Die Konjunktur in Deutschland brummt. Viele Unternehmen stellen wieder Mitarbeiter ein - aber in vielen Fällen sind es Zeitarbeiter. Hier sieht Claus Matecki, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund, ein immer größer werdendes Problem.
"Die Zeitarbeitsfirmen schaffen in Deutschland die meisten neuen Stellen", sagt Matecki in einem Gespräch mit den Lübecker Nachrichten. In diesem Jahr rechnet der Gewerkschafter mit bis zu 600 000 Zeitarbeitern. "In zwei Jahren werden es eine Million sein." Da komme eine große Gefahr auf die Stammbeschäftigten in den Betrieben zu. "Zeitarbeiter ersetzen immer häufiger die fest angestellten Mitarbeiter und werden nicht selten mit Hungerlöhnen abgespeist. Dieser Entwicklung können wir nicht tatenlos zusehen", sagt Matecki. Gegen die Zeitarbeit hat er im Prinzip nichts - wenn sie dazu dient, wirkliche Produktionsspitzen in den Betrieben abzudecken. Doch was die Ausnahme war und auch sein sollte, werde in vielen Unternehmen zu einem Dauerzustand.
"Wenn in einem Unternehmen drei bis vier Prozent Zeitarbeiter beschäftigt sind, ist dagegen nichts zu sagen. Doch diese Quote wird häufig bei weitem mit 20 oder gar 30 Prozent überschritten. Das gilt auch für Lübecker Unternehmen wie beispielsweise Dräger", sagt Matecki. Das sei im Grunde für die Unternehmen unklug. "Denn mit dem Abschmelzen der Stammbelegschaft geht viel Know-how verloren. Gerade das aber macht die Stärke der deutschen Wirtschaft aus. "
Auch der Regionsvorsitzende der DGB-Region Schleswig-Holstein Ost, Uwe Polkaehn, ist alarmiert. "Von 2003 bis 2006 ist die Zahl der Zeitarbeiter allein in Lübeck um 65 Prozent auf 2500 gestiegen. Diese Entwicklung macht mir Sorge. Viele Zeitarbeiter sind auf zusätzliche staatliche Sozialleistungen angewiesen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Damit muss Schluss sein. Wer arbeitet, muss von seiner Arbeit auch leben können", sagt Polkaehn.
Immerhin konnte mit zwei großen Branchenverbänden der Zeitarbeit im Mai 2006 der erste Tarifvertrag vereinbart werden. Mit einem Mindestlohn von 7,38 Euro. "Die Unternehmen, die nicht tarifgebunden sind, zahlen häufig viel weniger", sagt Matecki. Auch aus diesem Grund fordern wir einen gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro. Sollten Arbeitnehmer aus Osteuropa ab 2009 volle Freizügigkeit in Deutschland erhalten, werde sich das Problem dramatisch verschärfen, so Matecki. Deshalb dürfe die derzeitige Regelung noch nicht aufgehoben werden.
Gerhard Krüger
Lübecker Nachrichten, 29. Juni 2007