Deutscher Gewerkschaftsbund

08.11.2022
FR-Kolumne Gastwirtschaft

Wem nützt das?

Wo die Energiespar-Tipps des Wirtschaftsministeriums wirklich angebracht wären

von Anja Piel

Die Bevölkerung soll die Heizung runter drehen, kürzer duschen und im Homeoffice energiearm arbeiten. Auch an den geltenden Bürotemperaturen will das Wirtschaftsministerium rütteln. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel erinnert daran, dass Energiesparen am Arbeitsplatz nicht krank machen darf und fragt, warum sich die Spartipps nicht an das reichste Prozent der Bevölkerung richten, die zusammen so viel Energie verbrauchen wie die unteren 16 Prozent.

Junge Frau sitzt mit Mütze, Schal und Handschuhen vor ihrem Laptop in einem Büro.

123rf.com/antonioguillem

"Liebe 80 Millionen", wendet sich das Wirtschaftsministerium mit seiner Energiespar-Kampagne an die Menschen im Land: Heizung runter, kürzer Duschen, Fenster abdichten. Schwieriger wird für viele schon, effizientere Waschmaschinen anzuschaffen - ein Drittel der Haushalte kann wegen geringer Einkommen nichts für kurzfristige Anschaffungen zurücklegen.

Auch fürs Homeoffice gibt es Tipps vom Minister. Laptop statt Desktop, weil: Kleine Geräte brauchen weniger Energie. Weiß er nicht, dass Arbeiten mit dem Laptop ungesund für Rücken, Nacken und Augen ist? Und dass vermutlich viele Beschäftigte da ohnehin keine Wahl haben, weil der Arbeitgeber während Corona nicht einmal einen Monitor zur Verfügung gestellt hat?

Apropos Homeoffice: Betriebe zu schließen und Arbeit im Winter wieder an die heimischen Küchentische zu verlagern wird ebenfalls diskutiert. Cui bono, wem nützt das? Genau: den Arbeitgebern. Sie wollen so die Kosten für Arbeit - dazu gehört das Heizen der Betriebsstätten - auf die Beschäftigten abwälzen. Als es beim Homeoffice noch um den Infektionsschutz ihrer Beschäftigten ging, musste man Arbeitgeber per Verordnung zum Angebot zwingen - jetzt plötzlich rufen manche danach.

Anja Piel, Mitglied im GBV des DGB-Bundesvorstands

DGB/Joanna Kosowska

Anja Piel ist Mitglied des Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes. Sie schreibt regelmäßig als Autorin für die Kolumne Gastwirtschaft der Frankfurter Rundschau.

Für die Gewerkschaften ist klar: Energiesparen am Arbeitsplatz darf niemanden krank machen, egal ob im Betrieb oder zu Hause. Der Schutz der Gesundheit der Beschäftigten muss immer im Vordergrund stehen. Das gilt auch für niedrigere Temperaturen in Betrieben: Den irrlichternden Vorschlag aus dem Wirtschaftsministerium, Mindesttemperaturen zu Höchsttemperaturen zu erklären, haben die Gewerkschaften abgelehnt. Die Mindesttemperaturen sind auf wissenschaftlicher Basis gesetzt und dürfen nicht mit einem Kunstgriff umgangen werden.

Auch in Krisen bleiben Arbeitgeber in der Verantwortung für menschenwürdige, gesunde Arbeit. Wer Energie sparen will, kann Arbeitsstätten energetisch sanieren, Vorlauftemperaturen absenken und bei der Arbeitsorganisation nachsteuern.

Der Minister könnte aber auch andere Potentiale entdecken: Wie wäre es mit Energiespartipps zum Golfplatz oder Inlandsflug? Das reichste Prozent der Bevölkerung verbraucht zusammen so viel Energie wie die unteren 16 Prozent. Kampagnen-Zielgruppe wären dann nicht die "lieben 80 Millionen", sondern die 400 000 Haushalte an der Spitze.

Dieser Artikel erschien am 8. November 2022 in der Frankfurter Rundschau.


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