Deutscher Gewerkschaftsbund

18.07.2012

Jugendarbeitslosigkeit: Spanien sieht duales Berufsbildungssystem als Lösung

Spaniens Regierung will mit einem dualen Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit vorgehen. Bei einer Ausbildungskonferenz in Stuttgart sicherte sich der spanische Bildungsminister Wert Ortega die Unterstützung seiner Amtskollegin Annette Schavan.

DGB-Bildungsreferent Thomas Gießler nahm an der Konferenz teil. Er erklärt im Interview, wie spanische und deutsche Gewerkschaften die Ausbildung gemeinsam verbessern wollen.

Frage: Die spanische Regierung will die enorme Jugendarbeitslosigkeit in den Griff bekommen, in Stuttgart wurde am 12. Juli über Mittel und Wege diskutiert. Spielte dabei auch der deutsche Arbeitsmarkt eine Rolle? Deutsche Unternehmen klagen ja viel über fehlende Fachkräfte und werben gezielt junge ArbeitnehmerInnen auch aus Spanien an.

Thomas Gießler: Auf der Konferenz ging es darum, wie man die duale Berufsausbildung europäisieren und ein solches Modell in Spanien aufbauen kann. Die Jugendlichen sollen im eigenen Land wieder eine Perspektive bekommen. Es ging nicht darum, möglichst viele spanische Jugendliche nach Deutschland zu holen. Das kann auch nicht das Mittel sein, um den angeblichen Fachkräftemangel zu beheben. In Deutschland befinden sich noch immer 300.000 Jugendliche im so genannten Übergangssystem. Und statt Warteschleifen brauchen auch sie eine qualifizierte betriebliche Ausbildung.

Montagehalle, Arbeiter hällt eine Maschinenschraube

DGB/Simone M. Neumann

Spanien müssen wir natürlich unterstützen, das gebietet die Solidarität angesichts von 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Aber gewährleistet sein muss auch, dass spanische Jugendliche, die hier einen Ausbildungsvertrag unterschreiben, nicht als Azubis zweiter Klasse behandelt werden: Sie müssen die gleichen Löhne und Rechte erhalten. Aber gute Sprachkenntnisse sind unerlässlich. Und dafür braucht es begleitende Sprachförderung; auch die Kultur der deutschen Arbeitswelt sollte vermittelt werden. Die Bildungseinrichtungen der spanischen Gewerkschaften bieten diese Möglichkeiten.

Bildungsminister José Ignacio Wert Ortega sagte in Stuttgart, er wolle die duale Berufsbildung parallel zum derzeitigen Ausbildungssystem einführen.  Was ist davon zu halten?

Wir als DGB begrüßen, dass der spanische Bildungsminister überhaupt über eine duale Ausbildung nachdenkt. Dennoch: Spanien beginnt nicht bei Null. Es gibt bereits gute Ansätze praxisorientierter Ausbildung, insbesondere in Barcelona und Madrid. Seit 30 Jahren können junge Menschen einen Abschluss der Außenhandelskammer (AHK) in deutschen kaufmännischen Berufen machen. Auch die Volkswagen-Tochter SEAT in Barcelona und VW in Navara bieten duale Ausbildungen. Und es gibt noch viele mehr. Aber aus diesen einzelnen Modellen müssen systematische Lösungen entwickelt werden, das war auch Tenor der Stuttgarter Konferenz.

Was bedeutet das nun für die Zusammenarbeit zwischen spanischen  und deutschen Gewerkschaften - und wie müssen sie in diese Bildungsreform eingebunden werden?

Wir meinen, dass die Gewerkschaften unbedingt am Prozess beteiligt werden müssen, damit diese Pläne für ein neues Berufsbildungssystem erfolgreich umgesetzt werden können. Der DGB hat deshalb mit den beiden großen spanischen Gewerkschaftsdachverbänden CCOO und UGT in Barcelona Kontakt aufgenommen. Unser Ziel ist eine gemeinsame Position, um in Spanien eine qualifizierte Berufsausbildung zu organisieren. Alle Sozialpartner müssen eingebunden werden.


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