Deutscher Gewerkschaftsbund

27.08.2019

Digitale Arbeit: solidarisch und gemeinsam

Arbeit dient dem Geldverdienen – und ist doch so viel mehr. Die digitale Arbeit wird jedoch oft unter rein finanziellen Aspekten betrachtet: wie geht es effizienter und messbarer? Die Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog schreibt, auf welche Dimensionen der Arbeit es auch im digitalen Zeitalter ankommt.

Mann an Maschine

DGB/Simone M. Neumann

Arbeit ist nicht gleich Arbeit – man kann sie unter grundsätzlich verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Das spiegelt sich auch in zwei Sprichwörtern wider: „Man lebt nicht um zu arbeiten, man arbeitet, um zu leben“ – SoziologInnen nennen dies die instrumentelle Dimension von Arbeit. „Instrumentell“ meint, dass Arbeit ein Mittel dafür ist, Aufgaben möglichst effizient zu erledigen, um Geld zu verdienen. Das Sprichwort „Arbeit ist das halbe Leben“ drückt hingegen die expressive Dimension der Arbeit aus. „Expressiv“ meint, dass Arbeit – die ja immerhin einen großen Teil unserer wachen Zeit beansprucht – auch einen Wert an sich hat.

Gute Arbeit im instrumentellen Sinn meint: gut bezahlte Arbeit; gute Arbeit im expressiven Sinn meint: seinen Interessen folgen und seine Fähigkeiten entwickeln können, positive Formen von Gemeinschaft erleben, den Sinn der eigenen Arbeit zu sehen und soziale Anerkennung dafür zu erhalten.

Digitale Arbeitswelt: alles immer nur effizienter und messbarer?

Die digitale Transformation, die derzeit die Arbeitswelt verändert, kann man ebenfalls unter diesen beiden Gesichtspunkten betrachten: Wo kann sie Arbeit besser im Sinne von effizienter machen, wo kann sie die Qualität von Arbeit erhöhen? Doch in einem kapitalistischen System besteht die Gefahr, dass erstere Perspektive dominiert, und dass die Produktivitätszugewinne in hohem Maß der Kapitalseite zugutekommen.

ArbeitnehmervertreterInnen müssen für beides kämpfen. Einerseits muss es um die faire Verteilung des größeren „Kuchens“ gehen, der durch den Einsatz digitaler Technologien gebacken werden kann. Das kann sich in Lohnerhöhungen oder aber in Arbeitszeitverkürzungen (mit Lohnausgleich) niederschlagen. Andererseits muss es darum gehen, die Qualität von Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn diejenigen, die in IT- oder Strategieabteilungen über die Einführung neuer digitaler Methoden entscheiden, sind oft nicht diejenigen, die dann konkret erleben, wie sich die Arbeit verändert.

Porträt Lisa Herzog

Prof. Dr. Lisa Herzog, Jahrgang 1983, ist seit 2016 Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik/TU München. 2017/18 war sie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Ihre Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von politischer Philosophie und Ökonomie. Ihr Buch „Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf“ ist 2019 erschienen.
Copyright: Astrid Eckert

Gemeinsam für kollektive Probleme kämpfen

Gegen Argumente zur Qualität der Arbeit wird manchmal der Einwand vorgebracht, dass „gute Arbeit“ für jedes Individuum etwas anderes bedeute; wir leben schließlich in pluralistischen Gesellschaften! Wie kann man kollektiv für etwas kämpfen wollen, das so individuell ist wie „gute Arbeit“? Doch gerade der digitale Wandel zeigt, dass es durchaus Dimensionen von Arbeit gibt, die man mit einem sehr hohen Allgemeinheitsgrad als besser oder schlechter betrachten kann. Besonders klar sind oft die negativen Szenarien, die es zu verhindern gilt.

Anhand der oben genannten vier Dimensionen lassen sich vier Fragen nach der Gestaltung der Arbeitswelt, über die finanziellen Verteilungsfragen hinaus, stellen.

Erhalten Individuen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln? Wenn bestimmte Aufgaben durch Roboter oder Algorithmen unterstützt werden und damit weniger herausfordernder werden, gibt es dann an anderen Stellen Ausgleich? Wie werden Weiterbildungsmöglichkeiten und Jobrotation gestaltet? Das Potential der Digitalisierung ist, dass gerade Routineaufgaben automatisiert werden können und Menschen sich auf genuin menschliche Fähigkeiten konzentrieren können.

Wird das Miteinander am Arbeitsplatz positiv gestaltet? Hier drohen einige Gefahren, z.B. durch permanente digitale Überwachung, die Einführung von Formen kompetitiver Leistungsmessungen, die Gift für die Teamatmosphäre sind, oder gar die vollständige Reduktion auf Telearbeit, so dass es „Kollegenschaft“ überhaupt nicht mehr gibt. Hier gibt es auch viel politischen Regelungsbedarf, was die Rechte von Arbeitnehmer*innen, z.B. die Privatsphäre am Arbeitsplatz, angeht.

Durch scheinbare Messbarkeit drohen Verzerrungen

Niemand möchte blind Indikatoren optimieren oder Listen abarbeiten, die am Sinn der Arbeit vorbeigehen. Durch die scheinbare digitale Messbarkeit von Arbeit drohen solche Verzerrungen in vielen Bereichen – eine „Tyrannei der Metriken“, wie der amerikanische Historiker Jerry Muller dies nennt. Um den Sinn von Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren, müssen diejenigen, die sie erledigen, mitreden können, ebenso wie diejenigen, die von ihr betroffen sind, beispielsweise PatientInnen oder KundInnen.

Schon heute erfahren viele Formen von Arbeit viel zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung. Eine Gesellschaft im digitalen Wandel darf nie vergessen, dass die moderne Arbeitswelt aus geteilter Arbeit besteht: was die einen tun, ist nur sinnvoll, weil andere anderes tun, von der Vorstandsetage bis hin zu ungelernten Tätigkeiten. Der digitale Wandel braucht Solidarität und das Bewusstsein, dass wir ihn als Gesellschaft gemeinsam gestalten müssen.


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