Deutscher Gewerkschaftsbund

22.09.2015
Magazin für Beamtinnen und Beamte 9-2015

Bedarf an Lehrkräften in den Bundesländern: Viel zu tun

Die Lehrkräftebedarfsplanung der Länder: Heiter bis wolkig

Das neue Schuljahr 2015/2016 ist in allen Bundesländern gestartet. Aber wie sieht es mit der Personalplanung der Länder für Lehrkräfte aus? Wo gibt es genug Lehrerinnen und Lehrer, wo noch Personallücken? Das DGB-Magazin für Beamtinnen und Beamte gibt Antworten.

Klassenzimmer

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Seit Mitte September die Sommerferien in Bayern zu Ende gegangen sind, hat in ganz Deutschland das neue Schuljahr 2015/2016 begonnen. Während die Kultusministerien zu Beginn des Schuljahres Erfolgsmeldungen über neu eingestellte Lehrkräfte verkünden, hoffen Eltern und Schulleitungen auf einen funktionierenden Schulbetrieb mit wenig Unterrichtsausfall und auf Qualität im Unterricht. Und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schaut genauer hinter die Fassade. Das Magazin für Beamtinnen und Beamte erläutert anlässlich des gerade begonnenen Schuljahres die Herausforderungen für die Personalbedarfsplanung und die Baustellen am Beispiel des Schulwesens.

Herausforderung Personalbedarfsplanung

An allgemeinbildenden Schulen gab es nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Schuljahr 2013/2014 664.659 Lehrkräfte. Davon waren 202.886 zwischen 50 und 60 Jahre alt. In den kommenden Jahren wird folglich ein Generationenübergang in den Lehrerkollegien stattfinden. Parallel zu dieser Entwicklung sinken zwar auch die Schülerzahlen insgesamt in Deutschland, aber die Hoffnung auf eine „demografische Rendite“ ist trügerisch. Durch Schulreformen, pädagogische Maßnahmen und gesellschaftliche Veränderungen kommen neue Aufgaben hinzu, deren Umsetzung nur mit gut ausgebildetem und zusätzlichem Personal gelingen kann. Ein Beispiel ist die Umsetzung des Ganztagsschulbetriebs. Außerdem müssen die Länder den Zugang zu Bildung für die vielen schulpflichtigen Flüchtlingskinder, die derzeit nach Deutschland kommen, organisieren. Eine weitere Entwicklung ist die Umstellung des Schulsystems in Deutschland auf ein inklusives Modell – also die Unterrichtung von Kindern ohne Förderbedarf und Kindern mit Handicap in gemeinsamen Schulen und Klassen. Für einen erfolgreichen inklusiven Schulunterricht sieht die GEW eine personelle Doppelbesetzung der einzelnen Klasse – wie etwa in Hamburg seit 20 Jahren praktiziert – sowie kleine Klassen als eine Voraussetzung an. Zudem steigen laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 die Zahlen der förderbedürftigen Schülerinnen und Schüler stetig. Dann braucht es mehr Fachpersonal. Bereits jetzt zeichnet sich aber ein Mangel an Sonderpädagogischen Lehrkräften ab, der sich zukünftig noch verstärken wird. Laut Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) werden hier bis zum Jahr 2025 bundesweit jährlich durchschnittlich 400 Lehrkräfte fehlen. Die Prognosen zum Bedarf und Angebot der verschiedenen Lehramtstypen erstellt die KMK regelmäßig auf Grundlage der Modellrechnungen der Länder. Zwar wurde so manches Kultusministerium in der Vergangenheit eines Besseren belehrt. Aber die Schätzungen geben zumindest eine grobe Orientierung. In den kommenden Jahren ist in der Gesamtheit von einer starken Unterdeckung in den ostdeutschen und einem deutlichen Überangebot in den westdeutschen Bundesländern auszugehen.

Menschliche Kettenreaktion

Einen Eindruck davon, was diese unterschiedlichen Bedarfe bedeuten, gewinnt man aktuell am Beispiel Bayern und Berlin. So hatten in Bayern ausgebildete Lehrkräfte zum Schuljahresstart kaum Chancen auf eine Stelle an einer bayerischen Schule. Dafür hat Berlin viele Lehrerinnen und Lehrer aus Bayern und Baden-Württemberg eingestellt. In der Hauptstadt kann der Lehrkräftebedarf auch in den kommenden Jahren bei weitem nicht durch den eigenen Nachwuchs gedeckt werden. Laut Abgeordnetenhaus verlassen in den nächsten vier Jahren jährlich über 550 Lehrkräfte den Grundschuldienst bei gleichzeitig steigenden Schülerzahlen. An den Grundschulen – und in Mangelfächern auch an anderen Schultypen – werden daher zusätzlich Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger eingesetzt. Ein wenig zynisch könnte man sagen, dann besteht ja vorerst kein Problem. Müssen die Bewerberinnen und Bewerber für ein Lehramt eben von Süden nach Norden bzw. von Westen nach Osten ziehen. Möchte jemand aber aus den unterschiedlichsten Gründen den Lebensmittelpunkt nicht einfach so verlagern, besteht ja noch Hoffnung: Vielleicht erst mal mit einer Vertretung über Wasser halten? Schließlich verfolgen alle Länder das hehre Ziel, den Unterrichtsausfall so gering wie möglich zu halten. Den Vertretungsunterricht bei Ausfall einer Lehrkraft organisieren die Länder mittels verschiedener Modelle. Viele versuchen das Problem über einen Pool von Vertretungslehrkräften zu lösen – mit deutlichen Nachteilen für die Beschäftigten. Vertretungen haben befristete  Angestelltenverträge, müssen sich immer wieder auf wechselnde Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen und Eltern einlassen und meist werden sie zum Schuljahresende in die Arbeitslosigkeit entlassen. Keine verlässliche Perspektive also. Aber ein solches Modell gibt dem Land und den Schulen eben Flexibilität. Die könnte allerdings auch anders geschaffen werden. So schlägt die GEW vor, Vertretungslehrkräfte in einem Pool unbefristet einzustellen und ihnen nach zwei Jahren eine feste Einsatzschule anzubieten.

Marode Rahmenbedingungen

Qualifizierte und vor allem motivierte Lehrerinnen und Lehrer sind zwar die wichtigste Voraussetzung für einen gelingenden Unterricht, die entsprechenden räumlichen Rahmenbedingungen bilden aber eine weitere tragende Rolle im Bildungssystem. Die Bausubstanz tausender Schulen ist jedoch marode: nicht benutzbare Schultoiletten, einsturzgefährdete Sporthallen, gesperrte Schulgebäude. Mancherorts wird in Containern unterrichtet. Manchmal auch, weil umliegende Schulen wegen sinkender Schülerzahlen geschlossen wurden und die Schülerzahlen dann unvorhergesehen wieder angestiegen sind. Der Sanierungsbedarf geht weit in die Milliarden. Hin und wieder werden Sanierungsprogramme aufgelegt. Aber die Schuldenbremse, derentwegen die Länder ab 2020 ausgeglichene Haushalte vorweisen müssen, lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Bildungssystem aufgabengerecht finanzieren

Die Neueinstellungen der Lehrkräfte zum Schuljahresbeginn sind erfreulich. Sie dürfen aber nicht über den tatsächlichen Bedarf für eine hohe Unterrichtsqualität hinwegtäuschen. Schließlich werden die Bedarfe bei der Personalplanung nur insoweit berücksichtigt, wie sie vorher politisch festgelegt wurden. Eigentlich gäbe es viel zu tun um Schule für alle Kinder erfolgreich zu gestalten. Kleinere Klassen und eine bessere personelle Ausstattung für die Bildung und Erziehung im Ganztagsschulbetrieb sind nur zwei von vielen weiteren Forderungen der GEW. Der DGB setzt sich in allen Bereichen des öffentlichen Dienstes für Bedarfsanalysen ein. Das Maß öffentlicher Leistungen sollte nicht durch fehlende Ressourcen bestimmt werden, sondern durch den tatsächlichen Bedarf.

Aus: Magazin für Beamtinnen und Beamte des DGB, Ausgabe 9-2015


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