Deutscher Gewerkschaftsbund

28.03.2018

KollegInnen sein, nicht KonkurrentInnen

einblick April 2018

Hundertausende engagieren sich in Deutschland als BetriebsrätInnen. Wer sind diese Menschen, die sich für die Interessen ihrer KollegInnen einsetzen? einblick ist durchs Land gereist, um BetriebsrätInnen zu fragen, was sie antreibt.

Eine Frau und zwei Männer in einer Besprechung

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Betriebsräte in Deutschland – das sind Menschen wie Jürgen Heinrich (61), Rouven Lange (39), Melanie Bungert (34), Klaus-Peter Haas (57) und Anna-Katharina Wiens (30). Sie vertreten seit letztem Herbst die Interessen der Beschäftigten beim Engineering-Dienstleister Altran in Wolfsburg-Fallersleben.

Betriebsrat Wolfsburg

Vier Betriebsratsmitglieder des neugewählten Gremiums bei Altran in Wolfsburg. DGB/Clausen

Ein Industriegebiet in Wolfsburgs Westen. Ein modernes Bürogebäude mit grauem Stein und großen Glasfronten. Hier hat das Engineering-Unternehmen Altran, das auch Serviceleistungen für VW erbringt, einen seiner zahlreichen Standorte in und um die Autostadt. Im September 2017 fand hier die erste Betriebsratswahl statt, im Oktober hat sich das Gremium mit 11 Mitgliedern konstituiert.

Schon seit Jahren waren die ArbeitnehmerInnen zunehmend unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen. Den Ausschlag, einen Betriebsrat zu wählen, gaben dann einige nicht nachvollziehbare Kündigungen. Heinrich, Lange und ein Kollege gründeten deshalb im April 2017 einen Wahlvorstand. Zwei weitere Kolleginnen, darunter Bungert, kamen hinzu. Als Beweggrund nennt der jetzige Betriebsratsvorsitzende Heinrich „das Thema Gerechtigkeit“. Es habe eine „ausgeprägte Willkür“ im Unternehmen gegeben. „Das konnten und wollten wir nicht länger zulassen.“

Zeit für mehr "Demokratie im Betrieb"

Dass der Bedarf an „Demokratie im Betrieb“ insgesamt sehr groß war, zeigte sich auch daran, dass schließlich 28 Beschäftigte für den Betriebsrat kandidierten. Ins Gremium werden schließlich fünf Frauen und sechs Männer gewählt. Der Frauenanteil bei Altran beträgt nur rund 25 Prozent.

Hunderttausende Ehrenamtliche

180 000 BetriebsrätInnen gibt es in Deutschland. Sie engagieren sich in 28 000 Betrieben bundesweit. Die Wahlbeteiligung bei Betriebsratswahlen ist traditionell sehr hoch – 2014 lag sie zuletzt bei rund 80 Prozent.

Die große Mehrheit der elf Gremienmitglieder vertritt zum ersten Mal – in gewählter Position – die Interessen ihrer KollegInnen. „Wir müssen uns jetzt erstmal Wissen aneignen“, erklärt Bungert. Für sie war schnell klar, dass sie kandidiert – sie ist eine der wenigen Betriebsratsmitglieder, die schon während ihrer Ausbildung als Industriemechanikerin und danach Mitglied der IG Metall war. Auch in der Auszubildendenvertretung war sie bereits aktiv.

Einschüchterungen ja, Union Busting nein

Ein Spaziergang war die Betriebsratsgründung nicht. Als klar war, dass sie kandidieren wollen, sind einige MitarbeiterInnen von ihren Vorgesetzen angesprochen worden: Sie sollten sich das gut überlegen mit der Kandidatur und dabei an ihre Karrieren denken. „Aber im Großen und Ganzen wurde dem Wahlvorstand die Arbeit nicht erschwert“, macht Lange deutlich.

Nun vertreten sie die Interessen für die ArbeitnehmerInnen an sechs Standorten in und um Wolfsburg. Eine Herausforderung: „Wenn wir eine Betriebsversammlung einberufen, müssen wir einen Raum für 600 MitarbeiterInnen mieten“, erklärt Bungert.

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Grafik IG Metall mit Migrationshintergrund

IG Metall-Mitglieder mit Migrationshintergrund engagieren sich überdurchschnittlich oft als Betriebsräte.
DGB/einblick

Der Betriebsrat als Bindeglied

Der Betriebsrat selbst begreift sich „als ein helfendes Instrument, um das Unternehmen vernünftig führen zu können“, sagt Heinrich. Eine Sicht, die nicht alle teilen. Einige Führungskräfte seien immer noch der Meinung, der Betriebsrat behindere und verhindere Entscheidungen. Klar ist: bei Vorgängen, die vorher „scheinbar einfach“ waren, hat der Betriebsrat jetzt ein Mitspracherecht. „Es geht eben nicht mehr, dass einer einfach macht, wie er denkt. Da achten jetzt 11 KollegInnen darauf, dass alles seine Ordnung hat“, sagt Bungert.

Der Betriebsrat sieht sich auch als Bindeglied für die gesamte Belegschaft, die in den letzten Jahren aus kleineren Unternehmen zusammengewürfelt wurde. „Wir wollen – und können – dazu beitragen, dass die neuen Beschäftigten zu Mitarbeitern werden und nicht zu Konkurrenten“, ist sich Haas sicher.

Um einige Themen will sich der neu gegründete Betriebsrat besonders kümmern: darunter Qualifizierung, Weiterbildung und langfristige Personalentwicklung. Heinrich kritisiert: „Alle sagen ‚wir investieren in die Mitarbeiter‘, aber das sind leere Worthülsen“. Die Kollegen, die schon im Unternehmen sind, müssten sich weiterentwickeln können für künftige Projekte. „Aber das ist genau das, was wir vermisst haben und auch heute noch vermissen“, bemängelt der Betriebsratsvorsitzende. Es geht ihm auch um die Wertschätzung für die Mitarbeiter. Sie sollen eine langfristige Perspektive haben. Auch unternehmerisch sei es nicht sinnvoll, die Besten immer nach ein paar Jahren ziehen zu lassen. „Da müssen wir vonseiten des Betriebsrats den Riegel vorschieben“, sagt Haas.

GRafik Frauen in BR

Gerade in Betrieben, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, sind sie im Betriebsrat unterrepräsentiert.
DGB/einblick

Zentrales Thema: Arbeitszeit

Auch das Thema Arbeitszeit ist für den Betriebsrat zentral. Es gebe Beschäftigte mit einer horrenden Zahl an Überstunden auf ihren Gleitzeitkonten und andere seien nicht ausgelastet. „Das passt nicht zusammen“, stellt Bungert fest. Auch bei der Flexibilität gebe es eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“, einigen Beschäftigten sei mobiles Arbeiten im Home Office erlaubt, anderen werde es explizit untersagt. „Da müssen Regelungen getroffen werden“.

Eine weitere große Baustelle ist das Raumklima. Es gibt beide Extreme – Büros mit 16 Grad und zwei Räume weiter 30 Grad. „Das ist beides eine Katastrophe“, kritisiert Bungert. Das Problem mit der Klima-Anlage bestehe seit vier Jahren. „Da sind wir sehr intensiv dran, das zu lösen“, bekräftigt die 34-Jährige.

Die Solidarität macht auch am Werktor nicht halt: Heinrich interessiert sich für ein anderes Engineering-Unternehmen, bei dem die Gründung eines Betriebsrates bisher verhindert wurde. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit für ihn: Wie kann es sein, dass es in Wolfsburg einen Anbieter gibt, der nicht nach den Regeln spielt? Melanie Bungert denkt sogar noch weiter: „Ein einheitlicher Tarifvertrag für alle Engineering-Dienstleister, das wäre schön“. Das sei ein eher langfristiges Ziel, ergänzt sie noch. Die Arbeit geht gerade erst los.


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