Deutscher Gewerkschaftsbund

23.02.2017
Interview - Magazin für Beamtinnen und Beamte 02/2017

Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat

Beschäftige im Sozial- und Erziehungsdienst sind chronisch überlastet

Seit 2013 hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kita oder der Kindertagespflege. Seitdem bauen Länder und Kommunen ihr Angebot an Betreuungsplätzen massiv aus. Unterdessen finden die Träger der Kindertagesbetreuung längst nicht mehr das benötigte Personal. Über die Herausforderungen in den Sozial- und Erziehungsberufen hat das DGB-Magazin für Beamtinnen und Beamte mit GEW-Vorstandsmitglied Norbert Hocke, Leiter des Organisationsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, gesprochen.

Porträt Norbert Hocke, GEW Hauptvorstand

Norbert Hocke ist Mitglied im GEW Hauptvorstand. Er leitet den Organisationsbereich Jugendhilfe und Sozialarbeit, GEW/Kay Herschelmann

Beamtenmagazin: Wenn über unfreiwillige Teilzeit von Beschäftigten gesprochen wird, werden meist die Erzieherinnen als Beispiel angeführt. Welche Themen brennen den Beschäftigten in Kindertagesstätten und Horten derzeit auch auf den Nägeln?

Norbert Hocke: Die schlechte Erzieher/-in-Kind- Relation, die fehlende Vorbereitungszeit, die es gerade für KollegInnen in sozialen Brennpunkten unmöglich macht, sich zeitlich auf ein Elterngespräch vorzubereiten; alles nebenbei und in der Freizeit; die nichtvorhandene Krankheitsvertretung und die fehlende Freistellung vieler Leitungskräfte von der Gruppenarbeit belasten die KollegInnen, wie wir aus vielen Untersuchungen wissen. Das „Umsetzungs-Dilemma“, – man würde gern qualitativ gute Arbeit leisten, aber die Rahmenbedingungen lassen dies nicht zu – ist für die Sozialen Dienste einer der größten Belastungsfaktoren. Der Idealismus wird zur Krankheitsfalle.

Beamtenmagazin: Händeringend suchen viele öffentliche Träger der Kindertagesbetreuung nach passendem Personal. Wie könnte dem Fachkräftemangel abgeholfen werden?

Norbert Hocke: Hier haben wir in den letzten Jahren durch Untersuchungen der Hochschulen sehr genaue Daten und eindeutige Aussagen: bessere Rahmenbedingungen, eine attraktive Altersermäßigung und eine deutlich bessere Bezahlung. Die gemeinsamen Streiks 2015 des Sozial- und Erziehungsdienstes von GEW und ver.di waren ein deutliches Signal an die Arbeitgeber, den Beruf aufzuwerten. Wer Bildung von Anfang an will, der muss auch so bezahlen.

Beamtenmagazin: Im Zuge des Kitaausbaus ist die Qualität der frühkindlichen Bildung in den Hintergrund geraten. Die GEW fordert ein Kita-Qualitätsgesetz. Was würde sich damit ändern?

Norbert Hocke: Mit einem Kita-Qualitätsgesetz wollen wir die Strukturqualität verbessern und vereinheitlichen. Es ist nicht hinnehmbar, dass in einem Bundesland sechs Krippenkinder von einer Erzieherin betreut, erzogen und gebildet werden und in einem anderen drei. Die Vergleichbarkeit der Lebensverhältnisse muss – laut Grundgesetz – gewahrt sein. Es kann nicht vom Geldbeutel einer Kommune abhängen, welche Bildung und Betreuung unsere Kinder bekommen. Hier ist der Bund gefragt, endlich einzugreifen. Ähnlich wie beim Krippenausbau und beim Ganztagsschulprogramm muss der Bund sich dauerhaft an den Betriebskosten der Kitas beteiligen. Das Bundesfamilienministerium und die JugendministerInnen der Länder haben einen Schritt in diese Richtung unternommen: Im Zwischenbericht „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ schlagen sie ein Qualitätsentwicklungsgesetz vor, in dem sich der Bund dauerhaft verpflichtet, sich an den Kita-Kosten zu beteiligen.

Beamtenmagazin: In anderen Aufgabenbereichen des Sozial- und Erziehungsdienstes – etwa dem Kinderschutz – warnen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vor einem Personalnotstand und steigenden Fallzahlen. Kommt der Staat hier seiner Verantwortung noch ausreichend nach?

Norbert Hocke: Auch der Sozial- und Erziehungsdienst ist in den letzten Jahren der Wahnvorstellung eines „schlanken Staates“ zum Opfer gefallen. Die SozialarbeiterInnen in den sozialen Brennpunkten können sich nicht zerreißen. Hier ein gefährdetes Kind aus einer Familie holen, gleichzeitig einen Vormund für einen geflüchteten Jugendlichen organisieren, ein LehrerInnen Gespräch über eine Schulschwänzerin vorbereiten und durchführen und noch einen Hausbesuch mit dem Einzelfallhelfer bei Familie K. Alles gleichzeitig und möglichst gerichtsfest dokumentieren. Die Bundesländer kommen in vielen Fällen ihrer Verantwortung (Wächteramt) gegenüber den jungen Menschen nicht nach. Aber auch hier gilt: Alle Untersuchungen und Hilferufe der Betroffenen sind auf taube Ohren gestoßen. Die Kosten zu den Hilfen zur Erziehung seien zu hoch, heißt es. Dabei verkennt die Politik, dass die gesellschaftlichen Bedingungen sich deutlich verschlechtert haben, etwa im Bereich von Familien, die von Hartz IV leben müssen. Die öffentlichen Freizeitaktivitäten in den Städten für Kinder und Jugendliche sind reduziert worden oder kosten nun Geld. Über die Jugendgewalt jammern, aber nicht auf die Fachkräfte hören, so wird Politik eine ganze Generation verlieren.


Nach oben

Dieser Artikel gehört zum Dossier:

Gute Arbeit im Öffentlichen Dienst

Zum Dossier

Weitere Themen

Wenn nach Fei­er­abend nichts mehr geht
DGB/avemario/123rf.com
Über 40 Prozent der Beschäftigten sind nach der Arbeit "sehr häufig" oder "oft" zu erschöpft, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Das ist ein Ergebnis des aktuellen DGB-Index Gute Arbeit.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Das än­dert sich 2018 für Ar­beit­neh­mer und Ver­si­cher­te
Colourbox.de
Am 1. Januar 2018 treten neue Gesetze und Regelungen in Kraft. Unter anderem beim Mutterschutz und in der betrieblichen Altersversorgung. Was ändert sich noch für Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Versicherte? Eine Übersicht.
weiterlesen …

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Öffentlicher Dienst: Arbeitsbedingungen verbesserungswürdig
Um die Arbeitsbedingungen steht es auch im öffentlichen Dienst nicht gut. Zu diesem Ergebnis kommt die Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit. 58 Prozent der Beschäftigten fühlen sich gehetzt, 30 Prozent stehen keine Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung offen. Außerdem weicht die tatsächliche Arbeitszeit oft von der vereinbarten ab. weiterlesen …
Artikel
Feuerwehr: Ein Job für Teamplayer mit Hirn und Mut
Rund 100 Berufsfeuerwehren gibt es in Deutschland - vielerorts kämpfen sie mit Nachwuchssorgen. Die Bundesländer haben darauf reagiert und die Einstiegshürden auf dem Weg zum Feuerwehrmann gesenkt. Doch die Ausbildung ist noch immer anspruchsvoll. Das Beamtenmagazin über einen gefährlichen, aber auch vielseitigen Dienst am Bürger. weiterlesen …
Artikel
Klaus Vitt: "Es bedarf einer zeitgemäßen Cyber-Sicherheitsarchitektur"
Wie kann Cyber-Sicherheit in der öffentlichen Verwaltung gelingen? Dazu hat das Magazin für Beamtinnen und Beamte Klaus Vitt, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern und Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik befragt. Vitt ist außerdem Vorsitzender des IT-Planungsrates. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten