Deutscher Gewerkschaftsbund

Unsere Zukunft

Zukunft der Arbeit

Die Durchsetzung des Rechts auf Arbeit, eigenverantwortliches und vielseitiges Arbeiten für jede Arbeitnehmerin und jeden Arbeitnehmer, eine humane Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit durch weitere Arbeitszeitverkürzungen sowie eine gerechte Verteilung der Einkommen sind die zentralen Ziele gewerkschaftlicher Politik.

1. Arbeit schaffen und Arbeit teilen

2. Wandel der Arbeit

3.  Wir wollen die Arbeit der Zukunft gestalten

4. Gestalten durch rechtliche Absicherung und Tarifvertrag

5. Beteiligung und Mitbestimmung ausbauen

 

1. Arbeit schaffen und Arbeit teilen

Arbeit bedeutet mehr als bloße Existenzsicherung. Sie ist die wesentliche Voraussetzung für die Selbstverwirklichung der Menschen und für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Arbeit schafft gesellschaftlichen Wohlstand und Lebensqualität.

Wohlstand entsteht nicht nur durch Erwerbsarbeit. Auch Familien- und Erziehungsarbeit sowie ehrenamtliches Engagement leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Allerdings sind Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern noch immer ungleich verteilt. Die Gestaltung der Erwerbsarbeit orientiert sich immer noch an dem Modell des "Normal-Arbeitnehmers". Auch überkommene Denkweisen und eine mangelhafte gesellschaftliche und private Unterstützung bei der Kinderbetreuung zwingen Frauen in die Doppelbelastung von Erwerbs- und Hausarbeit. Gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen behindern eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter. Besonders in Positionen mit gesellschaftlicher Macht und Verantwortung sind Frauen unterrepräsentiert.

Diese geschlechtshierarchische Arbeitsteilung ist ein Strukturmerkmal der Erwerbsarbeit mit tiefgreifenden Folgen für Frauen, wie z. B. geringere Entlohnung und mangelnde Aufstiegschancen. Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung sind typische Formen der Frauenerwerbsarbeit.

Das Recht auf Arbeit ist ein Menschenrecht. Jede Frau und jeder Mann muß die Chance haben, eine Arbeit auszuüben, die eine menschenwürdige Existenz ermöglicht.

Der Sozialstaat hat Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Sie schadet den Menschen und der Gesellschaft. Für Betroffene bedeutet Arbeitslosigkeit Zukunftsangst, einen sinkenden Lebensstandard, oftmals Not und Isolation. Qualifikationen, Kreativität und der Leistungswille von Millionen von Menschen gehen verloren. Gleichzeitig beschränken die Kosten der Arbeitslosigkeit die Mittel für dringend erforderliche Reformen. Deshalb hilft der Abbau der Massenarbeitslosigkeit nicht nur den Betroffenen. Er ist zugleich die wichtigste Voraussetzung, den Sozialstaat zu erhalten und auszubauen.

Die Gewerkschaften werden all ihre Kräfte darauf konzentrieren, eine Politik durchzusetzen, die Massenarbeitslosigkeit abbaut. Dies schließt unseren Einsatz für eine qualitative und zukunftsorientierte Ausbildung sowie den anschließenden Einstieg in das Berufsleben ein.

Dazu leisten die Gewerkschaften eigene Beiträge. Wir wollen die Politik zur Arbeitszeitverkürzung in ihrer ganzen Vielfalt fortführen. Angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Produktivitätssteigerung muß die individuelle Erwerbsarbeitszeit weiterhin kontinuierlich verkürzt werden. Wohlstandsgewinn kann nicht nur in Einkommenszuwächsen, sondern muß auch im Zuwachs an erwerbsarbeitsfreier Zeit gesehen werden. Die Beschäftigten wünschen mehr Zeitsouveränität, planbare und verläßliche Zeiten für gemeinsames Leben, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und vor allem Beschäftigungssicherung.

Vor allem aber werden wir uns mit allem Nachdruck dafür einsetzen, Arbeitgeber und politisch Verantwortliche auf das Vollbeschäftigungsziel zu verpflichten. Wir fordern von Unternehmern und von der öffentlichen Hand Investitionen und Innovationen, die eine nachhaltige Entwicklung fördern. Parlamente und Regierungen sind aufgerufen, sich für eine aktive Beschäftigungspolitik einzusetzen.

Wir werden eine solche Politik unterstützen, indem wir Initiativen zur Beschäftigungssicherung durchsetzen und Innovationen vorantreiben. Mit breiteren Produkt- und Dienstleistungspaletten, Produktkonversion und modernerer Produktions- und Dienstleistungsgestaltung müssen Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden.

Vollbeschäftigung wird aus vielen - gesellschaftlichen und individuellen - Gründen in einer Vielfalt von neuen Beschäftigungsverhältnissen, unterschiedlichen Beschäftigungsformen und Arbeitszeitregelungen verwirklicht werden müssen: Privatwirtschaftliche Arbeitsverhältnisse, öffentliche Dienste und öffentlich geförderte Beschäftigung, Phasen von Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit in der individuellen Lebensbiographie werden das künftige Bild der Arbeitsgesellschaft bestimmen. Erforderlich hierzu ist eine grundlegende soziale und rechtliche Absicherung.

Der Einsatz der Gewerkschaften wird künftig noch stärker darauf zielen, die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arbeitsleben tatsächlich zu erreichen. Kürzere Arbeitszeiten können helfen, die Familienarbeit und Erwerbsarbeit gleichermaßen zwischen Frauen und Männern gerechter zu verteilen. Arbeitszeiten müssen so gestaltet sein, daß Erwerbspersonen mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben nicht aus dem Erwerbsleben gedrängt werden. Frauenförderung und Quotenregelungen müssen dazu beitragen, Benachteiligungen abzubauen und beiden Geschlechtern gleiche Aufstiegschancen zu ermöglichen. Frauen sollen bei Einstellungen, Qualifizierungsmaßnahmen und der Personalentwicklung besonders gefördert werden. Betriebliche Frauenförderpläne müssen die Gleichstellungspolitik in den Betrieben verbindlich machen.

2. Wandel der Arbeit

Strukturelle Veränderungen der Weltwirtschaft und technisch-organisatorischer Wandel haben in den vergangenen Jahrzehnten die Arbeit verändert. Neue Organisations-, Produktions- und Dienstleistungskonzepte setzen auf die Ausschöpfung aller Produktivitätsreserven und auf die umfassende Nutzung von Qualifikationen, Kompetenzen und Motivation der Beschäftigten.

Es ist absehbar, daß diese neuen Konzepte und die weitere informationelle Vernetzung Rationalisierungsprozesse verstärken. Einerseits sind sie mit neuen Leistungsanforderungen und betrieblichen Auswahlprozessen verbunden; ältere, geringer qualifizierte und leistungsschwächere Arbeitnehmer und vor allem Arbeitnehmerinnen werden zunehmend ausgegrenzt. Andererseits bieten die neuen Unternehmensstrategien aber auch Möglichkeiten der Gestaltung von Produktions- und Dienstleistungsarbeit, erschließen Chancen, die Arbeit vielfältiger, kooperativer und unter Beteiligung der Betroffenen zu gestalten.

Die kommunikationstechnische Vernetzung von Arbeitsplätzen, Betrieben und Unternehmen und die Anwendung von Multimedia führen zu neuen Formen der Telearbeit und Kooperation. Zunehmend läßt sich Wertschöpfung losgelöst von herkömmlichen Arbeitsstätten realisieren. In Datennetzen operierende Unternehmen begünstigen die Verlagerung von Arbeit und eine weitere Globalisierung der Arbeitsmärkte. Ohne rechtzeitige Gestaltung ist absehbar, daß dieser technische wie kulturelle Veränderungsprozeß das Normalarbeitsverhältnis infrage stellt, den sozialen Charakter der Arbeit aufzulösen droht und den beschäftigungspolitischen Problemdruck verschärft.

Politische Deregulierung, die Privatisierung öffentlicher Bereiche und der angesichts der Massenarbeitslosigkeit wachsende Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ihre Ansprüche an einen Arbeitsplatz zu reduzieren, begünstigen darüber hinaus die Ausbreitung ungeschützter und geringfügiger Beschäftigung sowie die Herausbildung neuer Formen abhängiger Selbständigkeit.

Dienstleistungsberufe, bei denen die soziale, pädagogische oder beratende Tätigkeit für Menschen im Mittelpunkt steht, werden - auch angesichts der neuen Medien - an Bedeutung gewinnen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer humanen Gestaltung und Regulierung.

Unsere Mitbestimmungsrechte und die gewachsenen Strukturen betrieblicher und tarifvertraglicher Interessenpolitik reichen nicht aus, die neuen, oftmals außerhalb betrieblicher Zusammenhänge angesiedelten Beschäftigungsverhältnisse zu regulieren und zu gestalten.

Die Entwicklung in diesem Bereich ist offen und politisch gestaltungsfähig. Wir brauchen aber mehr Klarheit über die Auswirkungen der informationstechnischen Vernetzung auf die Arbeits- und Sozialbedingungen. Deshalb fordern die Gewerkschaften einen gesellschaftlichen Dialog und verstärkte Forschungsaktivitäten über die Chancen und Risiken digitalisierter Welten. Wir werden uns verstärkt der Frage widmen, wie die Arbeit unter den veränderten Bedingungen humanisiert werden kann. Das kann nur gelingen, wenn die Erfahrung der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in den Betrieben und Verwaltungen mit den Forschungsresultaten der Wissenschaft zusammenfließen und dies Auswirkungen auf die Forschungs- und Technologiepolitik hat.

3. Wir wollen die Arbeit der Zukunft gestalten

Die Gewerkschaften haben sich seit jeher für die Humanisierung der Arbeit, für Gesundheitsschutz und zumutbare Leistungsanforderungen engagiert. Arbeit muß Selbstverwirklichung ermöglichen und die Qualifikationen und die Zusammenarbeit mit anderen fördern. In dieser Tradition wollen wir auch die neuen Produktions- und Organisationskonzepte gestalten. Unser Leitmotiv lautet: Chancen nutzen, Risiken begrenzen.

Wir wollen die Arbeit human gestalten, akzeptable Leistungsbedingungen vereinbaren und neue Wege der Beschäftigungssicherung gehen. Dazu gehören auch Vereinbarungen, in denen die Beteiligung und Qualifizierung von Betroffenen und Beschäftigtengruppen verbindlich festgeschrieben wird. Rationalisierungsstrategien führen häufig zu Gewinnern und Verlierern. Es bleibt für uns verpflichtende Aufgabe, Alternativen zu entwickeln und umzusetzen, die einen solidarischen Ausgleich ermöglichen.

Viele Menschen wollen Arbeit und individuelle Lebensplanung besser in Einklang bringen. Wir wollen unterschiedlichen Interessen der Beschäftigten bei der Regelung ihrer Arbeitsverhältnisse zukünftig stärker gerecht werden. Freiheit und Selbstentfaltung in der Arbeit setzen allerdings Regelungen voraus, die Schutz vor Abhängigkeit und Willkür bieten und die zugleich Spielräume für eine individuellere Ausgestaltung der Arbeit eröffnen. Dies bedeutet: Rechtliche Absicherung und soziale Gestaltung, Sozialversicherungspflicht, tarifvertraglicher Schutz und betriebliche Interessenvertretung sind unverzichtbar.

Im Zuge dieser Bemühungen werden die Gewerkschaften alles daran setzen, den kommunikativen Charakter der Arbeit zu erhalten. Erstrebenswerte Arbeitsplätze sollen die Möglichkeit zu sozialen Kontakten mit anderen am Arbeitsprozeß Beteiligten bieten. Die Arbeitsbedingungen, auch in weltweit operierenden Datennetzen und bei Tele-Heimarbeit, sind entsprechend zu gestalten.

4. Gestalten durch rechtliche Absicherung und Tarifvertrag

Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erwarten auch in Zukunft Schutz- und Gestaltungskonzepte durch ihre Gewerkschaften. Zugleich verlangen sie die stärkere Berücksichtigung ihrer jeweiligen unterschiedlichen Interessen. Unser Prinzip lautet: Auf der Grundlage kollektiver Regelungen wollen wir mehr individuelle Rechte, Wahl- und Beteiligungsmöglichkeiten schaffen.

Die Gewerkschaften plädieren dafür, die Individualrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf der Grundlage des Betriebs- und Personalvertretungsrechts zu stärken. Dazu gehören Reklamations- und Beteiligungsrechte, ein Recht auf individuelle Arbeitsverweigerung aus Gewissensgründen und bei Grundrechtsverstößen sowie das Recht auf Selbstbestimmung über personenbezogene Daten.

Wir setzen uns dafür ein, das traditionelle Verständnis des Begriffs "Arbeitnehmer" zu erweitern, damit auch bislang ungeschützte Beschäftigte und ökonomisch abhängige Selbständige in den Geltungsbereich des Betriebs- und Personalvertretungsrechts fallen. Kollektive Interessenvertretung ist eine Grundvoraussetzung für Menschenwürde im Betrieb und für die reale Durchsetzung von Tarifverträgen und Arbeitsschutzvorschriften.

Betriebsaufspaltungen, der Einsatz von Fremdfirmen, die Neugliederung von Unternehmen und Konzernen erfordern zugleich eine Erweiterung des Betriebs- und Unternehmensbegriffs. Die Gewerkschaften setzen sich entschieden dafür ein, daß durch eine Novellierung der Betriebsverfassung die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Interessenvertretung und Mitbestimmungspraxis verbessert werden. Dazu sind vor allem die rechtlichen Möglichkeiten, durch ein vereinfachtes Wahlverfahren Betriebsräte in Kleinbetrieben zu bilden, zu verbessern. Ferner sind Grundlagen zu schaffen, die eine standortbezogene Interessenvertretung aller im Betrieb Beschäftigten und eine bessere betriebsübergreifende Interessenvertretung erlauben.

Die Gewerkschaften wollen ihre tarifvertragliche Handlungsfähigkeit und Durchsetzungskraft und damit ihre Schutz- und Gestaltungsaufgaben stabilisieren und ausbauen.

Die Sicherung der Tarifautonomie ist hierfür unerläßlich; sie bleibt eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaften. Tarifautonomie hat sich als effizientes Instrument der Konfliktregulierung und - auch im internationalen Vergleich - als erfolgreiches Modell erwiesen.

Zur Tarifautonomie gehört das Streikrecht der Gewerkschaften. Das durch das Grundgesetz geschützte und demokratisch legitimierte Streikrecht ist als Mittel der gewerkschaftlichen Gegenwehr und der sozialen Gestaltung unverzichtbar. Wir fordern, die Aussperrung zu verbieten und die Veränderungen des Arbeitsförderungsgesetzes wieder rückgängig zu machen, die vorgenommen wurden, um die Streikfähigkeit der Gewerkschaften zu schwächen.

Zur Tarifautonomie und zum Flächentarifvertrag gehören auch Arbeitgeberverbände, die sowohl die Bindung ihrer Mitglieder an den Verband als auch die Verbindlichkeit geschlossener Verträge zusichern können. Die Gewerkschaften haben deshalb ein grundsätzliches Interesse an funktionsfähigen und mitgliederstarken Arbeitgeberverbänden. Wir verurteilen, daß sich einzelne Unternehmen den Tarifverträgen entziehen, z. B. durch tarifwidrige Betriebsvereinbarungen oder Individualverträge, die einen eindeutigen Rechtsbruch darstellen.

Die Antwort auf globalisierte Märkte, sich ausdifferenzierende Branchenbedingungen und Produktionsstrukturen kann weder eine marktradikale Deregulierung sein, die die Funktionsfähigkeit des Tarifvertragssystems aushöhlt, noch eine einzelvertragliche Regelung von Entgelt und Arbeitsbedingungen, die das Solidarprinzip außen vor läßt. Der Flächentarifvertrag nützt Arbeitnehmern und Arbeitgebern: Mit seiner Schutzfunktion sorgt er für Mindestbedingungen bei Arbeit und Einkommen, mit seiner Ordnungsfunktion sorgt er für gleiche Konkurrenzbedingungen und klare Kalkulationsgrundlagen in seinem Geltungsbereich.

Wir streben ein neues Verhältnis von Flächentarifverträgen und der jeweiligen Umsetzung in den Betrieben an. Flächentarifverträge sollen die differenzierten Bedürfnisse der Beschäftigten berücksichtigen sowie die unterschiedlichen Bedingungen der einzelnen Branchen und Unternehmen gestalten. Dazu wollen wir in die Flächentarifverträge geregelte Wahlmöglichkeiten aufnehmen, um erforderliche Differenzierungen zu ermöglichen.

Für alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist ein an einheitlichen Grundsätzen orientiertes Personalrecht, das nicht mehr nach den herkömmlichen Arbeitnehmergruppen unterscheidet, zu verwirklichen. Die Tarifautonomie ist auf alle Bereiche im öffentlichen Dienst auszudehnen.

Gemeinsame Mantel- und Entgelttarifverträge sind wichtig, um die überkommene Trennung von Arbeitern, Angestellten und Beamten überwinden zu können. Die Schritte, die zur Überwindung dieser Statusdifferenzierung mit gemeinsamen Entgelttarifverträgen und gemeinsamer Sozialversicherung eingeleitet wurden, werden wir entschieden fortsetzen.

Diese gemeinsamen Tarife müssen einen Beitrag zum Abbau der Lohn- und Gehaltsdiskriminierung von Frauen leisten. So setzen sich die Gewerkschaften dafür ein, daß durch veränderte Bewertungskriterien die Lohndiskriminierung von Frauen aufgehoben wird.

Bei aller Offenheit für situationsangepaßte Lösungen bleibt klargestellt: Die Regelung von Entgelt und Arbeitsbedingungen in den Flächentarifen bleibt das zentrale Instrument, um Mindestbedingungen verbindlich festzulegen. Das Solidarprinzip tarifpolitischer Gestaltung darf nicht ausgehöhlt werden.

Die globalisierte Wirtschaft erfordert dringend auch tarifpolitisch von den Gewerkschaften eine verstärkte internationale Zusammenarbeit. Mittelfristig müssen Schutz- und Gestaltungsregeln über Ländergrenzen hinaus Geltung besitzen. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört die Bekämpfung von Lohn- und Sozialdumping.

Gemeinsam mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund streben wir eine europaweit koordinierte europäische Tarifpolitik an. Wir fordern, in der Europäischen Union ein gemeinsames Tarifrecht einzuführen.

5. Beteiligung und Mitbestimmung ausbauen

Politische Demokratie muss durch wirtschaftliche und soziale Demokratie auch in der Arbeitswelt ergänzt und gefestigt werden.

Die Mitbestimmung hat sich bewährt. Nur dadurch konnten tiefgreifende Strukturveränderungen sozialverträglich gestaltet werden. Auf neue Herausforderungen - von der Globalisierung bis zu ökologischen Fragen - gehen die Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bisher nicht genügend ein. Eine zukunftsorientierte Politik der Unternehmen erfordert mehr Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften.

Der Ausbau der Beteiligungs- und Mitbestimmungsrechte am Arbeitsplatz ist überfällig. Neue Managementstrategien fordern mehr Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Team- und Gruppenarbeit. Wir setzen uns dafür ein, die damit verbundenen Chancen für mehr Mitbestimmung zu nutzen und verbindlich festzuschreiben. Dies erfordert die Verankerung von Reklamationsrechten sowie von Beteiligungsrechten und Zeiten in der Betriebsverfassung sowie im Personalvertretungsrecht.

Die Gewerkschaften fordern, die Informations-, Beratungs- und Mitbestimmungsrechte von Betriebs- und Personalräten zu stärken und ihre Arbeitsmöglichkeiten zu verbessern. Erst recht gilt dies für die Betriebs- und Personalräte in kleineren Betrieben und Verwaltungen. Betriebs- und Personalräte müssen - gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsräten - Mitbestimmungs- und Initiativrechte bei der Entwicklung und Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen, bei der Produktionsplanung und bei der Standortauswahl erhalten.

Zugleich erfordert eine aktive Gleichstellungspolitik erweiterte Mitbestimmungsrechte in der Betriebsverfassung und im Personalvertretungsrecht.

Auch die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes haben einen Anspruch auf Mitbestimmung. Die verfassungsmäßigen Rechte der Parlamente sind mit qualifizierten Mitbestimmungsrechten der Personalräte vereinbar.

Die Gewerkschaften setzen sich für eine Unternehmenspolitik ein, die Rentabilität mit sozialen und ökologischen Belangen und mit regionalpolitischer Verantwortung verbindet. Dies erfordert den Ausbau institutionalisierter Mitbestimmung auf Unternehmensebene und eine paritätische Besetzung der Aufsichtsräte. Die Montanmitbestimmung bleibt Maßstab für den Ausbau und die Weiterentwicklung der Mitbestimmung.

Der Internationalisierung des Kapitals sind international arbeitende Gewerkschaften entgegenzusetzen. Immer mehr ökonomische Entscheidungen werden in weltweit operierenden Unternehmenszentralen getroffen. Die Gewerkschaften fordern mehr Informations-, Konsultations- und Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihrer Interessenvertretung. Die Richtlinie der Europäischen Union über die Einsetzung von Euro-Betriebsräten darf nur ein erster Schritt in Richtung eines sozialen Europas sein, auch wenn wir alle Chancen nutzen werden, Euro-Betriebsräte zu gründen und mit Leben zu erfüllen. Auch auf europäischer Ebene müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihre Interessenvertretung an unternehmenspolitischen Entscheidungen, an sozial-, industrie- und regionalpolitischen Weichenstellungen beteiligt sein.


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