Deutscher Gewerkschaftsbund

13.10.2017

"Bahnfahren muss sexy sein"

einblick November 2017

Der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner spricht im Interview über die Bahn als Dienstleister, über Wahlmöglichkeiten in Tarifverträgen und warum es nicht nur auf die Farbe des Sitzpolsters ankommt.

EVG Plakat in der Menschenmenge

DGB/Werner Bachmeier

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeit der EisenbahnerInnen?

Wir stehen vor erheblichen Veränderungen. Die wollen und werden wir als Gewerkschaft so regeln, dass unsere Mitglieder davon profitieren. Wenn beispielsweise Fahrkarten im Zug künftig über eine App auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden können, heißt das für uns nicht, dass Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter zwangsläufig eingespart werden. Mit den frei werdenden Kapazitäten können vielmehr die Serviceleistungen im Zug verbessert werden – mit mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als heute. Die Eisenbahn ist ein Dienstleister. Dienstleistung hat immer etwas mit Menschen und nicht mit Maschinen zu tun. Das müssen wir den Arbeitgebern immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Welches sind die größten Herausforderungen?

Wir haben in der zurückliegenden Tarifrunde mit dem Tarifvertrag „Arbeit 4.0“ – als erste Gewerkschaft überhaupt – einen Rahmen geschaffen, in dem wir die Regeln für die Digitalisierung festgeschrieben haben. Bei anstehenden Veränderungen sind Betriebsräte und Betroffene frühzeitig einzubinden, Weiterqualifizierungsmaßnahmen schaffen die Voraussetzung für berufliche Veränderungen, Digitalisierung darf nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen. Das sind die wesentlichen Punkte, die es jetzt mit Leben zu erfüllen gilt. Das ist eine große Herausforderung, denn das Thema ist sehr vielfältig und stellenweise auch kleinteilig. Das macht es nicht einfacher – aber wir packen es an.

Die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte und Fahrgäste in Zügen steigt. Was muss geschehen, um diese Entwicklung zu stoppen?

Wir brauchen klare Ansagen, wir brauchen mehr Personal und wir brauchen Unternehmer, die ihren Kunden Top-Leistungen bieten wollen und nicht nur nach Sparpotentialen suchen. Im Nahverkehr sind es die Länder und Verbünde, die Leistungen ausschreiben. Wir fordern schon seit langem, dass in diesen Ausschreibungen nicht nur die Farbe des Sitzpolsters festgeschrieben wird, sondern auch die Zahl der Zugbegleiter und Sicherheitskräfte.

Porträt Kirchner

Alexander Kirchner, 61, ist seit 2010 EVG-Vorsitzender. Zuvor war er seit 2008 Vorsitzender der TRANSNET, die 2010 mit der GDBA zur EVG fusionierte. Kirchner ist gelernter Energie-Anlagenelektroniker. Seit 1974 ist er gewerkschaftlich aktiv, seit 1991 hauptberuflich. EVG

Wir brauchen eine Doppelbesetzung auf den Zügen und zu schwierigen Zeiten auch qualifizierte Sicherheitskräfte, um den Fahrgästen zu signalisieren, dass wir ihre Sicherheit ernst nehmen. Wir dürfen die Kolleginnen und Kollegen, ebenso wie die Reisenden, nicht allein lassen. Das kostet Geld – das ist aber gut angelegt. Grundsätzlich fordern wir einen offensiveren Umgang mit dem Thema. Warum sagen die Verkehrsunternehmen nicht laut und deutlich: ‚Wer bei uns im Zug randaliert, fliegt raus und wird künftig nicht mehr befördert. Unsere Mitarbeiter müssen sich nicht bespucken, beleidigen oder tätlich angreifen lassen‘. Eine solche Solidaritätsadresse, die dann auch umgesetzt wird, ist mehr als überfällig.

Welche Rolle spielt das Thema „Arbeitszeit“ für die EVG?

Es ist ein zentrales Thema. Unsere Kolleginnen und Kollegen wollen, dass ihre persönlichen Bedürfnisse – im Rahmen des Möglichen – mehr Berücksichtigung finden. Starre Vereinbarungen sind nicht mehr zeitgemäß. Tarifverträge geben den Rahmen vor, den Rest regeln unsere Betriebsräte vor Ort. Wir können das, weil die meisten Mandate bei uns liegen und wir insofern Gestaltungsmacht haben. Die wollen wir künftig noch viel stärker im Sinne unserer Mitglieder nutzen.

Euer Tarifabschluss bot den Mitgliedern die Wahl: mehr Geld, mehr Urlaub oder geringere Arbeitszeit. Die meisten wollten mehr Urlaub. Was bedeutet das für zukünftige Tarifverhandlungen?

Wir werden sicher auch bei künftigen Tarifverhandlungen den Fokus darauf legen, den Kolleginnen und Kollegen eine Wahlmöglichkeit zu eröffnen. Das entspricht unserem Verständnis von moderner und zeitgemäßer Tarifpolitik, die eine Beteiligung möglich macht. Die EVG versteht sich ja als Mitmachgewerkschaft. Das honorieren nicht nur unsere Mitglieder sondern weckt auch Interesse bei den übrigen Beschäftigten.

Was muss die neue Bundesregierung dringend anpacken?

Wir brauchen dringend einen Masterplan Verkehr, der deutlich macht, welche Aufgaben den einzelnen Verkehrsträgern zukommen soll. Das „freie Spiel der Kräfte“, mit einseitigen Vergünstigungen der Straße, benachteiligt die Eisenbahn und trägt nicht dazu bei, den Verkehr ökologisch aufzustellen. Außerhalb unseres Themenschwerpunkt sehen wir dringenden Handlungsbedarf im Sozialbereich. Hierzu zählen für uns die Themen Altersarmut und bezahlbarer Wohnraum. Auch das Thema Bildung ist für uns ganz wichtig. Nur aufgeklärte Menschen fallen nicht auf platte Parolen herein sondern sind in der Lage, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Wie sieht die „Verkehrswende“ aus, die die EVG fordert?

Wir dürfen nicht immer nur von der ökologischen Verkehrswende reden, wir müssen endlich die Voraussetzungen schaffen, damit die Wende auch erfolgt. Für uns hat da die Eisenbahn als umweltfreundlicher Verkehrsträger eine ganz wesentliche Rolle. Es muss mehr in die Schiene investiert und die Angebote erweitert werden. Die morgendliche Fahrt mit dem ÖPNV darf nicht mehr Last, sondern muss zur Lust werden. Bahnfahren muss sexy sein. Wir brauchen Visionen und Menschen, die diese treiben. Das heißt, wir müssen Verkehr ganz neu denken. Wir als EVG wollen unseren Beitrag dazu leisten.

Die EVG ist vor sieben Jahren aus der Fusion der Gewerkschaften Transnet und GDBA entstanden – welches waren die zentralen Entwicklungen in dieser Zeit?

Die zentrale Entwicklung ist sicherlich, dass aus zwei unterschiedlichen und lange Zeit gegnerischen Gewerkschaften relativ geräuschlos eine neue, größere und noch schlagkräftigere Gewerkschaft geworden ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die ehemalige Transnet zum DGB gehörte, während die GDBA ihre gewerkschaftliche Heimat im Deutschen Beamtenbund hatte. Trotzdem haben sich beide zusammenge-schlossen, weil wir erkannt haben, dass uns die Streitereien nur lähmen und wir gemeinsam mehr erreichen. Jeder ist da ein Stück über seinen Schatten gesprungen und heute sehen wir uns alle als Mitglied der EVG. Dass dies möglich war, zeigt, dass wir uns als Gewerkschafter auch in anderen Bereichen neu aufstellen können, wenn wir uns ernsthaft die Frage stellen, wie wir die Interessen der Beschäftigten am besten vertreten können.

Wie wird es in den nächsten fünf Jahren für die EVG weiter gehen?

Wir denken da schon in größeren Dimensionen. Uns bewegt die Frage, wen wir als EVG im Jahre 2030 gewerkschaftlich vertreten und wie sich die Welt um uns herum verändern wird. „Weichenstellung 2030“ heißt der Prozess, den wir aufgesetzt haben und der in den nächsten Jahren erheblich an Dynamik gewinnen wird. Niemand kann die Zukunft voraussagen, aber wir wollen vorbereitet sein, auf das was kommen könnte. Und wir stellen uns natürlich auch hier die Frage, in welchen Strukturen das am besten gelingt. Es bleibt also spannend, wenn der Gewerkschaftstag das Signal des Aufbruchs sendet. Ich freue mich auf spannende Tage Mitte November in Berlin.


Weichen in Richtung Zukunft stellen

Die 400 Delegierten des 2. Ordentlichen Gewerkschafts-tages der EVG treffen vom 12. bis 16. November in Berlin zusammen. Unter dem Motto „Weichenstellung 2030“ beraten sie über 545 Anträge.

Der EVG-Vorstand stellt sich zur Wiederwahl: EVG-Vorsitzender Alexander Kirchner, die stellvertretenden Vorsitzenden Regina Rusch-Ziemba und Klaus-Dieter Hommel, sowie Vorstandsmitglied Martin Burkert und Geschäftsführer Torsten Westphal. Der Vorstand wird auf fünf Jahre gewählt.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertritt rund 193000 Mitglieder (Stand 31.12.2016). Sie ist 2010 aus der Fusion der DGB-Gewerkschaft TRANSNET und der GDBA, die dem Beamtenbund angehörte, hervorgegangen.


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