Deutscher Gewerkschaftsbund

02.07.2018

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Haben ist besser als brauchen

einblick Juli/August 2018

Zu groß, zu teuer und „immer nur Fußball“ – die Liste der Kritikpunkte am öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist lang. Warum er dennoch nötiger denn je ist, schreibt der Medienjournalist Michael G. Meyer.

Interview mit zwei Personen mit blauen Mikrofon

Colourbox

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist unter Druck – europaweit. In Dänemark wurde unlängst die Beitragsfinanzierung abgeschafft und der Etat um ein Fünftel gekürzt, in der Schweiz wurde mit der „NoBillag“-Initiative über die Zukunft der Rundfunkgebühren abgestimmt und auch der ORF ist heftig unter Beschuss, seitdem in Wien Konservative und Freiheitliche regieren. In Ländern wie Polen oder Ungarn verkommt der öffentliche Rundfunk gar zum Sprachrohr der Regierenden. Und selbst in Deutschland wollen Parteien wie die FDP oder die AfD den öffentlichen Rundfunk einkürzen oder gar gleich abschaffen.

"Wer sonst berichtet so ausführlich über politische Prozesse?"

Was die Kritik an den Dimensionen betrifft: Sicher, ARD und ZDF sind groß: Mit über ein Dutzend Fernseh- und sechzig Hörfunkprogrammen leistet sich Deutschland ein üppiges öffentlich-rechtliches System. Nicht alles, was derzeit in Hörfunk, Fernsehen und Online produziert wird, muss zwangsläufig in der Zukunft so fortgeführt werden. Worin der Sinn besteht, wenn etwa jeder ARD-Sender ein eigenes regionales Wirtschaftsmagazin produziert, das Erste seit kurzem morgens um neun eine banale Frühstücksshow auflegt oder warum es so manches Programm im Hörfunk gibt, das hauptsächlich Musik spielt – darüber mag man diskutieren. Auf der „Haben-Seite“ stehen jedoch auch Programme und Sendungen, die so niemals privatwirtschaftlich finanzierbar wären: Tagesschau und heute-journal, Politmagazine, PHOENIX, arte, 3sat oder ZDFinfo etwa. Im Hörfunk die Kulturprogramme der ARD-Sender, oder etwa der Deutschlandfunk.
Das alles sind Leuchttürme eines exzellenten, und dabei durchaus auch unterhaltenden Journalismus, der sich eben nicht einer bestimmten Seite verpflichtet sieht: Weder wirtschaftlichen Interessen, noch einer Regierung oder einer Partei. Das ist in Zeiten von „Fake-News“ und „Filterblasen“ ein ganz wichtiger Punkt. Erschreckend ist es, zu sehen, wie immer mehr Medienkonsumenten es ganz normal finden, sogenannte Alternativmedien zu nutzen, ohne deren Absenderschaft oder Intentionen zu kennen oder zu prüfen. Nur zwei Beispiele: Der YouTube Kanal „Ken FM“ des Journalisten Ken Jebsen hat 210000 Abonnenten, „RT Deutsch“, die deutsche Version des russischen Staatssenders „Russia Today“ immerhin 167000 Abonnenten. Beide Kanäle bieten Beispiele dafür, dass man es mit der Wahrheit oft nicht so genau nimmt, Fakten weglässt oder verdreht, höchst tendenziös berichtet und sich als echte mediale Alternative geriert. „Der fehlende Part“ heißt die Hauptsendung von „RT deutsch“. Das soll suggerieren: Hier erfahren Sie, was Sie sonst nicht erfahren. Die Realität sieht allerdings anders aus.

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"Immer mehr Medienkonsumenten finden es ganz normal, sogenannte Alternativmedien zu nutzen."

Immer wieder wird in Debatten auch die Höhe des Rundfunkbeitrags für ARD/ZDF kritisiert: Jeden Monat 17,50 Euro – ist das nicht zu viel? Niemand zahlt den Beitrag gerne – ähnlich der Steuern, die auch nicht gerne gezahlt werden. Doch angesichts der Vielzahl an Herausforderungen, denen sich die Medienmacher stellen müssen, wäre Deutschland gut beraten, sich weiterhin einen gut ausgestatteten öffentlichen Rundfunk zu leisten. Wer sonst berichtet so ausführlich über politische Prozesse? So intensiv aus dem Ausland, auch aus Krisengebieten? Wer sonst berichtet jeden Tag über Ereignisse oder Missstände auch vor Ort in Deutschland, in der jeweiligen Region? Fairerweise muss man sagen: Durchaus auch (noch) die lokalen, regionalen und überregionalen Zeitungen. Umso bedauerlicher, dass einige Jahre lang ein Dauerzwist zwischen den Verlegern und den öffentlich-rechtlichen Sendern tobte. Der Vorwurf: ARD und ZDF liefern im Internet und in ihren Apps zu viel Text und würden so in den Gefilden der Zeitungen wildern, die Mühe haben, ihre Angebote zu refinanzieren. Daran mag hier und da etwas dran sein – Fakt ist aber auch: Angesichts der in manchen Regionen sich arg ausdünnenden Angebote der Zeitungen ist ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der in den Ländern verankert ist, unerlässlich. Immerhin haben sich die Verleger und ARD/ZDF nun geeinigt – bei Streitfällen soll ein Schiedsgericht angerufen werden. Der Zwist zeigt aber auch: In volatilen Medienmärkten, wie sie heute Realität sind, kann man sich keinesfalls auf Geschäftsmodelle allein verlassen. Bislang haben auch weder die US-Größen Amazon, Netflix noch Apple angekündigt, ins Nachrichtengeschäft einzusteigen. Und sie werden es aller Voraussicht nach auch nicht tun, aus einem einfachen Grund: Hier ist kaum Geld zu verdienen.

"Angesichts der in manchen Regionen sich arg ausdünnenden Angebote der Zeitungen ist ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der in den Ländern verankert ist, unerlässlich."

Der Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlags, Mathias Döpfner, schrieb unlängst in einem Gastbeitrag: „Die Lüge ist Alltag geworden“. Dagegen könnten nur „saubere, harte Recherche“ helfen, und der „Mut zur Wahrheit“. All das liefern die öffentlich-rechtlichen in ihren Informationsprogrammen. Wer im Urlaub das Pech hatte, in Italien, Spanien oder Griechenland etwa, fernzusehen, weiß, wie es um die hohe Qualität des bundesdeutschen Mediensystems bestellt ist. Daran umfangreich die Hand anzulegen, wäre publizistisch und demokratie-politisch der falsche Weg.

Michael G. Meyer, 49, ist freier Medienjournalist und lebt in Berlin. Studium der Publizistik, Theater- und Filmwissenschaft an der FU Berlin. Zahlreiche Beiträge aus dem In- und Ausland zu Medien- und Kulturthemen für den Deutschlandfunk, RBB und WDR. Michael G. Meyer schreibt außerdem für die Zeitungen der DuMont-Gruppe und andere Publikationen.


Hintergrund: Information, Bildung, Vielfalt

Fake News, Alternativmedien und Filterblasen – manchmal fällt es schwer, den Überblick zu behalten und den wahren Kern einer Nachricht zu erkennen. Die öffentlich-rechtlichen Medien bieten hier Orientierung und ordnen ein. „Sie sind verlässliche journalistische Quelle“ – schreibt der DGB in einer Erklärung, die er gemeinsam mit 23 weiteren Verbänden und Organisationen Mitte Juni veröffentlich hat. Das Schreiben richtet sich an die MinisterpräsidentInnen der Länder, die in Berlin zum Thema Rundfunkbeitrag und Telemedienauftrag beraten haben.
Die öffentlichen Fernseh-, Radio- und Internetformate garantierten „freie Meinungsbildung und Meinungsvielfalt“, heißt es in dem Papier. Und: „Unsere Demokratie braucht starke öffentlich-rechtliche Medien“. Deswegen müssten die öffentlich-rechtlichen Medien zukunftsgerecht reformiert und solide finanziert werden.
Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann sagte: „Millionen Menschen sehen in diesen Medien regelmäßig, oft täglich, Info-Sendungen, Talk-Shows, Filme und Dokumentationen.“ Sie verließen sich darauf, dass diese Medien sie gut und vielfältig informieren und unterhalten. „Reformbedarf kann nicht heißen, sie kaputt zu sparen, sondern zu verbessern“, so Hoffmann. Mehr zum Thema: www.dgb.de/-/Rku

 


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