Deutscher Gewerkschaftsbund

27.08.2018

Schicht im Schacht

einblick September 2018

Im Dezember endet die 500-jährige Grubengeschichte in Ibbenbüren. Den Abschied von der Steinkohle hat der Betriebsrat vor Ort aktiv mitgestaltet. Das Wichtigste war ihm: Die Kumpel werden bei der Jobsuche unterstützt und fallen nicht ins „Bergfreie“.

Schacht Oeynhausen in Ibbenbüren

DGB/lcl

Er glänzt wie schwarzes Gold, der Anthrazit aus Ibbenbüren. Mit einem Kohlenstoffgehalt von 90 Prozent ist die Steinkohle, die im Norden Nordrhein-Westfalens gefördert wird, von besonderer Qualität. Die verbliebenen 790 Kumpel arbeiten bis zu 1560 Metern unter Tage, um die letzten Brocken ans Tageslicht zu schicken. Das Bergwerk in Ibbenbüren ist eine der beiden letzten aktiven deutschen Steinkohle-Gruben. In der Zeche Prosper Haniel in Bottrop wird am 21. Dezember endgültig Abschied vom Steinkohlebergbau gefeiert. Uwe Wobben, Betriebsratsvorsitzender in Ibbenbüren, sieht das Ende des Steinkohlebergbaus mit gemischten Gefühlen: „Mit einem weinenden Auge, weil es diesen Berufszweig nicht mehr geben wird, aber auch mit einem lachenden Auge, dass wir uns um alle gekümmert haben werden“, erklärt er.

Grafik Steinkohleabbau

Die Bergbauregionen haben schon Jahrzehnte des Strukturwandels hinter sich: Nicht nur die Beschäftigtenzahlen sind seit den 1950er Jahren kontinuierlich gesunken, sondern auch die Fördermengen betrugen zuletzt nur noch einen Bruchteil früherer Mengen. DGB einblick

2007 hat die Bundesregierung beschlossen, den Steinkohleabbau nicht länger zu subventionieren. Die Betriebsratsmitglieder in Ibbenbüren haben den Abschied seitdem aktiv mitgestaltet. 2011 schlossen die Arbeitnehmervertreter und die Geschäftsführung einen Tarifvertrag, um die Beschäftigten neu zu qualifizieren und in anderen Betrieben unterzubringen. Viele der jüngeren Mitarbeiter sind bereits ins Kohlekraftwerk gewechselt, das direkt neben dem Bergwerk steht und weiter am Netz sein wird. „Das ist ein Erfolg der Mitbestimmung“, erklärt Uwe Wobben. Er und seine Mitstreiter haben viele Gespräche geführt, damit die jungen Kollegen dort Verträge bekommen.

Anfang 2018 erhielten die letzten Auszubildenden ihre Zeugnisse – nach dem Ende der Zeche, werden sie als Industriemechaniker und Elektroniker arbeiten. Bergmänner wurden schon seit 1994 nicht mehr ausgebildet. Auf Uwe Wobbens Schreibtisch liegen noch die Fälle der Kollegen, für die zum Ende des Jahres noch keine neue Stelle gefunden ist. 27 sind es nach derzeitigem Stand. „Wir kümmern uns intensiv darum, dass alle einen Platz finden, der für sie passt“, bekräftigt der Betriebsratsvorsitzende, „das heißt: Wir vermitteln alle“.

Grafik Steinkohleförderung

DGB/einblick

Die Bedingungen sind nicht schlecht. In der Region liegt die Arbeitslosigkeit bei unter drei Prozent – in der Nähe ist ein Tiefkühltortenproduzent ebenso tätig wie Hersteller von Landmaschinen und Haushaltswaren. Also einfach vom Kohlebergwerk in die saubere Tortenfabrik wechseln? „So einfach ist es dann doch nicht“, erklärt Wobben. Die meisten Bergleute wurden umgeschult – zu Feuerwehrmännern oder Rettungssanitätern. Einige Bergwerksarbeiter werden vor Ort bleiben für die „ewige Wasserhaltung“. Wenn der Schacht dicht macht, läuft das Regenwasser nicht mehr ab, das die Bergmänner bislang abpumpen, um trockene Füßen zu behalten. Dieses Wasser wird in Zukunft über einen langen Kanal abgeführt. Die Mitarbeiter der „Ewigkeitsarbeit“ überwachen dies.

77 Hektar Fläche können nach dem Rückbau des Bergwerks genutzt werden. Bis zum 1. Januar 2020 wird der Rückbau vollendet sein. Teile – wie die Halden – sollen zum Naturschutzgebiet werden, andere zu Gewerbeflächen. Einige Gebäude erhalten Denkmalschutz und auch ein kleines Bergbaumuseum ist geplant.

Wenn Anthrazit nach einiger Zeit seinen Glanz verliert, kann er mit ein bisschen Wasser wieder poliert werden. Nur aus dem Berg wird dann keiner mehr nachkommen.

Porträt Wobben Betriebsrat

Uwe Wobben, 52, arbeitet seit 1988 im Bergwerk Ibbenbüren. Seit 1997 ist er Betriebsrat und seit 2016 Vorsitzender. Jetzt begleitet er den Abschied von der Zeche. „Darum beneidet mich keiner“, sagt er.

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