Deutscher Gewerkschaftsbund

15.04.2011
klartext 14/2011

Ratingagenturen wieder im Aufwind

Die Fehlurteile der Ratingagenturen waren für die Finanz- und Wirtschaftskrise mit verantwortlich. Unternehmen wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch vergaben Bestnoten für komplexe und hochriskante Finanzprodukte. Die Folgen sind bekannt. Dennoch ist ihr Einfluss ungebrochen - mit fatalen Folgen für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion.

Die kolossalen Fehlurteile der Ratingagenturen waren für die Finanz- und Wirtschaftskrise mit verantwortlich. Mit Bestnoten für hochkomplexe Finanzprodukte wiegten sie leichtgläubige Investoren in trügerische Sicherheit. Die Folgen sind bekannt. Doch wer meint, die Einschätzungen der Ratingagenturen seien nun nicht mehr gefragt, irrt. Noch immer setzen die meisten Finanzmarktakteure vollstes Vertrauen in die Beurteilungen der „Sachverständigen“. Der Einfluss der Bonitätswächter ist somit ungebrochen. Das hat fatale Folgen für die gesamte europäische Wirtschafts- und Währungsunion.

Grafik: Umsatzentwicklung der drei großen Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Finch

Angaben für das Jahr 2010 für Fitch sind noch nicht verfügbar. Grafik: DGB; Zahlen:Geschäftsberichte der Ratingagenturen

Ratingagenturen beurteilen die Bonität von Unternehmen und Staaten sowie deren Finanzprodukte. Eine gute Bewertung bedeutet für sie günstigere Kredite. Aufgrund der Flut von hochkomplexen Finanzprodukten waren die Benotungen der Agenturen oftmals der letzte Anhaltspunkt für Anleger. Doch die Bewertungsmethoden der Ratingagenturen sind intransparent. Die Ratings stützen sich weniger auf harte Fakten als vielmehr auf weiche journalistische Meinungsäußerungen. Zudem stehen die Agenturen in einem erheblichen Interessenkonflikt, da die Emittenten für die Benotung ihrer eigenen Finanzprodukte zahlen.

Der Markt für Ratings liegt in Händen Weniger. So beherrschen die drei größten Agenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch über 90 Prozent des Marktes. Zusammen erzielten diese Agenturen mit ihrem Beratungs-, Vertriebs- und Bewertungsgeschäft im Jahr 2009 über fünf Milliarden US-Dollar Umsatz - Tendenz steigend (siehe Abbildung). Ihre Bewertungen haben in der Branche erhebliches Gewicht. Jeder, der frisches Geld braucht oder seine Finanzprodukte auf dem Markt platzieren will, ist auf die Bewertung durch Ratingagenturen angewiesen. Das gilt für Unternehmen und Staaten gleichermaßen. Schlechte Ratings sind in der Branche gefürchtet.

In der Eurokrise stuften die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der Krisenländer, wie Griechenland und Portugal, mehrmals ab. Dabei lieferten sich die Bonitätswächter einen regelrechten Unterbietungswettlauf. Die Schuldtitel dieser Länder stehen aktuell kurz vor einer Ramschanleihe, also einer spekulativen Anleihe mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit. Erhöhte Refinanzierungskosten und Kapitalflucht aus diesen Ländern sind die Folgen. Zudem verkaufen institutionelle Investoren unterhalb einer Benotung ihre Schuldtitel automatisch. Die Agenturen befeuern somit die Krise und verschlimmern die brenzlige Lage dieser Länder – zum Leidwesen der gesamten Eurozone. Denn die Bonitäts-Herabstufungen einzelner Länder bringen die Finanzmärkte der Eurozone grenzüberschreitend ins Schwanken. So verteuern sich parallel zu den herunter gestuften Ländern auch die Schuldtitel anderer Euroländer.

Bei der Kredittauglichkeit von Unternehmen und Staaten sind die Bewertungen von Ratingagenturen sind nicht zu gebrauchen, für die Qualitätsprüfung von Finanzmarktprodukten ohnehin nicht. Dafür benötigen wir eine zentrale, europäische Zulassungsstelle für Finanzprodukte (Finanzprodukte-TÜV). Kreditwürdigkeit der Staaten muss die EZB selbst vornehmen, die Bonitätsprüfung der Unternehmen die Gläubigerbanken. Die Ratingagenturen gehören entmachtet.


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