Deutscher Gewerkschaftsbund

29.11.2017

Gute Ausbildung in Europa – Unions4VET

"Wie sich Europa in der Berufsbildung entwickelt liegt in unseren Händen!". Das ist das Fazit einer Gewerkschaftskonferenz im Rahmen des Projekts "Unions4VET", die im September 2017 in Riga stattfand. Im Fokus lag die Definition gemeinsamer Ziele und der Aufbau von Netzwerken, um das gewerkschaftliche Engagement in der beruflichen Bildung zu stärken.

Buntstifte und Bücherstapel auf blauem Hintergrund

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Berufsbildung ist kein Instrument, um die Jugendarbeitslosigkeit, die in manchen EU-Mitgliedstaaten mehr als 40 Prozent beträgt, kurzfristig zu beheben. Das ist klar. Bei der Frage der Berufsbildung geht es den Gewerkschaften in erster Linie um die Verantwortung für die Jugendlichen. Hier müssen sie gemeinsam mit den Mitgliedstaaten und Arbeitgebern aktiv werden. Eine verlorene Generation wäre ein Armutszeugnis für Europa. Gewerkschaften müssen den politischen Druck verstärken und nationale Bildungsinvestitionen und den Ausbau der Jugendgarantie einfordern.

Zur Konferenz eingeladen hatten der DGB, das bfw-Unternehmen für Bildung und der lettische Gewerkschaftsbund LBAS, um sich über politische Strategien in der Berufsbildung auszutauschen und gemeinsame Handlungsansätze zu finden. Grundlage des Diskussionseinstiegs waren die Vorschläge für einen Europäischen Qualitätsrahmen für die Ausbildung, den der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) im letzten Jahr veröffentlicht hat. Ausbildungssysteme sollten entsprechend des Vorschlags von CEDEFOP (Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung) auf systematisch aufgebauter Langzeitausbildung, die im Wechsel zwischen Bildungseinrichtung oder Ausbildungszentrum und Betrieb vermittelt wird, beruhen Der Auszubildende schließt mit dem Arbeitgeber einen Vertrag und bezieht ein angemessenes Arbeitsentgelt. Der Arbeitgeber ist verantwortlich dafür, dass der Auszubildende eine Ausbildung erhält, die ihn für einen ganz bestimmten Beruf qualifiziert. Dazu entwickelten die Gewerkschaften 20 Qualitätsstandards und Kriterien.

Dabei geht es um angemessene Lernformen im Betrieb und in der Schule, eine breit angelegte Berufsausbildung, um angemessene Vergütung und Qualifizierung des Personals, sowie um die Steuerung der Berufsbildung.

Gewerkschaften sind dabei als wesentlicher Akteur gefordert. Für eine gute Steuerung in der Berufsbildung müssen sie folgende Ziele anstreben:

  • Ausgestaltung der Berufsbildungspolitik gehört ins Zentrum gewerkschaftlicher Ziele;
  • Gewährleistung einer gemeinsamen Strategie der Gewerkschaften, um eine Fragmentierung in den verschiedenen Organisationen und Branchen zu vermeiden;
  • Regierungen auffordern, klare Strukturen und Gesetzgebung in der Berufsbildung unter Beteiligung der Gewerkschaften einzuführen;
  • Beteiligung der Gewerkschaften, um eine Gesetzgebung einzuführen, die es den Mitarbeitern ermöglicht, sich an der Qualifikationsentwicklung zu beteiligen; insbesondere ein Recht auf Ausbildung und bezahlte Zeit für die Aufnahme von Schulungen;
  • Etablierung von Bildungsallianzen, vor allem Arbeitgeberverbänden und Arbeitgebern, um einen Prozess des sozialen Dialogs zu vermitteln, damit die Kompetenzentwicklung Teil der Tarifverhandlungen wird;
  • Aufbau von Gewerkschaftskapazitäten für die Berufsbildungspolitik;
  • Sicherstellen, dass junge Menschen, insbesondere Auszubildende, nicht als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden;

Selbst in Ländern mit einem sehr partizipativ ausgestalteten Steuerungsmodell wie in Deutschland gelingt es immer weniger, junge Menschen aufgrund des Akademisierungstrends und der Flucht der Betriebe aus den Kollektivverträgen für eine duale Ausbildung – insbesondere in handwerklichen Berufen - zu gewinnen. Viele Branchen (z. B. im Bereich Hotel und Gaststätten) müssen sich um gute Arbeitsbedingungen bemühen, und die Aushebelung von sozialpolitischen Standards (Stichwort: Werkverträge für ausländische Arbeitnehmer/innen) sollte bekämpft werden. Aufgabe der Sozialpartner ist es für die Stärkung und moderne Gestaltung der Berufsausbildung einzutreten und dazu beizutragen, dass die Ausbildungsberufe nicht nur am Bedarf des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind, sondern attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten und Perspektiven für junge Menschen eröffnen.

Im Rahmen des Projektes Unions4VET werden exemplarisch Pilotmaßnahmen initiiert, um über diesen Weg einen konkreten Beitrag zur Umsetzung guter Berufsbildung in Europa zu leisten.

Praxisbeispiel Italien

CGIL, CISL und UIL sind gemeinsam in der Region Piemont seit 2015 aktiv in Unions4VET beteiligt. Ziel ist es, Gewerkschaften als gleichberechtigten Akteur in Fragen der Berufsbildung zu etablieren. 2016 fanden Qualifizierungsseminare für italienische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zur Führung im Bereich der beruflichen Bildung statt. Es gelangen drei Betriebsvereinbarungen mit lokalen Unternehmen, Ferrero, Cassa di Risparmio di Asti und Vodafone. Des Weiteren umfasste das Projekt Diskussionen mit Branchendachgewerkschaften und Betrieben über Einstellung und Ausbildung sowie Qualifizierung von Ausbildern, Austausch mit Berufsbildungseinrichtungen, gewerkschaftliche Angebote und Themen für Schulen, Studien- und Betriebsbesuche Mehr unter: www.progettoUnions4VET.it

Praxisbeispiel Griechenland

Um die Ausbildungsqualität und die Interessenvertretung der Auszubildenden zu stärken, werden mit den griechischen Gewerkschaften seit 2017 verschiedene Pilotprojekte durchgeführt, unter anderem zur Entwicklung und Erprobung von Qualifizierungskonzepten für Mentor/innen von Auszubildenden in Betrieben, Erarbeitung von Ausbildungsplänen und innerbetriebliche Workshops zur Ausbildungsqualität in der Tourismusbranche. Eine enge Kooperation gelang mit zwei wissenschaftlichen Instituten der Gewerkschaften (INE GSEE und KANEP GSEE).

Fazit

Unions4Vet bezweckt kein Ranking der Berufsbildungssysteme oder den schlichten Export der dualen Berufsbildung in andere Länder. Vielmehr sollen Netzwerke aufbaut, gemeinsame Ziele definiert und Handlungsschritte eingeleitet werden.

  • Der Lernort Betrieb ist deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Berufsbildung. Er kann nicht ersetzt werden – weder durch das Internet noch durch außerbetriebliche Bildungszentren und Lehrwerkstätten. Jeden Beruf muss man zuletzt praktisch – in der Wirklichkeit des Arbeitslebens – erlernen.
  • Berufliche Bildung kann auch kein rein staatliches Bildungssystem sein, es lebt vom Engagement der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Durch die Ausbildung im Betrieb werden die Jugendlichen zu Insidern in den Unternehmen.
  • Für die Gewerkschaften sind die Jugendlichen akzeptierter Teil der Belegschaften. Betriebs- und Personalräte sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen streiten für die Rechte der Auszubildenden. In den Tarifverhandlungen setzen sich die Gewerkschaften ebenfalls für die Auszubildenden ein.

von Ullrich Nordhaus, DGB


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