Deutscher Gewerkschaftsbund

01.09.2017
klartext 32/2017

Arbeitsmarkt: Von wegen, alles in Butter!

Die Bundestagswahl rückt näher. Die Kanzlerin verkündet sonnige Zeiten für Deutschland und freut sich über Rekordbeschäftigung. Doch hinter dem vermeintlichen Jobwunder verbirgt sich ein Anstieg von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Immer mehr Menschen sind in der Leiharbeit oder unfreiwilliger Teilzeit beschäftigt, haben nur einen befristeten Vertrag oder einen Minijob. Der DGB klartext.

Miniatur-Figuren Arbeiter zerlegen Nüsse

DGB/Kirill Makarov/123rf.com

Alles in Ordnung?

Die Bundestagswahl rückt immer näher. Die Kanzlerin verkündet sonnige Zeiten für Deutschland. Noch nie ging es uns so gut wie heute. Wir hätten Rekordbeschäftigung, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze nehme zu. Deutschland sei in guten Händen. Auch im TV-Duell zwischen Merkel und Schulz dominierten andere Themen, wie zum Beispiel Flüchtlingspolitik, Russland, Nordkorea, den Schlagabtausch, als sei alles hierzulande in Butter. Geht es uns einfach zu gut?

Immer mehr Beschäftigte...

Nun zu den Fakten: 2003 waren noch 4,37 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, heute nur 2,5 Millionen. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 36,2 Millionen in 2003 auf 44,3 Millionen im Juli 2017. Immer mehr Menschen finden einen Job. Erlebt Deutschland gerade ein Jobwunder?

... immer mehr unsichere Arbeitsverhältnisse

Doch hinter dem vermeintlichen Jobwunder seit 2005 verbirgt sich viel mehr ein Anstieg der atypischen Beschäftigung. So nahmen Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung, (unfreiwillige) Teilzeitarbeit, Soloselbstständigkeit und Befristungen zu. Nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit haben rund 2,7 Mio. Menschen neben ihrer Hauptbeschäftigung noch einen Minijob. Offensichtlich kommen viele Menschen mit ihrem Einkommen nicht über die Runden. Dem gesetzlichen Mindestlohn und den Reallohnzuwächsen zum Trotz.

Grafik zeigt steigenden Anteil von atypisch Beschäftigten von 2003 (14 Prozent) bis 2016 (22 Prozent)

DGB

Mehr als jeder Fünfte bekommt Niedriglohn

Beispiel Mindestlohn: Von seiner Einführung profitierten Millionen Beschäftigte. Inzwischen liegt er bei 8,84 Euro und damit unterhalb der Niedriglohnschwelle von 10,22 Euro. Nach Zahlen des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) arbeiten rund 22,6 Prozent aller abhängig Beschäftigten für einen Stundenlohn unter diesem Schwellenwert. Diese Haushalte haben nicht nur mit geringem Einkommen zu kämpfen, sondern müssen auch gleichzeitig mit steigenden Ausgaben für Mieten, Kitaplätze etc. fertig werden.

Einkommmensungleichheit wächst

Doch damit nicht genug. Während das einkommensschwächste Zehntel Einbußen von 7 Prozent hinnehmen musste, konnten die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung in den letzten 20 Jahren ihre Löhne real um 8,5 Prozent steigern. Zudem befeuerten Steuersenkungen für Top-Verdiener die Einkommensungleichheit zusätzlich.

Von Einkommensarmut sind besonders Kinder und Jugendliche betroffen, aber auch bei Menschen mittleren Alters liegt die Wahrscheinlichkeit höher, weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zu beziehen bei über 10 Prozent. Auch die Altersarmut nimmt stetig zu. Also von wegen alles in Butter bei so viel Ungleichheit.

Besser mit Tarifvertrag

Klar ist auch, dass Beschäftigte mit Tarifvertrag besser verdienen als „Tariflose“, die eher der Willkür von Arbeitgebern ausgesetzt sind. Doch seit Jahren ist die Tarifbindung rückläufig, unter anderem, weil Arbeitgeber nicht mehr an den Verhandlungstisch kommen. Deshalb müssen die Tarifverträge, leichter als heute der Fall ist, allgemeinverbindlich erklärt werden. Wenn wir unsere Gesellschaft zusammenhalten wollen, dann müssen wir die Tarifbindung stären, Niedriglohnsektor zurückdrängen und soziale Gerechtigkeit wagen.


klartext 32/17_Arbeitmarkt - von wegen alles in Butter (PDF, 227 kB)

Die Bundestagswahl rückt näher. Die Kanzlerin verkündet sonnige Zeiten für Deutschland und freut sich über Rekordbeschäftigung. Doch hinter dem vermeintlichen Jobwunder verbirgt sich ein Anstieg von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Immer mehr Menschen sind in der Leiharbeit oder unfreiwilliger Teilzeit beschäftigt, haben nur einen befristeten Vertrag oder einen Minijob.


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