Deutscher Gewerkschaftsbund

15.01.2010
Geoff Hayward & Jean-Jacques Cette, Allianz SE

Aufsichtsrat des Monats 12/09: Ein absolutes Novum

„Zum allerersten Mal erhält ein britischer Arbeitnehmer einen Sitz im Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft“, meldeten 2006 britische Gewerkschaftsmedien. Gemeint war Geoff Hayward von der Gewerkschaft Amicus (heute: Unite, the Union). Das Zitat zeigt: Was in Deutschland in der Unternehmensmitbestimmung längst etabliert ist, ist in anderen Ländern ein absolutes Novum. Der gelernte Maschinenbauer Hayward arbeitete zunächst ab 1976 für das staatliche Eisenbahnunternehmen British Rail und wechselte später als Schadenssachverständiger zur Allianz- Tochter „Allianz Cornhill Engineering“, wo er als Amicus-Vertreter tätig wurde. Später wurde er Mitglied des Europäischen Betriebsrats der Allianz und ist heute stellvertretender Vorsitzender des SE-Betriebsrats des Versicherungskonzerns. Als die Allianz 2006 als erstes deutsches Unternehmen zur Europäischen Aktiengesellschaft (SE) umfirmierte, vereinbarten die Gewerkschaften, dass die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat eine „europäische Zusammensetzung“ erhält – ein bis dahin einmaliger Fall. Die Arbeitnehmervertreter der britischen Beschäftigten für die europäische Ebene werden in einer Abstimmung aller rund 7000 britischen Allianz-MitarbeiterInnen gewählt – in der zweiten Jahreshälfte 2010 muss sich auch Geoff Hayward dort wieder zur Wahl stellen.

Neben Hayward sitzen auch deutsche und französische ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat der Allianz SE. Zum Beispiel Jean-Jacques Cette von der französischen Gewerkschaft CFDT. 1996 wurde er erstmals Gewerkschaftsvertreter bei der Assurances générales de France (AGF), heute Allianz France. Auch die Mitbestimmung auf europäischer Ebene ist Cette, der 2007 Mitglied im Aufsichtsrat wurde, nicht ganz neu: Von 2000 bis 2002 war er Mitglied im Europäischen Betriebsrat der Allianz. Wie sie die Mitbestimmung im Aufsichtsrat der Allianz SE erleben, beschreiben Hayward und Cette als „Aufsichtsräte des Monats“ im Dezember 2009 in unserem Fragebogen:

1. Mit einem kurzen Satz beschrieben ist ein Aufsichtsrat...

Hayward: ...ein Gremium, das das Handeln des Vorstands kontrolliert und eine Art „Gewaltenteilung“ innerhalb des Unternehmens darstellt.
Cette: Ein Aufsichtsrat sollte die zentrale Stelle der Bewertung und Kontrolle der Unternehmensstrategie sein.

2. Der größte Vorteil am deutschen Mitbestimmungsmodell ist...

Hayward: ..., dass es den Beschäftigten eine Stimme bei der Führung des Unternehmens gibt.
Cette:...eine bessere Kenntnis der Gemeinschaftsinteressen; obwohl das, wie mir scheint, noch besser sein könnte.

3. Was war bisher Ihr größter Erfolg, den Sie gemeinsam im Aufsichtsrat durchsetzen konnten?

Hayward: Dass wir, obwohl nationale Belange in den Prozess mit hineinspielten, während des Verkaufs eines Unternehmensteils mit einer Stimme gesprochen haben.
Cette: Wir haben bei einem Unternehmensverkauf sehr gut den Interessen der Beschäftigten Gehör verschafft; auch wenn das letztendliche Ergebnis noch weit von dem entfernt war, was wir uns gewünscht hätten.

4. ...und was das größte Ärgernis im Laufe Ihrer Aufsichtsratstätigkeit?

Hayward: Zum einen, dass es nicht gelungen ist, eine Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung für eine bestimmte Arbeitnehmergruppe, auch auf die Beschäftigten außerhalb Deutschlands auszudehnen. Zum anderen, dass die Dokumente, die wir zur Vorbereitung auf die Sitzungen brauchen, teilweise erst in letzter Minute eintreffen.
Cette: Dieses Ärgernis ist immer aktuell: es nicht zu schaffen, besser die Vorteile mittelfristiger und langfristiger Vision und Strategien im Versicherungssektor zu vermitteln. Kurzsichtigkeit und kurzfristig angelegte Strategien sind in der Versicherungswirtschaft absurd und führen nur zu wirtschaftlicher und sozialer Unordnung.

5. Mit Blick auf Europa und die Globalisierung: Muss sich die Arbeit der Aufsichtsräte noch weiter internationalisieren?

Hayward: Ja. Wenn die Allianz keine Europäische Aktiengesellschaft, also keine SE geworden wäre, wären die Beschäftigten aus Frankreich und dem Vereinigten Königreich heute noch nicht Mitglieder des Aufsichtsrats.
Cette: Im Hinblick auf die Märkte, aber vor allem mit Blick auf die Entwicklung der Unternehmen, erscheint mir die Internationalisierung als eine wünschenswerte und notwendige Entwicklung.

6. Der Aufsichtsrat unterstützt gute und sozial verantwortungsvolle Unternehmensführung, indem...

Hayward: Für nachhaltiges Wachstum müssen die Belange aller Interessengruppen beachtet werden: die der Angestellten, die der Arbeitgeber und die der Anteilseigner.
Cette: ...wir dazu beitragen, dass die Beschäftigten gut auf die Entwicklungen vorbereitet sind, die dazu führen, dass die „Berufe von heute“ nicht mehr die von morgen sind; damit die Beschäftigten von heute noch die von morgen sind.

7. Von wem erfahren Sie den größten Respekt für Ihre Arbeit im Aufsichtsrat, von wem weniger?

Hayward: Das regionale Management in Großbritannien versteht die Rolle der Aufsichtsräte inzwischen ein wenig besser, die Beschäftigten sind sich immer noch nicht voll bewusst, welche Rolle und welche Verantwortung der Aufsichtsrat hat. Arbeitnehmerbeteiligung auf diesem Niveau ist für uns in Großbritannien immer noch sehr neu.
Cette: Ich kann auf diese Frage nur aus der französischen Perspektive antworten und paradoxerweise nehmen die französischen Manager meine Funktionen im Aufsichtsrat mehr wahr als die Beschäftigten. Man muss dazu sagen, dass die Mitbestimmung eine neue Praxis für die französischen Beschäftigten ist, die sie erst noch „entdecken“ müssen. Es ist also kein Mangel an Respekt für unsere Arbeit, sondern eher ein Hinterfragen ihrer Relevanz. Man darf nicht vergessen, dass in Frankreich die gewerkschaftliche Tradition eher im Kampf gegen die Mitbestimmung verankert ist. Wir müssen also qualitativ hochwertig arbeiten, um zu überzeugen.

8. Wenn ein Unternehmen ein Auto wäre, welcher Teil wäre dann der Aufsichtsrat?

Hayward: Die Sicherheitssysteme wie Airbags oder Sicherheitsgurte.
Cette: Der Bordcomputer, der alles kontrolliert.

9. Das Wort, das in Vorbesprechungen der Arbeitnehmervertreter vor Aufsichtsratssitzungen am häufigsten fällt, ist...

Hayward: Es ist immer wieder die Frage, wie einzelne Vorhaben oder Anträge die Beschäftigten betreffen werden und wie sie von den Beschäftigten aufgenommen werden.
Cette: ...das ist ein Verb: überzeugen.

10. Schätzen Sie das Gewicht der Unterlagen, die Sie jedes Jahr für die Aufsichtsratstätigkeit durchgehen müssen.

Hayward: Etwa 20 lbs, also 20 britische Pfund. Das entspricht ungefähr neun Kilogramm.
Cette: Gigantisch! Alles hängt, was die Aufsichtsratsarbeit angeht, miteinander zusammen: die Unterlagen, die wir für die Besprechungen erhalten, zusätzliche notwendige Informationen, die zwischen den Aufsichtsratssitzungen verteilt werden, aber auch alles, was unser Unternehmen direkt oder indirekt betrifft, die Versicherungsbranche, die Wirtschaft, generell Soziales und Juristisches. Dazu kommt natürlich der Austausch per Mail. Insgesamt sind es also mehrere Stunden täglicher Lektüre und Aktenstudiums. Glücklicherweise, besonders für die Bäume und die Umwelt, gibt es heute digitale Kommunikation. Unglücklicherweise für uns, denn diese Kommunikation folgt uns überall hin, besonders nach hause!


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