Deutscher Gewerkschaftsbund

27.09.2010

Aufsichtsrat des Monats 09/10: Europa im Blick

Roland Werner, Aufsichtsrat des Monats

Roland Werner, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Südzucker AG. Foto: Privat

Aufsichtsrat des Monats September ist Roland Werner. Der gelernte Mess- und Regeltechniker ist seit 1990 Betriebsratsvorsitzender bei der Südzucker AG im Werk Brottewitz (Brandenburg). Der 57jährige ist seit acht Jahren im Aufsichtsrat der Südzucker AG. „Die Anliegen der Beschäftigten stehen für mich an oberster Stelle. Da die Zuckerbranche stark abhängig ist von europäischen Vorgaben aus Brüssel, haben wir auch die Arbeitnehmerinteressen der gesamten Branche im Auge – ganz besonders in schwierigen Zeiten.“ Werner über Erfolge im Aufsichtsrat, worüber er sich ärgert und den Einfluss Europas auf die Arbeit in der Zuckerindustrie.

1. Wenn es keine mitbestimmten Aufsichtsräte gäbe, müsste man sie erfinden, weil…

so die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in unternehmenspolitische Entscheidungsprozesse eingebracht und die vorhandenen Kompetenzen besser genutzt werden können. Ein konstruktives Verhältnis zwischen Konzernleitung und Belegschaftsvertretern trägt wesentlich dazu bei, sozialverträgliche Lösungen zu finden und gemeinsam am nachhaltigen Unternehmenserfolg zu arbeiten. Die so gelebte Demokratie ist eine interessante Erfahrung, die ich machen durfte.

2. Wenn Sie einen Aspekt des deutschen Mitbestimmungsmodells weltweit einführen dürften: Welcher wäre das – und warum?

Die paritätische Mitbestimmung in den Kontrollgremien muss gesetzlich geregelt sein. Regelungen auf freiwilliger Basis sind immer in Gefahr – vor allem in Krisenzeiten – unterlaufen zu werden.

3. Wenn die Arbeitnehmerseite nicht aus betrieblichen und externen VertreterInnen zusammengesetzt wäre – was würde dem Aufsichtsrat fehlen?

Die betrieblichen Vertreterinnen und Vertreter haben die größeren Kompetenzen, wenn es um spezifische, unternehmensinterne Angelegenheiten oder branchenspezifische Besonderheiten geht. Externe Vertreter bringen gesamtwirtschaftliche und wichtige politische Aspekte als externen Sachverstand in den Entscheidungsprozess ein. Erst diese Zusammensetzung ermöglicht eine komplexe Meinungsbildung und geschlossene Außendarstellung der Position der Arbeitnehmervertreter.

4. Was war bisher Ihr größter Erfolg, den Sie gemeinsam im Aufsichtsrat durchsetzen konnten?

Jede Entscheidung des Aufsichtsrates betrifft auch immer irgendwo Menschen, die im Konzern tätig sind, und wirkt wie ein Mosaikstein. Erst die Bewertung der Summe der Entscheidungen ergibt ein Bild, wie erfolgreich die Arbeit gesehen werden kann.

5. …und was das größte Ärgernis im Laufe Ihrer Aufsichtsratstätigkeit?

Dass durch veränderte politische Rahmenbedingungen in der EU und unternehmerisches Rationalisierungsstreben Werksschließungen und Arbeitsplatzverlust nicht verhindert werden konnten.

6. Mit Blick auf Europa und die Globalisierung: Muss sich die Arbeit der Aufsichtsräte noch weiter internationalisieren?

In unserem Fall ist es so, dass die meisten Mitglieder des Europäischen Betriebsrates auch Mitglieder in den Aufsichtsräten oder vergleichbaren Gremien der Konzerntochtergesellschaften sind. Die so bestehenden Strukturen sind die Grundlage für eine praktizierte, erfolgreiche Zusammenarbeit. Aber auch hier ist es wie überall: Nichts ist so gut, als dass man es nicht noch verbessern könnte.

7. Der Aufsichtsrat unterstützt gute und sozial verantwortungsvolle Unternehmensführung, indem…

großen Wert auf den Erhalt einer gut entwickelten Unternehmenskultur gelegt wird, weil dem gesamten Aufsichtsrat klar ist, dass der nachhaltige Unternehmenserfolg nur durch zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter garantiert wird.

8. Wer reagiert am positivsten auf Ihre Arbeit im Aufsichtsrat, wer weniger positiv?

Negative Reaktionen habe ich bisher von keiner Seite erleben müssen.

9. Das Wort, das in Vorbesprechungen der Arbeitnehmervertreter vor Aufsichtsratssitzungen am häufigsten fällt, ist…

„Da müssen wir noch mal nachfragen.“

10. Action, Komödie, Tragödie, Krimi, Liebesfilm – welches Genre beschreibt Ihren Aufsichtsrat am besten? Und welchen Titel hätte ein Film über das Gremium?

Ich halte die Frage für etwas unglücklich, weil ein Film ja inszeniert wird und Inszenierungen im Aufsichtsrat fehl am Platze sind. Ein rückblickender Dokumentarfilm wäre sicherlich interessant.


Vorheriger Artikel Nächster Artikel Übersicht Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Themenverwandte Beiträge

Pressemeldung
TTIP: DGB und vzbv fordern Kurswechsel für hohe Arbeits-, Sozial-, Verbraucher- und Umweltstandards
Der DGB und der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordern gemeinsam, die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP zwischen EU und USA in eine andere Richtung zu lenken. "Anstatt Regeln abzubauen, müssen die USA und die EU gemeinsam höhere Standards beim Umwelt- und Verbraucherschutz und bei Arbeitnehmerrechten schaffen", sagt DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. weiterlesen …
Dossier
TTIP: DGB fordert Kurskorrekturen
Seit vergangenem Jahr verhandeln die Europäische Union und die USA über ein Freihandelsabkommen: die sogenannte Transatlantic Trade and Investment Partnership, kurz TTIP. Der DGB fordert vor allem drei Kurskorrekturen: Keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, kein Investitionsschutz und kein Abbau von Arbeits-, Umwelt-, Verbraucher- und Sozialstandards. Alle Infos in unserem Dossier. weiterlesen …
Artikel
DGB gegen TTIP-Investitionsschutz
Bis zum 13. Juli lief die öffentliche Online-Konsultation der EU-Kommission über eine Investitionsschutz-Klausel im geplanten Freihandelsabkommen TTIP. Der DGB hat eine Stellungnahme abgegeben – und räumt darin mit einigen Argumenten der Investitionsschutz-Befürworter gründlich auf. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten