund 47 Prozent der Leiharbeitseinsteiger hatten drei Jahre nach Ausbildungsende mindestens eine weitere Leiharbeitsphase. Fünf Jahre später waren es immer noch über 36 Prozent. Die Schlussfolgerung der IAB-Forscher lautet deshalb, „um Arbeitslosigkeit frühzeitig und nachhaltig zu verhindern, ist eine möglichst ‚gute‘ Arbeit zu Beginn der Erwerbskarriere besonders wichtig“, denn in Deutschland „stehen und fallen die Chancen und Risiken im weiteren Erwerbsverlauf mit dem ersten Einstieg ins Erwerbsleben“.

Bildungsarmut bekämpfen
Um dieser Falle aus wechselnden Leiharbeitsangeboten und Arbeitslosigkeit zu entkommen, empfehlen die Arbeitsmarktexperten Maßnahmen, die auch der DGB immer wieder einfordert: die Bekämpfung der Bildungsarmut, ausreichende Ausbildungsplätze und zur Arbeitsmarktintegration von Hochrisikogruppen „intensive Beratung und Coaching“. Darüber hinaus fordert das IAB, auch die „Aufwärtsmobilität“ zu fördern. Hier könnten berufsbegleitende Maßnahmen ebenso helfen wie „besondere Vermittlungsbemühungen zugunsten von Personen, die besonders häufig zwischen temporärer Beschäftigung und Arbeitslosigkeit hin und her wechseln“.

Leiharbeit muss gleich bezahlt werden
Leiharbeit und andere Formen atypischer Beschäftigung verstärken die Risiken am Arbeitsmarkt,
dies ist vor allem für junge Menschen fatal, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach: „Wenn Phasen atypischer Beschäftigung sich nicht ganz vermeiden lassen, muss das Ziel sein, diese möglichst kurz zu halten und besser abzusichern. Leiharbeit muss deswegen gleich bezahlt und die Einsatzdauer befristet werden.” Die sachgrundlose Befristung müsse beendet werden, Praktika nach Ende der Ausbildung müssten grundsätzlich bezahlt und die Minijobs in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden.“

Erschienen in: einblick 19/2012 vom 05.11.2012
Online seit: 02.11.2012


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