Deutscher Gewerkschaftsbund

15.02.2013
Ringvorlesung „Wohlstand ohne Wachstum?

Michael Sommer: "Verteilungsfrage ist Teil der Wohlstandsdebatte"

„Wir leben in einer Gesellschaft, die Wohlstand hat und Wohlstand produziert, in der dieser Wohlstand unglaublich falsch verteilt ist“, sagte Michael Sommer zum Abschluss der Ringvorlesung „Wohlstand ohne Wachstum?“ von DGB und Technischer Universität Berlin (TU) am 14. Februar. Der DGB-Vorsitzende diskutierte gemeinsam mit Michael Müller, dem Bundesvorsitzenden der Naturfreunde Deutschlands, die künftige Rolle von Wachstum. „Wohlstand ohne Wachstum – eine realistische Utopie?“ lautete das Thema der Abschlussvorlesung.

DGB Vorsitzender Michael Sommer: „Wohlstand ohne Wachstum – eine realistische Utopie?“

DGB/Steinle

Michael Sommer zeigte sich überzeugt: „Ohne Wachstum geht es nicht. Aber es geht nicht jedes Wachstum und es geht nicht Wachstum um jeden Preis.“ Auch die Gewerkschaften hätten sich ab den 1970er Jahren von ihrer Wachstumsgläubigkeit gelöst und neue Ansätze formuliert. Der Begriff des qualitativen Wachstums sei der historische Versuch gewesen, eine gemeinsame Linie von Arbeiterbewegung und Umweltbewegung in der Wachstumsfrage zu finden. Sommer verwies auf die Ergebnisse des Transformationskongresses. Bei der Veranstaltung debattierten Gewerkschaften, Umweltverbände und Evangelische Kirche vergangenes Jahr in Berlin über das westliche Fortschritts- und Lebensmodell. „Der Kongress hat gezeigt: Intensive Diskussionen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte lohnen sich“, so der DGB-Vorsitzende.

Michael Sommer

DGB/Steinle

Privater Wohlstand enorm – aber extrem ungleich verteilt

Bei der Frage von Wachstum und Wohlstand gehe es heute vor allem darum zu definieren, welchen Wohlstand man meint, sagte Sommer. Der private finanzielle Wohlstand sei in Europa mit 27 Billionen Euro Privatvermögen enorm. „Dagegen steht aber das Wohlstandsinteresse der Verkäuferin, des Hartz-IV-Empfängers, des Busfahrers und der zeitlich befristet Beschäftigten an der Uni“, so Sommer. „Wir leben in einer Gesellschaft, die Wohlstand hat und Wohlstand produziert, in der dieser Wohlstand unglaublich falsch verteilt ist“ – den Verteilungsaspekt müsse man bei der Wohlstandsdebatte deshalb immer mit berücksichtigen.

Wohlstandsversprechen gegenüber arbeitenden Menschen gebrochen

„Man kann den Wohlstandsbegriff nicht von der Interessenlage trennen, aus der heraus man ihn betrachtet“, so der DGB-Vorsitzende. Aus Arbeitnehmersicht sei Wohlstand deshalb immer auch öffentlicher Wohlstand. Allerdings habe Deutschland in den vergangenen 30 Jahren eine derartige „Deregulierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse“ erlebt, dass man heute beispielsweise „nicht mehr von einem geordneten Arbeitsmarkt sprechen kann“. Das Normalarbeitsverhältnis werde von prekärer, atypischer Beschäftigung massiv zurückgedrängt. „Für viele arbeitende Menschen bedeutet das einen unglaublichen Bruch des Wohlstandsversprechens“, kritisierte Sommer.

Teaser Ringvorlesung

DGB/TU Berlin

Die Ringvorlesung "Wohlstand ohne Wachstum?" fand vom 1. November 2012 bis zum 14. Februar 2013 in Kooperation von DGB und Technischer Universität Berlin (TU) statt. Die einzelnen Vorlesungen, bei denen jeweils zwei ReferentInnen zu einem Schwerpunktthema diskutierten, sollten die Debatten des Transformationskongresses vertiefen, den Gewerkschaften, Umweltverbände und Evangelische Kirche im Jahr 2012 in Berlin veranstaltet hatten.


Anlässlich der Abschlussvorlesung am 14. Februar sprach sich Michael Sommer, DGB-Vorsitzender, für eine zweite Auflage der Ringvorlesung in einem der kommenden Semester aus, um den Austausch von Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu vertiefen.

Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter wachsen lassen

„Wenn wir die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wieder vom Kopf auf die Füße stellen, wenn wir das Primat der Politik nicht wieder herstellen und wenn wir nicht die Märkte bändigen, dann können wir so viel Wachstum schaffen, wie wir wollen“, sagte Sommer. „Dann wird sich trotz Wachstum nichts an den Verhältnissen ändern, sondern im Gegenteil die Schere zwischen arm und reich noch größer werden.“

Ziel einer Wachstums- und Wohlstandsdebatte müsse deshalb zum einen sein, eine andere Art von Wachstum zu erreichen und zu definieren, in welchen Bereichen es künftig kein Wachstum geben solle. Außerdem müsse die Verteilungsfrage gelöst und eine neue Debatte über Regulierung von Märkten angestoßen werden.

Zusammenhänge erkennen statt Jagd nach Wachstum

Auch der Bundesvorsitzende der NaturFreunde, Michael Müller, lobte noch einmal den gemeinsamen Transformationskongress von 2012. Der Kongress habe sich zum Ziel gesetzt, Zusammenhänge zu verdeutlichen, statt Einzelmaßnahmen zu diskutieren. „Wir wissen heute immer mehr, verstehen aber immer weniger“, begründete Müller den Ansatz des Kongresses.

„Wachstum und technischer Fortschritt müssen wieder zum Instrument werden und dürfen nicht das Ziel bleiben“, sagte Müller über ein künftiges Wachstumsverständnis. Dabei gehe es nicht mehr um Teilkorrekturen. „Die Menschheit steuert auf ein Umkippen zu, wenn wir nicht durch internationale Vereinbarungen auf ein anderes Wirtschaften, Konsumieren und Leben setzen.“ In den vergangenen 30 Jahren habe die „Jagd nach Wachstum“ lediglich zu kurzsichtigen politischen Maßnahmen und zu Deregulierung geführt.

Michael Müller, Naturfreunde Deutschland

DGB/Steinle

Jahrhundert der Nachhaltigkeit

Die Ökonomie habe sich schon lange aus gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Zusammenhängen gelöst. Während sich einige soziale Probleme theoretisch mit Wachstum lösen ließen, sei das bei den ökologischen Krisen längst nicht mehr der Fall. Beim Klima, der Artenvielfalt und der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen seien die Grenzen längst überschritten. „Wir stehen vor einer entscheidenden Weichenstellung: Entweder wir wechseln in ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit oder wir werden wachsende Ungleichheit mit erbitterten Verteilungskämpfen erleben. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht“, warnt Müller.


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Vorlesungsreihe: "Wohlstand ohne Wachstum?"

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