Deutscher Gewerkschaftsbund

Schwerpunkt Leiharbeit

13.07.2011

Leiharbeit in Deutschland und Europa

Leiharbeit, auch Zeitarbeit genannt,  ist in Deutschland erst seit 1972 erlaubt. Mit der Hartzgesetzgebung lockerte der Gesetzgeber im Jahre 2003 die gesetzlichen Beschränkungen in wesentlichen Punkten. Seitdem nimmt die Beschäftigung in diesem Sektor rasant zu.

Blick in Montagehalle für Turbinen

DGB/Simone M. Neumann

Leiharbeit breitet sich immer mehr aus: mehr als 900 000 Menschen waren Anfang 2012 als LeiharbeiterInnen beschäftigt. Leiharbeit - oder auch Zeitarbeit - ist eine besondere Form der Beschäftigung und in Deutschland erst seit 1972 werlaubt.  Die Beschäftigten werden nicht direkt bei dem Unternehmen beschäftigt, in dem sie tatsächlich arbeiten, sondern sie werden diesem Unternehmen von einem Dritten überlassen also ausgeliehen. Arbeitsrechtlich sind die Arbeitskräfte Beschäftigte des Verleihers. Er ist zuständig für die Einstellung bzw. Beendigung des Arbeitsverhältnisses, die Lohnzahlung, Gewährung von Urlaub und die Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern.

Für die Überlassung des Arbeitnehmers zahlt der Entleiher einen Verrechnungssatz an den Verleiher, mit dem dieser seine Kosten decken muss und auch noch einen Gewinn erzielen will. Der Verrechnungssatz beträgt nach Schätzungen rund das Zwei bis Zweieinhalbfache des Bruttolohnes der Beschäftigten.

Aus diesem Dreiecksverhältnis ergibt sich eine besondere Schutzbedürftigkeit der Leiharbeitnehmer. Der Entleihbetrieb übernimmt z.B. beim Kündigungsschutz keine rechtlichen Verpflichtungen,  Leihbeschäftigte werden beim Entleihbetrieb nicht als ArbeitnehmerInnen eingestellt, sondern wie „Waren“ eingekauft. Dies erzeugt enormen Druck auf die Preise und damit auch auf das Lohnniveau und die übrigen Arbeitsbedingungen.

Für die Leiharbeit bestehen deswegen gesetzliche Beschränkungen, die im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) geregelt sind.

Landkarte zur Leiharbeit Ausschnitt  NRW/Thüringen/Hessen/Rheinland-Pfalz

Böckler Impuls/Hans-Böckler-Stiftung

Landkarte der Leiharbeit

Anfang 2012 gibt es in Deutschland gut 900.000 LeiharbeiterInnen, so viele wie nie zuvor. Seit 2005 hat sich ihre Zahl damit mehr als verdoppelt. Das WSI hat den Anteil der Leiharbeit in allen 429 Land- und Stadtkreisen erfasst. Besonders hohe Quoten verzeichnet die Feinanalyse überwiegend für mittelgroße Städte mit 50.000 bis 200.000 Einwohnern. 

Die Datenbank "Atypische Beschäftung" bietet einen schnellen Überblick zur Entwicklung der Beschäftigung von 2003 bis 2009 mit Auswertungen in Tabellen und Grafiken. Die interaktive Karte zur Leiharbeit zeigt den Anteil der LeiharbeiterInnen an den sozialversicherten Beschäftigten aufgeschlüsselt nach Ländern, Städten und Kreisen (Stand 2008). Die Landkarte Minijobs schlüsselt bundesweit den Anteil der Kleinarbeitsverhältnisse auf (Stand 2009).

Zur Datenbank
Interaktive Landkarte Leiharbeit
Interaktive Landkarte Minijobs

Mit den wesentlichen Änderungen im Jahre 2003 (Hartz I) wurden die gesetzlichen Beschränkungen gelockert. Die Arbeitskräfte wurden rechtlich den übrigen Beschäftigten weitgehend gleichgestellt und Schutzvorschriften aufgeweicht. Vor allem dürfen Unternehmen Leiharbeitskräfte jetzt unbefristet verleihen. Einen besonderen Kündigungsschutz gibt es nicht. Arbeitnehmer/innen dürfen befristet eingestellt werden, die Befristung darf auch auf den konkreten Einsatz (Verleih) bezogen werden. Im Gegenzug haben die LeiharbeitnehmerInnen während der Überlassung einen gesetzlichen Anspruch auf Gleichbehandlung mit vergleichbaren Stammbeschäftigten. Das betrifft die wesentlichen Arbeitsbedingungen und bezieht sich vor allem auf die Entlohnung.

Diese Regel hat eine entscheidende Ausnahme: Abweichende Regelungen dürfen in Tarifverträgen vereinbart werden. Die Anwendung eines Tarifvertrages kann auch im Arbeitsvertrag individuell vereinbart werden.

Unsichere Leiharbeit verdrängt reguläre Arbeitsplätze

Der DGB befürchtet, dass die Leiharbeit weiter zunimmt. Damit besteht aus Sicht des DGB die Gefahr, dass reguläre Arbeitsplätze verdrängt werden und durch unsichere Leiharbeit ersetzt werden. Hierdurch kann der Kündigungsschutz unterlaufen werden und tarifliche Standards geraten unter Druck. Die Gewerkschaften fordern deswegen, dass Leiharbeit nur dann eingesetzt wird, wenn Auftragsspitzen vorliegen oder kurzfristig Personalbedarf besteht zum Beispiel bei Ausfällen wegen Erkrankung.

35 Prozent der Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten setzen Leiharbeitskräfte ein. Dabei verteilt sich der Zuwachs nicht gleichmäßig auf alle Branchen. Den höchsten Zuwachs gibt es im verarbeitenden Gewerbe. Dort beträgt der Anteil der Leiharbeiter inzwischen 4,5 Prozent. In der Metall- und Elektroindustrie sogar sechs Prozent.

Das Einkommensniveau der Beschäftigten ist niedrig, und trotz der gesetzlichen Gleichstellung ist der Lohnabstand zu den Beschäftigten der Entleihbetriebe beträchtlich.

Sowohl im Verleihunternehmen als auch im Einsatzbetrieb von LeiharbeitnehmerInnen (Entleiher) ergeben sich zahlreiche Probleme, die eine wirkungsvolle Mitbestimmung und Mitwirkung durch Betriebs- bzw. Personalräte erfordern.


















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01.06.2017
Leiharbeit
Ta­rif­in­fo Zeit­ar­beit - iGZ und BAP / DGB-Ta­rif­ge­mein­schaft Leih­ar­beit
DGB
Ende November 2016 hat sich die DGB-Tarifgemeinschaft Leiharbeit mit den Arbeitgeberverbänden in der Leiharbeit (iGZ und BAP) auf einen Tarifabschluss verständigt. Im neuen Jahr steigen im Westen die Entgelte in der Leiharbeit jährlich zwischen 2,5 und 3,2 Prozent pro Stunde, im Osten jährlich bis zu 4,82 Prozent pro Stunde.
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