Deutscher Gewerkschaftsbund

01.07.2019

Ich tu' nur so: Warum wir Arbeit simulieren müssen

einblick Juli/August 2019

Welche Arbeit bleibt für die Menschen übrig, wenn Maschinen und Computer immer mehr Bereiche automatisiert übernehmen? Eine Möglichkeit besteht darin, die Arbeit zu simulieren, um Beschäftigte nicht zu unterfordern und auf dem neuesten Stand des Wissens zu halten. Und: So neu ist die Idee eigentlich auch nicht, schreibt der Autor Mads Pankow.

Menschliche Hand und Roboterarm als Comiczeichnung

DGB/Валерий Качаев/123RF.com

Bewerben Sie sich jetzt auf die Arbeit der Zukunft! In Schweden ist das bereits möglich. Dort ist die erste Stelle ganz ohne Aufgaben ausgeschrieben. Arbeit ohne Arbeit, unkündbar, auf Lebenszeit. Und natürlich bei voller Bezahlung. Das Kunstprojekt „Eternal Employment“ soll die Zukunft der Arbeit in einer voll-automatisierten Gesellschaft experimentell erkunden. Es ist absehbar, dass die automatische Fertigungstechnik, Roboter und künstliche Intelligenz (KI) kontinuierlich mehr Fähigkeiten des Menschen ersetzen werden.

Der Mensch als Troubleshooter

Arbeitsbilder verändern sich, ganze Berufsbilder, ja sogar Branchen werden von Maschinen übernommen. Doch trotz rasanter Fortschritte in der Automatisierungstechnik, bleiben Menschen unverzichtbar. Sie überprüfen die Ergebnisse von Fertigungsprozessen oder lernenden Algorithmen, sie lösen Probleme und beheben Friktionen im Ablauf, und sie bestimmen, was und wofür produziert werden soll. Diese Tätigkeiten scheinen trotz erheblicher Bemühungen nicht vollständig automatisierbar zu sein.

Der Mensch wird also zum Troubleshooter des autonomen Systems. Seine Aufgabe ist es, hochautomatisierte Produktionsabläufe, beispielsweise von Turbinen zu überwachen, oder Börsencrashs zu vermeiden, die durch Kettenreaktionen von Spekulationsalgorithmen ausgelöst werden, Behandlungsempfehlungen von Arzt-KIs auf ihre Verträglichkeit zu prüfen oder sogar vom Computer errechnete Schaltungsarchitekturen zu evaluieren.

Porträt Mads Pankow

Mads Pankow, 34, arbeitet als Policy Advisor beim Innovationsbüro, der Digitalagentur des Bundesfamilienministeriums. Er ist außerdem freiberuflicher Journalist und Politikberater zu Themen der Digitalen Gesellschaft und Künstlichen Intelligenz.
Copyright: Steven Haberland

Weiterbildung wird immer wichtiger

Die Arbeit der Zukunft wird damit noch anspruchsvoller. Auch wenn eine Anlage wochenlang fehlerlos läuft oder eine KI nur alle paar hundert Patienten eine falsche Behandlungsempfehlung ausgibt, muss der Mensch stets bereit sein einzuschreiten: immer alert, immer auf dem neuesten Stand der Technik und seines Fachgebiets. Der Bildungs- und Fortbildungsbedarf der Zukunft, erst recht in immer enger werdenden Innovationszyklen, ist mit klassischen Schulungen nicht zu decken. Vor lauter Weiterbildungen würde niemand mehr zur eigentlichen Arbeit kommen. Außerdem sind vor allem anwendbare Fähigkeiten und Erfahrungswerte notwendig, um Fehler zu erkennen, die Computer nicht selbst erkennen können und Ziele vorzugeben, die sich nicht einfach errechnen lassen.

Simulation: Üben für den Ernstfall

Doch wie lernt man mit Fehlern umzugehen, die fast nie eintreten? Man simuliert sie. Die zukünftige Arbeit wird vornehmlich in Simulationen stattfinden. Nur dort können Ablaufstörungen geübt werden, die eigentlich nicht vorkommen sollten, nur dort kann der Umgang mit neuen Technologien trainiert werden, die noch nicht implementiert sind, nur dort können Lösungen für Probleme gefunden werden, die es noch gar nicht gibt. Das ist in einigen Branchen längst Normalität. Pilotinnen und Piloten müssen jedes Jahr vier ausgiebige Simulatortrainings absolvieren, um Krisensituationen zu proben, die bestenfalls nie wirklich eintreten. Ähnlich könnte es auch für viele andere Berufe in Zukunft aussehen. Durch neue Formen der „erweiterten Realität“ (Augmented Reality) lassen sich diese Übungsszenarien sogar echtzeitlich in reale Arbeitsumgebungen einblenden. So könnten Fortbildungen das Arbeitsleben kontinuierlich begleiten, ohne dass Arbeitszeit vor Ort verloren ginge.

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Rettung vor dem Bore-Out

Das Szenario scheint absurd: Endlich nimmt uns die Technik einen Großteil unserer Arbeit ab. Doch statt die Zeit für Müßiggang zu nutzen, fangen wir an Arbeit zu simulieren. Doch für viele Menschen ist das immer noch attraktiver, als weniger zu arbeiten. Der sogenannte „Bore-Out“ bedroht inzwischen einen erheblichen Teil der ArbeitnehmerInnen. In Großbritannien halten laut einer Studie von YouGov 37 Prozent der Menschen ihre Arbeit für vollständig sinnlos. Sie wollen mehr leisten, finden aber in ihrer Tätigkeit keine Möglichkeit dazu.

Nur mit dem Wunsch zu Arbeiten ist auch der rasante Aufstieg eines neuen Computerspielgenres in den letzten Jahren zu erklären: Die Arbeitssimulation. In aufwändig programmierten, möglichst realistischen Spielen können dabei Autos repariert, Felder gemäht oder sogar Busse gefahren werden. Menschen kommen erschöpft nach einem langen Arbeitstag nach Hause, um den Computer hochzufahren und erstmal eine Runde Arbeit zu simulieren. Das lässt nur den Schluss zu, dass simulierte Arbeit heute das menschliche Bedürfnis von Sinnstiftung, Selbstwirksamkeitserfahrung und sozialem Austausch häufig besser erfüllt, als reale Arbeit.

Die ganze Karriereleiter rauf - nur in der Simulation?

Aber: Arbeit simulieren? Was auf den ersten Blick kaum vorstellbar scheint, ist in unserer Gesellschaft schon seit Jahrtausenden große Selbstverständlichkeit, zum Beispiel beim Militär. Das Militär nutzt den größten Teil seiner Arbeit zur Simulation des Ernstfalls. Es trainiert für die Ausnahme, die hoffentlich nie eintritt, solange die diplomatischen Systeme alle unfallfrei funktionieren. Dabei können Angestellte ganze Karrieren durchlaufen, Herausforderungen bestehen, Beförderungen und Auszeichnungen erhalten, ohne dass sie ein einziges Mal zum Einsatz komme – nur in der Simulation. Ganz so entspannt, wie die arbeitsfreie Arbeitsstelle in Göteborg wird die Zukunft der Arbeit also nicht werden. Aber ganz ehrlich: Würden Sie das wollen?


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