Deutscher Gewerkschaftsbund

16.06.2011
DGB-Vorsitzender Michael Sommer

Leiharbeit ist Tagelöhnerei des 21. Jahrhunderts

Um Spitzenzeiten in der Produktion aufzufangen, dazu war Leiharbeit mal gedacht. Aber inzwischen arbeitet gut eine Million Menschen in solchen Jobs. Flexibel auf die Auftragslage der Unternehmen reagieren zu können, darum geht es längst nicht mehr. Leiharbeit ist heute zentrales Instrument für Lohndumping und die Zerstörung normaler, unbefristeter und tariflich bezahlter Arbeitsplätze.

Von Michael Sommer

Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeiter sind erstklassige Beschäftigte, qualifiziert und engagiert wie die Kolleginnen und Kollegen der Stammbelegschaften. Aber sie werden zweitklassig behandelt – vor allem bei der Entlohnung und der Arbeitsplatzsicherheit.

Sie verrichten die gleiche Arbeit am gleichen Ort wie ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Stammbelegschaft, verdienen dafür aber bis zu 50 Prozent weniger. Warum das angemessen und gerecht sein soll, versteht kein Mensch, der seine sieben Sinne noch beisammen hat.

Armutsrisiko bis fünf Mal höher

Leiharbeit ist die Tagelöhnerei des 21. Jahrhunderts. Die Betroffenen hangeln sich von Job zu Job – nur ungefähr jeder zehnte wird im Einsatzbetrieb übernommen. Sie leben in ständiger Unsicherheit – rund zwei Drittel aller Jobs in Leihfirmen dauern weniger als drei Monate. Sie sind arm trotz Arbeit – rund jeder achte muss seinen kargen Lohn mit Hartz IV aufstocken. Für Leiharbeitnehmer ist das Armutsrisiko vier bis fünf Mal höher als bei Festangestellten - sie waren die ersten, die in der Wirtschaftskrise gefeuert wurden. Das ist die raue Wirklichkeit unserer modernen Arbeitswelt.

Ergebnis falscher politischer Entscheidungen

Gedacht war die Leiharbeit, um Spitzenzeiten in der Produktion aufzufangen. Aber inzwischen steuern wir auf über eine Million Leiharbeiter zu. Es geht längst nicht mehr darum, flexibel auf die Auftragslage der Unternehmen zu reagieren. Mit Leiharbeit werden Arbeits- und Tarifbedingungen unterlaufen. Sie ist zu einem zentralen Instrument für Lohndumping und die Zerstörung normaler, unbefristeter und tariflich bezahlter Arbeitsplätze geworden.

Der Arbeitsmarkt ist in einem verwahrlosten Zustand. Das ist nicht die unvermeidbare Folge von Globalisierung und technischem Fortschritt. Das ist die Folge von politischen Entscheidungen und gewollten Reformen. Deswegen müssen und werden wir diese Zustände auch nicht hinnehmen. Der Branchenmindestlohn in der Leiharbeit war ein erster wichtiger Schritt, um den extremsten Formen des Lohndumpings einen Riegel vorzuschieben. Aber die Ziele bleiben:

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, den Missbrauch der Leiharbeit bekämpfen, die Leiharbeit auf seinen ursprünglich Zweck beschränken.


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