Deutscher Gewerkschaftsbund

16.10.2009
Claudia Huber, Compass Group und Eurest

Aufsichtsrat des Monats 10/09: Nicht alles dreht sich um Zahlen

"Nicht alles dreht sich um Zahlen", sagt Claudia Huber, Aufsichtsrätin bei der Eurest Deutschland GmbH sowie bei der Compass Group in Deutschland - dem britischen Mutterkonzern von Eurest. Dass es statt um Zahlen bei einem Dienstleister wie dem Catering-Unternehmen Eurest vor allem um die Arbeit und die Zufriedenheit der Beschäftigten gehen muss, dafür will NGG-Mitglied Huber mit ihrem Engagement im Aufsichtsrat sorgen. Seit fast 17 Jahren ist sie bei Eurest beschäftigt - seit 2004 sitzt Huber im Aufsichtsrat der Compass Group in Deutschland, seit 2008 auch bei Eurest selbst. Warum und wie die stellvertretende Vorsitzende des Eurest-Gesamtbetriebsrats mit dafür sorgt, dass ihr Unternehmen nicht "ins Schleudern kommt", verrät sie in unserem Fragbogen als "Aufsichtsrätin des Monats" Oktober 2009:

1. Mit einem kurzen Satz beschrieben ist ein Aufsichtsrat...

...für die Kontrolle der Unternehmensführung zuständig.

2. Der größte Vorteil am deutschen Mitbestimmungsmodell ist...

..., dass sich durch die Mitwirkung und Mitbestimmung der Arbeitnehmerseite nicht alles nur um Zahlen dreht. Gerade bei uns als Dienstleistungsunternehmen muss das Augenmerk auf der Situation der Beschäftigten liegen – ohne unsere Beteiligung im Aufsichtsrat wäre das keine Selbstverständlichkeit. Von der Arbeitnehmerseite werden im Aufsichtsrat außerdem Dinge angesprochen, die in der Praxis nicht rund laufen – und die sonst nicht thematisiert würden.

3. Was war bisher Ihr größter Erfolg, den Sie gemeinsam im Aufsichtsrat durchsetzen konnten?

In meiner Zeit als Aufsichtsrätin haben mich zwei konkrete Erfolge der Arbeitnehmerseite sehr gefreut. Zum einen, dass es uns gelungen ist, eine Personalentscheidung für den Vorstand in unserem Sinne zu beeinflussen und den entsprechenden Vorstand darauf zu verpflichten, besser und intensiver mit den Arbeitnehmervertretungen des Unternehmens zusammenzuarbeiten. Zum anderen haben wir es geschafft, eine Qualifizierungsmaßnahme, die aus Einsparungsgründen weggefallen war, wieder „zum Leben“ zu erwecken. Dafür gab es sehr positive Resonanz von den Beschäftigten – vor allem, weil es sich um eine Qualifizierungsmaßnahme handelt, die den gering und normal Qualifizierten zu Gute kommt – und nicht den bereits höher Qualifizierten und Führungskräften.

4. ...und was das größte Ärgernis im Laufe Ihrer Aufsichtsratstätigkeit?

...mein persönlich größtes Ärgernis war, als Aufsichtsrätin von einem geplanten Unternehmenszukauf erst aus der Presse zu erfahren. Dieses Problem haben wir thematisiert und inzwischen im Griff – der Informationsfluss ist jetzt wesentlich besser.

5. Mit Blick auf Europa und die Globalisierung: Muss sich die Arbeit der Aufsichtsräte noch weiter internationalisieren?

Aus meiner Sicht: Auf jeden Fall. Wir haben einen englischen Mutterkonzern und sind in 55 Ländern aktiv. Aus Sicht der Arbeitnehmerseite wäre es längst notwendig, auch die internationale Unternehmenspolitik zum Thema im Aufsichtsrat zu machen. Das wäre vor allem wichtig, um internationale Zusammenhänge und Entwicklungen frühzeitig erkennen und gegebenenfalls rechtzeitig handeln zu können. Die Anteilseignerseite sieht das aber noch anders. Informationen über internationale Entwicklungen aus unserem Unternehmen bekommen wir aber beispielsweise von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Europäischen Betriebsrat, dem EBR.

6. Der Aufsichtsrat unterstützt gute und sozial verantwortungsvolle Unternehmensführung, indem...

... wir als Arbeitnehmervertreter immer betonen, dass es den Beschäftigten „ganzheitlich“ gut gehen muss. Es geht um den richtigen Umgang miteinander, um ein gutes Betriebsklima und gute Arbeitsbedingungen. Für ein Dienstleistungsunternehmen wie uns ist das Konzept, das unsere Beschäftigten beim Kunden umsetzen, alles, was wir zu verkaufen haben. Deshalb sind zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch wichtig für den Unternehmenserfolg – und für dieses Argument hat auch die Anteilseignerseite ein offenes Ohr.

7. Von wem erfahren Sie den größten Respekt für Ihre Arbeit im Aufsichtsrat, von wem weniger?

Auf jeden Fall erfahren wir Respekt von den Beschäftigten, Respekt gibt es aber auch von der Geschäftsführung – und von einem Teil der Anteilseigner.

8. Wenn ein Unternehmen ein Auto wäre, welcher Teil wäre dann der Aufsichtsrat?

Das ESP, also das „Elektronische Stabilitätsprogramm“. Ich habe eine Definition für „ESP“ gelesen – und sie passt wunderbar auf einen Aufsichtsrat: „Es korrigiert die Fahrt bei Über- oder Untersteuerung und hält das Fahrzeug sicher in der Spur, bevor es ins Schleudern kommt.“

9. Das Wort, das in Vorbesprechungen der Arbeitnehmervertreter vor Aufsichtsratssitzungen am häufigsten fällt, ist...

...ein ganzer Satz: „Das sollten, beziehungsweise müssen wir noch einmal genau nachfragen.“

10. Schätzen Sie das Gewicht der Unterlagen, die Sie jedes Jahr für die Aufsichtsratstätigkeit durchgehen müssen.

Ich lasse mir die Unterlagen immer in Papierform aushändigen. Ich denke, anderthalb Kilogramm kommen zusammen.



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