Deutscher Gewerkschaftsbund

08.04.2016
Forderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Arbeit und trotzdem arm: Ungesicherte Beschäftigung - Herausforderung für Gewerkschaften und Politik

Die Ungesicherte Beschäftigung (Fachbegriff: atypische oder prekäre Beschäftigung) ist längst kein Randphänomen mehr:

  • Obwohl der allgemeine gesetzliche Mindestlohn im Jahre 2015 eingeführt wurde, hat Deutschland einen großen Niedriglohnsektor. Häufig reicht der Verdienst nicht für den Lebensunterhalt aus – so sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer häufig gezwungen, ihr Einkommen mit Arbeitslosengeld II aufzustocken.
Mann mit T-Shirt "Arm trotz Arbeit"

DGB/Simone M. Neumann

Arm trotz Arbeit: Obwohl sie eine Beschäftigung haben, können Millionen Menschen von ihrem Job allein nicht leben und müssen mit Hartz IV aufstocken.

  • 2,7 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in befristeten Beschäftigungsverhältnissen.
  • Fast 5 Millionen verdienen ihr Geld ausschließlich mit Minijobs.
  • Über 900.000 Menschen in Deutschland sind als Leiharbeiterin/Leiharbeiter beschäftigt. Jede/r achte von ihnen verdient so wenig, dass sie/er ergänzend Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen muss.

Von diesen ungesicherten Arbeitsverhältnissen sind besonders junge Menschen, Frauen und Ältere betroffen. Die Gewerkschaften werden sich mit dieser Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nicht abfinden. Konkrete Schritte hat DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach in einem Siebenpunkte-Katalog gefordert:

  1. Der Mindestlohn muss der Lohnentwicklung folgen, die unteren Einkommen dürfen nicht abgehängt werden.
  2. Für Leiharbeiter muss der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" durchgesetzt werden. Leiharbeitnehmer dürfen nicht wie „Beschäftigte zweiter Klasse“ behandelt werden.
  3. Minijobs sind für die Beschäftigten häufig eine Sackgasse. Der DGB hat ein Konzept vorgestellt, wie Minijobs in den normalen Arbeitsmarkt integriert werden können. (Details: Raus aus der Armutsfalle: Das DGB-Reformkonzept Minijob) Dies muss umgesetzt werden. Die meisten Minijobber wollen länger arbeiten und auch mehr verdienen. Vom Minijobsystem profitieren nur die Arbeitgeber, eine Brücke in reguläre Beschäftigung sind die Minijobs nicht.
Kellner mit Tablett mit Kleingeld, Getränken und Karte mit der Aufschrift Hungerlohn

DGB/Simone M. Neumann

Gastronomie, Einzelhandel, Gebäudereinigung sind typische Branchen, in denen Minijobs weit verbreitet sind: So gibt es alleine im Groß- und Einzelhandel 1,2 Millionen Minijobs. Es folgen Gebäudereinigung, Grundstücks- und Wohnungswesen mit 782.000, Gastronomie mit 670.000 und Gesundheitswesen mit 420.000 Beschäftigten. In diesen vier Bereichen arbeiten über 42 % aller Minijobber/innen. (Quelle: DGB-Reformkonzept Minijobs)

  1. Befristet beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, müssen den Anspruch auf Übernahme in den Betrieb erhalten, wenn im Unternehmen
  2. Wir brauchen klare gesetzliche Regelungen für Praktika, zum Beispiel klare zeitliche Begrenzungen.
  3. Befristet beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, müssen den Anspruch auf Übernahme in den Betrieb erhalten, wenn Arbeitskräftebedarf vorhanden ist und Stellen besetzt werden.  Die Befristung ohne sachlichen Grund muss beendet werden.
  4. Solo-Selbstständige müssen in das System der sozialen Sicherung integriert werden. Auch die Auftraggeber müssen an den Kosten der sozialen Sicherung beteiligt werden.
Mann mit Laptop auf einer Wiese

colourbox

Fairness und gute Arbeitsbedingungen sollen auch für die Solo-Selbstständigen in den digitalen Branchen gelten – und soziale Sicherung. Denn oftmals sind sie kaum oder gar nicht gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Berufsunfähigkeit abgesichert. Viele der Einzelselbstständigen können zudem nicht ausreichend fürs Alter vorsorgen.
  1. Die Zahl der Ein-Euro Jobs muss deutlich reduziert werden. Sie müssten - wie vom Gesetz vorgeschrieben - die Ausnahme bleiben. Wenn darüber hinaus Projekte oder Personen öffentlich gefördert werden sollen, muss die Beschäftigung sozialversicherungspflichtig sein und mindestens der Mindestlohn gezahlt werden.

In zahlreichen Regionen informieren Beratungsstellen für Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter und Minijobber. In gemeinsamen Veranstaltungen mit Sozialverbänden und zum Teil den Kirchen werden die gesellschaftlichen Folgen diskutiert. Der DGB wird auch gegenüber dem Deutschen Bundestag aktiv, um auf gesetzliche Änderungen zu drängen.

Mehrere gewerkschaftliche Musterprojekte zeigen: Prekäre Beschäftigung betrifft inzwischen nahezu alle Berufsgruppen:

  1. ver.di bietet mit mediafon eine Beratung für alle Einzelselbständigen.
  2. Die IG Metall kümmerte sich mit dem Projekt "Gleiche Arbeit, gleiches Geld" um Zeitarbeiter in Metallbetrieben.
  3. Ein ähnliches Projekt gibt es von der Gewerkschaft ver.di „Hundertprozentich“.
  4. Aus einem Projekt der IG BAU entstand der Europäische Verband der Wanderarbeiter, der schon früh auf die besonderer Situation im Baugewerbe reagierte.

Gewerkschaften bieten erste Orientierung für Betroffene

Die Gewerkschaften reagieren auf die Herausforderungen. Der DGB-Bundesvorstand hat eigens eine Projektgruppe eingerichtet. Zu den Themen Leiharbeit, Praktikum, Minijobs, Teilzeit- und Befristung hat der DGB Ratgeber-Literatur herausgeben. Die Broschüren informieren Betroffene über ihre Rechte und bieten konkrete Tipps und Hilfen an.

Die Infobroschüren und Flyer gibt es online im DGB-Bestellsystem.

Prekäre Beschäftigung: Herausforderung für die Gewerkschaften (PDF, 421 kB)

Der Trend zur prekären Beschäftigung ist ungebrochen. Sowohl in der Krise als auch danach: immer weniger Arbeitsplätze sind "normal". Die unbefristete, sozialversicherte Vollzeitbeschäftigung nimmt immer mehr ab, die atypischen Formen von Arbeit weiter zu In der Krise abgebaute Jobs entstehen zwar neu, aber dann als Leiharbeit, Minijobs, Teilzeitarbeit oder als Soloselbstständigkeit und Praktikantenstellen.


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