Deutscher Gewerkschaftsbund

Unsere Zukunft

Die Zukunft der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften wollen auch angesichts neuer Herausforderungen die handlungs- und durchsetzungsfähigen Interessenvertretungen für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bleiben. Darum haben sie sich zum Ziel gesetzt, für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer attraktiver zu werden, auch für die, die den Gewerkschaften bislang abwartend und skeptisch begegnen.

1. Vielfalt in der Einheit verwirklichen

2. Kompetenz und Beteiligung ausbauen

3. Organisationskultur erneuern

4. Die Zukunft gewerkschaftlicher Interessenvertretung in Europa

 

1. Vielfalt in der Einheit verwirklichen

In vielen Branchen und Organisationsbereichen entspricht die Mitgliederstruktur der Beschäftigungsstruktur der sechziger Jahre. Diesen Prozeß umzukehren, erfordert einen langfristig angelegten Prozeß der Organisationsentwicklung. Wir wollen Schwächen selbstkritisch reflektieren, Stärken ausbauen und neue Herausforderungen aufgreifen.

Besonders wollen wir die Erfahrungen und Probleme von Jugendlichen, Frauen, Beschäftigten in Kleinbetrieben, von Angestellten und Beamten in sogenannten "gewerkschaftsfernen Bereichen" aufgreifen. Wir werden ihre Interessen künftig verstärkt berücksichtigen - in der Betriebs- und Tarifpolitik wie bei gesellschaftlichen Reformüberlegungen.

Die Gewerkschaften wollen sich den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern öffnen, die nicht über Betriebe, Verwaltungen und Behörden erreichbar sind. Wir wollen stärker die Interessen von Arbeitslosen, Vorruheständlerinnen und Vorruheständlern sowie Seniorinnen und Senioren aufgreifen und entsprechende Angebote zur Mitarbeit entwickeln.

Öffnung bedeutet auch, junge Menschen verstärkt anzusprechen, die ihre berufliche Qualifikation in Schulen und Hochschulen erwerben. Immer mehr Jugendliche entscheiden sich für außerbetriebliche berufliche Bildungswege. Wir wollen ihre Interessen an qualifizierter Ausbildung und gesicherter Berufsperspektive mit den Interessen der Jugendlichen, die ihre Ausbildung im Betrieb erhalten, zusammenführen.

Die Organisations- und Handlungsbereitschaft der Arbeiterinnen und Arbeiter stärken die Gewerkschaften. Ihre Interessen werden wir auch in Zukunft nicht vernachlässigen. Es geht darum, sensibel zu werden für die Vielfalt der Interessen in einer Organisation, in der sich Menschen mit unterschiedlichen Biographien, verschiedenen Bildungswegen und mit divergierenden Wünschen über ihre Arbeitswelt und ihr Leben zusammenfinden. Erst die Anerkennung unterschiedlicher Interessen macht eine solidarische Interessenpolitik der Gewerkschaften möglich.

2. Kompetenz und Beteiligung ausbauen

Die Zukunft der Gewerkschaften liegt in ihrer Verankerung in Betrieben und Verwaltungen. Hier können die Gewerkschaften die Interessen der Beschäftigten am besten aufgreifen. Sie sind die Richtschnur gewerkschaftlichen Handelns. Das verlangt Auseinandersetzungen und differenzierte Argumentation, um verschiedenartige Interessen auszugleichen und zusammenzuführen.

Notwendig wird also eine Betriebsarbeit der Gewerkschaften, die stärker auf Beteiligung und Zusammenwirken setzt. Betriebs- und Personalräte, Jugend- und Auszubildendenvertretungen, Frauenbeauftragte, gewerkschaftliche Vertrauensleute und die Beschäftigten als Experten ihres Arbeitsbereiches müssen angesichts der vielfältigen Aufgaben neue Formen von Zusammenarbeit und Arbeitsteilung entwickeln. Die Gewerkschaften wollen ihre Strukturen in der Betriebsarbeit in diesem Sinne ausbauen. Vor allem werden die Gewerkschaften daran arbeiten, auch in Klein- und Mittelbetrieben Betriebsräte einzurichten.

Wir streben an, die Gewerkschaftsarbeit in den verschiedenen Betrieben enger miteinander zu verzahnen und so gemeinsame Konzepte und Orientierungen für betriebspolitisches Handeln zu entwickeln. Von herausragender Bedeutung sind dabei die Kenntnisse und Erfahrungen der zahlreichen ehrenamtlichen Funktionärinnen und Funktionäre.

Die Gewerkschaftsarbeit in den Betrieben und Verwaltungen werden wir mit der Tarif- und Regionalpolitik verknüpfen und in eine gesellschaftliche Reformstrategie einbetten.

Wir werden unseren Einfluß in der Gesellschaft, in den Medien und in den politischen Parteien stärken. Im Dialog mit Kirchen und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, mit Bürgerinitiativen und anderen gesellschaftlichen Gruppen werden wir für unsere Positionen werben. Dabei werden wir uns neuen Fragen stellen, eigene Positionen überprüfen und weiterentwickeln.

Der Dialog zwischen Kirchen und Gewerkschaften und das Engagement der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Kirchen und Gewerkschaften sind ein wichtiger Beitrag zur Sicherung des sozialen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft.

Grundlage bleibt die eigenständige Willensbildung in den Gewerkschaften. Dies schließt eine Funktionalisierung durch andere Gruppen und Parteien aus. Ausdrücklich schließen wir jede Zusammenarbeit mit Parteien oder Gruppen aus, deren grundsätzliche Ziele im Gegensatz zu unseren Grundwerten und Zielen stehen.

Politik gesellschaftlicher Reformen beginnt für uns in den Betrieben und Verwaltungen. Von dort aus müssen die Gewerkschaften ihre Reformanstöße, wenn es um die großen Themen dieser Gesellschaft geht, in die gesellschaftliche Diskussion einbringen.

3. Organisationskultur erneuern

Mehr Individualität und Vielfalt der Interessen verändern die Organisationskultur und Organisationsstruktur der Gewerkschaften. Diesen Prozeß werden wir weiterhin so fördern, daß gemeinsame Interessen entwickelt und durchgesetzt werden.

Die Legitimation und Verbindlichkeit der nach den Grundsätzen der innergewerkschaflichen Demokratie getroffenen Entscheidungen wird gestärkt, wenn diese transparenter werden, nach einem ausführlichen Diskussionsprozeß zustande kommen und unter breiterer Beteiligung der Mitglieder umgesetzt werden.

Offen zu sein bedeutet, die ehrenamtliche Arbeit zu stärken. Dies schließt Angebote zum "Mitmachen" auch für die Menschen ein, die sich nicht kontinuierlich engagieren wollen. Offenere Gewerkschaftsarbeit heißt zugleich, zu lernen, mehr Freiräume und Gelassenheit gegenüber Gruppen zu pflegen, für die gewerkschaftliche Praxis noch nicht oder nicht mehr selbstverständlich ist.

Die gewerkschaftliche Betriebs- und Tarifpolitik muß Kollektivität mit Individualität verbinden. Eine offenere Organisationskultur, geprägt durch Toleranz und Teilhabe, verleiht unseren Werten von Solidarität, gegenseitiger Hilfe und demokratischer Selbstorganisation neues Gewicht.

4. Die Zukunft gewerkschaftlicher Interessenvertretung in Europa

Gerade nach dem Ende des 2. Weltkrieges waren deutsche Gewerkschafter akzeptierte Repräsentanten in Europa, die sich für Frieden, Zusammenarbeit, Verständigung und Aussöhnung über die Grenzen hinweg für ein gemeinsames Europa engagierten mit dem Ziel, nationales Denken zu überwinden. Gewerkschaften haben als große Friedensbewegung eine besondere Verantwortung, für die europäische Idee einzutreten.

Nach Auflösung der West-Ost-Blöcke steht die internationale und europäische Gewerkschaftsbewegung vor neuen Herausforderungen.

Die im Europäischen Gewerkschaftsbund zusammengeschlossenen Gewerkschaften wollen ein vereintes soziales und demokratisches Europa.

Mit ihnen treten wir für Vollbeschäftigung, für sozial-ökologische Reformen und für ein hohes Maß an sozialem Schutz ein.

Es ist eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaften, die Grundgedanken von Sozialstaatlichkeit in Europa zu verankern, ohne ein nationales Modell vorgeben zu wollen. Unverzichtbar dafür sind eine finanziell und rechtlich abgesicherte aktive Beschäftigungspolitik sowie arbeits- und sozialrechtliche Mindeststandards.

Europa muß die Grund- und Menschenrechte umfassend gewährleisten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen auch auf europäischer Ebene ihre Rechte durchsetzen können.

Europa ist mehr als die Europäische Union. In diesem Bewußtsein unterstützt der DGB die schrittweise Erweiterung der Europäischen Union durch Aufnahme von Staaten Mittel-, Ost- und Südeuropas.

Die deutschen Gewerkschaften wissen, daß die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa mit einer starken gemeinsamen Stimme ihre Interessen zu Gehör bringen müssen. Effiziente gewerkschaftliche Gremien können für die Zukunft der gewerkschaftlichen Interessenvertretung in Europa wichtige Beiträge leisten. Deshalb plädieren wir für eine Stärkung des Europäischen Gewerkschaftsbundes und der europäischen Gewerkschaftsstrukturen in den verschiedenen Sektoren und Bereichen.

Die zukünftige europäische Wirtschafts- und Währungsunion erfordert eine intensive gewerkschaftliche Zusammenarbeit in der Tarifpolitik.

Darüber hinaus ist die Arbeit der interregionalen Gewerkschaftsräte auszubauen, um insbesondere die regionale Sozial-, Wirtschafts-, Struktur- und Kulturpolitik zu beeinflussen.

Unser Grundsatzprogramm ist ein Beitrag und ein Teil einer gemeinsamen europäischen und internationalen gewerkschaftlichen Interessenvertretung. Es beschreibt die gemeinsamen Grundwerte und die gewerkschaftspolitischen Ziele, die das verbindende politische Fundament der Arbeit aller Gewerkschaften darstellen und dadurch Solidarität stiften.

Es gehört zu unserer Tradition und zu unserer Verantwortung, daß wir uns über Grenzen hinweg für Frieden, Zusammenarbeit, Verständigung und Aussöhnung engagieren. Unsere feste Überzeugung ist: Wer sich den unterschiedlichen Traditionen und Kulturen Europas öffnet, wird reicher und nicht ärmer. Wir betrachten Europa als einen Fortschritt auf dem Weg zu einer friedvollen Welt.


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