Deutscher Gewerkschaftsbund

20.10.2015
Interview mit Bundesarbeitsminister Andrea Nahles

Digitale Arbeit: Der Mensch gehört in den Mittelpunkt

Neue Technologien verändern die Arbeitswelt. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles setzt dabei auf gute Qualifizierung und lebensbegleitendes Lernen. Gerade für Frauen sind bessere Zugangschancen zur Weiterbildung unabdingbar. Doch um mehr Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt zu erreichen, braucht es mehr: Die Ministerin fordert eine Neuverteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit und setzt sich ein für eine moderne lebensphasenorientierte Arbeitszeitpolitik.

Junge Frau blickt durch Messgerät

DGB/Simone M. Neumann

Frau geht vor: Automatisierung, Digitalisierung, Crowd- und Clickworking erscheinen immer mehr als wichtige Stichworte bei der Gestaltung der Arbeit der Zukunft. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Arbeitswelt in den nächsten Jahren – vor allem aus der Perspektive erwerbstätiger Frauen?

Andrea Nahles, Bundesarbeitsministerin

BMAS/Knoll

Zur Person

Andrea Nahles ist seit Ende 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales. In ihrer politischen Karriere war sie unter anderem Bundesvorsitzende der Jusos, Generalsekretärin und Präsidiumsmitglied der SPD und arbeitsmarktpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag. Andrea Nahles ist Mitglied der IG Metall.

Magazin „Frau geht vor“

Das Interview ist im Magazin Frau geht vor 3/2015: „Wie weiblich ist die Arbeit der Zukunft“ erschienen. Das Heft kann beim DGB-Bestellservice als PDF heruntergeladen werden. Frau geht vor wird herausgegeben vom DGB-Bundesvorstand, Frauen- Gleichstellungs- und Familienpolitik und kann über die Webseite frauen.dgb.de abonniert werden.

Andrea Nahles: Mit der Digitalisierung verändert sich die Organisation von Arbeit. Wo früher die Menschen zur Arbeit gingen, kommt in Zukunft die Arbeit auch mittels Cloud zu den Menschen. Schon heute werden immer mehr Aufgaben online vergeben und nicht innerhalb eines Betriebes erledigt. Freiberuflerinnen und Freiberufler können weltweit an einer Aufgabe mitarbeiten. Das hat für viele Beschäftigte sicher auch Vorteile, etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir müssen aber auch darüber nachdenken, wie wir die neuen Arbeitsformen sozial absichern, nicht zuletzt bei der Alterssicherung. Ich bin überzeugt, dass insbesondere Frauen die Chancen des digitalen Wandels nutzen können.

In der klassischen Arbeitswelt galt: Wer Karriere machen will, muss präsent sein. Wer um vier nach Hause muss, weil die Kinder warten, fällt durchs Raster. Aber Arbeitszeiten sind flexibler geworden und Beschäftigte nutzen diesen neu gewonnenen Spielraum. Wir müssen weg davon, dass die Arbeit allein den Takt für die Lebens- und Zeitgestaltung vorgibt.

Die digitalen Veränderungen wirken sich nicht nur auf die Gestaltung der Arbeitszeit aus. Sie werden ganze Tätigkeitsbereiche völlig verändern, manche Berufsbilder gar verschwinden lassen. Welche Risiken und welche Chancen ergeben sich daraus für Frauen?

Derzeit ist eine Studie der Oxford Universität in aller Munde, nach der fast die Hälfte aller Jobs in den USA bis 2030 automatisiert werden könnte. Ich habe den Eindruck, dass die Studie in den Medien verkürzt dargestellt wird – Automatisierungswahrscheinlichkeiten und Jobverluste werden gleichgesetzt. Das fördert eine Angstdebatte. Häufig verändern neue Technologien Arbeitsplätze, ohne sie zu ersetzen, und Beschäftigte können die gewonnenen Freiräume nutzen, um schwer automatisierbare Aufgaben auszuüben.

„Wir müssen weg davon, dass die Arbeit allein den Takt für die Lebens- und Zeitgestaltung vorgibt.“

Für Frauen wie für Männer gilt: Gute Qualifizierung und lebensbegleitendes Lernen sind der Schlüssel zum beruflichen Erfolg – insbesondere in der digitalen Arbeitswelt. Wir brauchen daher bessere Zugangschancen zur Weiterbildung und mehr Beratungsangebote zur Weiterbildung über den gesamten Erwerbsverlauf. Viele Frauen arbeiten im Niedriglohnbereich oder im Bereich der geringfügigen Beschäftigung. Auch hier ist eine bessere Weiterbildungsbeteiligung nötig.

Der Anteil der Beschäftigten mit niedrigen Löhnen ist in den vergangenen 15 Jahren deutlich gewachsen, insbesondere Frauen arbeiten im Niedriglohnsektor, viel zu oft in unfreiwilliger Teilzeit und verdienen immer noch mehr als 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Welche Möglichkeiten haben Sie als Arbeitsministerin, zum Abbau der „Gender Gaps“ beizutragen, die wir derzeit noch beim Entgelt und bei der Arbeitszeit, beim Vermögensaufbau, bei der Altersabsicherung und bei den Karrierechancen feststellen?

Wesentliche Ursache für die beschriebenen „Gender Gaps“ ist, dass Frauen nach wie vor den Hauptteil der unbezahlten Arbeit zu Hause für die Familie leisten und deshalb im Erwerbsleben zurückstecken. Das hat Folgen für ihr Einkommen und das berufliche Fortkommen und die eigenständige Alterssicherung von Frauen. Mehr Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt erfordert eine Neuverteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit. Als Arbeitsministerin setze ich mich deshalb für eine moderne lebensphasenorientierte Arbeitszeitpolitik ein, die eine partnerschaftliche Vereinbarkeit von familiärer Sorgearbeit mit Beruf und Karriere ermöglicht. Mit der Eltern- und der Pflegezeit hat die Bundesregierung Rechtsansprüche geschaffen, Arbeitszeiten familienbedingt zu reduzieren und anschließend wieder zur alten Arbeitszeit zurückkehren zu können. Damit auch in Fällen, die nicht über die Eltern- oder die Pflegezeit abgedeckt sind, eine Arbeitszeitreduzierung in bestimmten Lebensphasen nicht zur „Teilzeitfalle“ wird, haben wir im Koalitionsvertrag die Einführung eines Rechts auf befristete Teilzeit vorgesehen. Eine lebensphasenorientierte Arbeitszeitgestaltung ist neben dem Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung und der Weiterentwicklung familienpolitischer Leistungen, wie das Elterngeld Plus, ein zentraler Baustein für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Mehr Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt erfordert eine Neuverteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit.“

Zudem müssen wir die Diskriminierung von Frauen bei Gehalt und beruflichem Fortkommen angehen. Deshalb hat die Bundesregierung das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen in diesem Jahr in Kraft gesetzt und arbeitet an einem Entgeltgleichheitsgesetz. Der gesetzliche Mindestlohn und die Eindämmung prekärer Beschäftigung helfen insbesondere Frauen, die überproportional häufig in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Die Verbesserung der Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten in typischen Frauenberufen ist ebenfalls eine zentrale Frage und Gegenstand aktueller Tarifauseinandersetzungen. Damit künftig zudem mehr Frauen in den besser bezahlten männertypischen Berufen arbeiten, müssen wir aber auch Rollenbilder verändern, beispielsweise über eine gendergerechte Berufs- und Studienberatung. Dies ist sicher eine Aufgabe für Politik und Gesellschaft.

Die Mehrheit der jüngeren Frauen und Männer will ihr Leben partnerschaftlich gestalten. Frauen und Männer wollen erwerbstätig sein und sich gemeinsam um die Familie kümmern. Wie kann der Spagat zwischen dem Wunsch nach mehr Arbeitszeitsouveränität und einer besseren Work-Life-Balance bei gleichzeitiger Entgrenzung der Arbeit durch ständige Verfügbarkeit gelöst werden? Was müssen Betriebe leisten, was sollen die Sozialpartner vereinbaren und was ist politisch zu regeln?

Dies ist eine der zentralen Fragen im von mir initiierten Dialogprozess Arbeiten 4.0 zur Zukunft der Arbeit. Die Digitalisierung der Arbeitswelt schafft neue Möglichkeiten für orts- und zeitsouveränes Arbeiten. Die müssen wir gemeinsam mit den Sozialpartnern nutzen. Wir werden dabei mögliche Risiken dieser Entwicklung bei der Gestaltung einbeziehen. Damit ständige Erreichbarkeit nicht zu psychischen Belastungen führt, erörtern wir im Dialogprozess Arbeiten 4.0 mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und betrieblicher Praxis Chancen und Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt und loten aus, wie neue Flexibilitätskompromisse zwischen Unternehmen und Beschäftigten aussehen und gestaltet werden könnten. Die Ergebnisse dieses Dialogs fließen in ein Weißbuch ein, das Handlungsoptionen zur Gestaltung der Zukunft der Arbeit aufzeigen soll und das ich Ende 2016 vorstellen werde.

Der Wandel in der Arbeitswelt durch die neuen technologischen Trends und die gesellschaftlichen Veränderungen wirft die Frage nach einem neuen Leitbild Arbeit auf. Was ist ihre Vision von guter Arbeit in der Zukunft?

Der Mensch gehört in den Mittelpunkt. „Gute Arbeit“ muss auch in der digitalen Arbeitswelt erreicht werden. Wir müssen die geänderten Ansprüche der Menschen an Arbeit stärker berücksichtigen. Wir wollen Beschäftigten mehr Zeitsouveränität ermöglichen, damit nicht allein die Arbeit den Takt vorgibt. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst alle am Fortschritt teilhaben, insbesondere durch eine Weiterbildungskultur, die niemanden ausschließt. Zufriedene und gesunde Beschäftigte sind die produktivsten Mitarbeiter. Wirtschaftlicher Erfolg, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen gehören für mich zusammen. Mein Ziel ist es, dass wir in Deutschland stark und erfolgreich bleiben – technologisch und wirtschaftlich spitze, aber eben auch gesellschaftlich und sozial ein Vorbild. Dafür werbe ich auch bei den Sozialpartnern, deren aktive Unterstützung für die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt dringend gebraucht wird.


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