Deutscher Gewerkschaftsbund

28.02.2014

Perspektiven für einen Branchentarifvertrag schaffen

ver.di hat die Call-Center-Branche aufgefordert, einen Arbeitgeberverband zu gründen, mit dem gesicherte tarifliche Regelungen für die Branche vereinbart werden können.

Call-Center. „Bereits am Rande der Messe ‚Call Center World‘ vor einem Jahr war von der Gründung eines tariffähigen Arbeitgeberverbandes die Rede, praktisch getan hat sich aber bis heute nichts“, sagt ver.di-Call-Center-Experte Ulrich Beiderwieden. Grundlöhne zwischen sieben und acht Euro, tausende offene Stellen und Fluktuationsraten von teilweise über 20 Prozent, schlechteste Arbeitsbedingungen und ein extrem hoher Krankenstand machen die Arbeitssituation und damit das Image der Branche aus. Rund eine halbe Million MitarbeiterInnen sind in der Branche beschäftigt.

Call Center Beschäftigte

„Das Einkommen reicht nicht“ ist das Fazit der Call-Center-Beschäftigten in mehreren ver.di-Umfragen. 23 Prozent der Befragten erklärten, dass sie ihr Gehalt durch Hartz IV aufstocken müssen, 51 Prozent gehen einem Zweitjob nach, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. einblick

Durch den nun geplanten gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro ab 2015 würden die ArbeitnehmerInnen in Call-Centern zwar endlich flächendeckend von einer verbindlichen Untergrenze profitieren, bestätigt Helge Biering, beim ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg für die Branche zuständig. Die Beschäftigten erwarten aber, dass neben dem Mindestlohn auch umfassende tarifliche Standards wie in anderen Branchen geschaffen werden. Der Mindestlohn reicht den Beschäftigten nicht. Sie wollen klare Entgeltstrukturen und verlässliche Regelungen über Urlaub, bezahlte Freistellung von der Arbeit und die Gewährung von Sonderzahlungen. ver.di-Experte Ulrich Beiderwieden stellt klar: „Die Interessenverbände der Call-Center-Branche und die Vorstände und Geschäftsführungen der einzelnen Unternehmen und Konzerne sind gefordert, positive Fakten zu schaffen.“

Rückzieher der Arbeitgeber
ver.di sammelte im vergangenen Jahr unter dem Motto „Bei Anruf Mindestlohn“ bundesweit Unterschriften an 52 Call-Center-Standorten und beflügelte damit die Diskussion um Tarifverträge in der Branche. Selbst ArbeitgebervertreterInnen hatten unterzeichnet und hinzugefügt: „Wenn jemand arbeitet, soll er auch ordentlich bezahlt werden!“ Ausgerechnet der Call Center Verband (CCV), der in der Vergangenheit mehrfach in der Öffentlichkeit die Gründung eines tariffähigen Verbandes angekündigt hatte, machte Mitte Februar einen Rückzieher: „Die Gründung eines tariffähigen Arbeitgeberverbandes“ habe aufgrund der Bestrebungen, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen, nun keine Priorität mehr. Die wesentlichen Forderungen der Gewerkschaft seien erfüllt. Und er setzte noch eins drauf: Zwar stehe man dem Mindestlohn positiv gegenüber, weil so der Weg für eine faire Preisgestaltung in einem sonst ruinösen Wettbewerb frei werde und die schwarzen Schafe in der Branche es künftig schwerer hätten.

Aber, so der CCV weiter, es brauche einen Mindestlohn mit Augenmaß. „Auszubildende und Praktikanten, die nicht als normale Arbeitnehmer“ anzusehen seien, sollen beim Mindestlohn außen vor bleiben. Das Problem dabei ist: Bundesweit werden etwa 800 000 Praktika durchgeführt – viele davon unbezahlt oder extrem unterbezahlt für das, was PraktikantInnen tatsächlich leisten. Die Wirtschaft nutzt Praktika, um Normalarbeitsplätze zu ersetzen. Offiziell distanziert sich der CCV davon. Studierende, die einer „normalen“ Tätigkeit zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts nachgehen, sollen den Mindestlohn erhalten. Studierende hingegen, die im Rahmen von verpflichtenden Praktika oder dualen Studiengängen einer Tätigkeit in einem Call-Center nachgingen, seien von einem gesetzlichen Mindestlohn auszunehmen.  

Voraussetzungen schaffen
Noch mehr an der Mindestlohnschraube will der Deutsche Dialogmarketingverband (DDV) drehen, der ebenfalls Call-Center zu seinen Mitgliedern zählt. Dessen Vizepräsident Patrick Tapp will Ausnahmen vom Mindestlohn in der Branche nicht nur für PraktikantInnen und Auszubildende. Er hat auch RentnerInnen, Hausfrauen oder generell ZuverdienerInnen  im Visier. Wer in geringfügiger Beschäftigung arbeite, dessen Arbeit habe einen anderen Wert. „Eine Gleichbehandlung mit einem regulären Angestelltenverhältnis ist weder leistungsgerecht noch gerechtfertigt“, argumentiert der Verbandsfunktionär.

Für ver.di ist das nur ein Grund mehr, die Forderung nach einem tariffähigen Arbeitgeberverband zu erneuern. Das Resümee der Dienstleistungsgewerkschaft angesichts der Situation: „Handlungsnotwendigkeiten gibt es genug. Es liegt nun an den ArbeitgebervertreterInnen und den Interessenverbänden, die Voraussetzungen für Lösungen zu schaffen, um dann mit ver.di für die Beschäftigten in den Call-Centern einen tariflichen Mindestlohn und perspektivisch weitere tarifliche Strukturen zu schaffen.“

Erschienen in: einblick 4/2014 vom 3.3.2014


Nach oben

einblick - der DGB-Newsletter

einblick DGB-Infservice
einblick - Startseite
zur Webseite …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
einblick DGB-Infoservice hier abonnieren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

DGB-Da­ten­re­por­t: Ar­beits­welt in Zah­len
colourbox.de
Im DGB-Datenreport liefern wir aktuelle Zahlen und Daten aus Arbeitswelt, Gewerkschaften und Politik.
weiterlesen …

smar­tu­ni­on - Tools und Tipps für Ge­werk­schaf­ter
Newsletter Header SmartUnion
DGB
In der neuen Rubrik SmartUnion stellt die Redaktion Apps, Tools und Anwendungen vor, die GewerkschafterInnen für ihre tägliche Arbeit nutzen können. Zudem berichten wir über aktuelle Entwicklungen zu den Themen Datenschutz und Datensicherheit.
weiterlesen …

RSS-Feeds des DGB-In­fo­ser­vices ein­blick
einblick Infoservice DGB RSS-Feeds RSS
Hintergrundfoto: Colourbox.de
weiterlesen …

Weitere Themen

EU­RO­PA. JETZT ABER RICH­TIG!
Dachmotiv Europawahlkampagne 2019. Europa. Jetzt aber richtig!
DGB
Am 26. Mai 2019 finden in Deutschland die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften machen sich stark für ein soziales, solidarisches und gerechtes Europa. Warum diese Wahl eine Richtungsentscheidung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, haben wir hier zusammengestellt.
weiterlesen …

Nur star­ke Ta­rif­bin­dung schafft Gu­te Ar­beit
Wecker und Taschenrechner auf Schreibtisch
DGB/Miss Sateerat Saiket/123rf.com
In ihrem neuen Sozialstaats-Konzept will die SPD auch die Tarifbindung in Deutschland stärken. Der DGB begrüßt die Vorschläge der Sozialdemokraten, fordert aber konkrete und weitergehende Maßnahmen. Denn die Tarifbindung ist eine zentrale Gerechtigkeitsfrage unserer Zeit, schreibt der DGB-Klartext.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
einblick DGB-Infoservice hier abonnieren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …