Deutscher Gewerkschaftsbund

30.01.2024

KI im Betrieb: Das müssen Betriebsräte beachten

einblick Februar 2024

Immer mehr Unternehmen richten KI-Anwendung etwa in der Kundenkommunikation, im Personalwesen oder in der Produktion ein. Doch wie verläuft die Integration selbstlernender Systeme in den Betrieben? Wie gehen Betriebsräte damit um? Wo gibt es Rat und Hilfe?

Hände arbeiten am Laptop und darüber liegt ein Hologramm von einem meschanischem Arm und einem Gehirn

DGB/peshkova/123rf.com

Insgesamt sechs Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr ausgegeben, um Künstliche Intelligenz in ihre Prozesse zu integrieren. Der Branchenverband Bitkom erwartet für 2024 einen Zuwachs von weiteren 30 Prozent. In den Medien geht es nun vor allem um generative KI (englisch GenAI) – also Software, die auf Anweisung eigenständig Texte und Bilder produziert. Von solchen Sprachmodellen versprechen sich Unternehmen, aber auch die öffentliche Verwaltung, eine Entlastung in der Kommunikation mit Kund*innen und Bürger*innen. GenAI kann etwa individuell auf die Bedürfnisse des Unternehmens in Form von Chatbots im Kundenkontakt auf der Homepage eingesetzt werden. Das soll Call Center-Agenten oder Angestellte im Bürgeramt entlasten, die sich wiederum um komplexere Anfragen kümmern können.

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Betriebsräte und Personalräte müssen vor der Einführung der neuen Software umfassend mitbestimmen.

Für den DGB steht fest: Betriebsräte und Personalräte müssen vor der Einführung der neuen Software umfassend mitbestimmen, um Risiken für Beschäftige zu erkennen und zu entschärfen. Neben dem Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten bei KI-Systemen, die Prognose ermöglichen, ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz ein wichtiges Feld, dass unter die Lupe genommen werden muss. Allerdings ist das in der Praxis nicht einfach. Das Betriebsverfassungsgesetz, der Arbeitsschutz oder die Betriebssicherheitsverordnung geben viel vor. Allerdings fehlt es aktuell vor allem an einer rechtlichen Regelung für präventive Mitbestimmung und Prozessvereinbarungen.

Künstliche Intelligenz im Betrieb

DGB / einblick

Künstliche Intelligenz im Betriebsrat: Prozesse analysieren

Doch wie können Betriebsräte vorgehen? Mit den bisherigen Instrumenten können KI-Anwendungen nicht wirklich bewertet werden. Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung berät seit vielen Jahren Betriebsräte und Gewerkschaften. Auf der von ihm betriebenen Webseite des Forum Soziale Technikgestaltung gibt es umfassende Checklisten, Videos und Ratgeber zum Thema Künstliche Intelligenz. Schröter rät Arbeitnehmervertreter*innen vor der Einführung von algorithmischen Systemen, zunächst die Prozesse zu analysieren, die sich durch KI verändern werden. Er unterscheidet die traditionelle Assistenzsoftware etwa von Microsoft wie Word oder Excel und sich selbst verändernde KI-Systeme, die er als Delegationstechnik sieht. Das bedeutet: Unternehmen lagern Entscheidungsprozesse an die Maschine aus, zum Beispiel im Personalwesen.

DGB-Reihe zur Künstlichen Intelligenz

Der DGB lädt an drei verschiedenen Terminen zu einem einstündigen (jeweils 16:30h bis 17:30h) digitalen Austausch über KI ein. Expert*innen werden dann über folgende Themen sprechen:

·         Alles Fake? ChatGPT in Kultur und Medien (22.02.2024)

·         Besonders sensibel: KI in der Pflege (14.03.2024)

·         Gut fürs Klima? KI und Nachhaltigkeit (18.04.2024 )

www.dgb.de/termine

Als Beispiel: KI-Tools können Unterlagen von Bewerber*innen vorsortieren und den Personalabteilungen viel Arbeit ersparen. Dafür gibt der Arbeitgeber Schwerpunkte vor, die im Bewerbungsverfahren wichtig sind. Wie viel berufliche Erfahrung hat der oder die Bewerber*in? Spricht er oder sie eine oder mehrere Fremdsprachen? Gibt es Lücken im Lebenslauf? KI-Systeme analysieren und sortieren anhand dieser sehr sensiblen und persönlichen Daten aus. „Welche Frau würde es akzeptieren, wenn ein Mann über ihren Lebenslauf richtet, der Unterbrechung wegen Kindererziehung enthält?“, so Schröter In der Regel konzipieren und programmieren Männer KI-Tools. Ihre Sichtweise kann Entscheidungen verzerren, auch wenn es nicht gewollt ist. Zudem können die Daten, mit denen die Systeme trainiert werden, einseitig oder verzerrend auf die künftige Arbeitsweise wirken.

Risiken für Beschäftigte: Künstliche Intelligenz klassifizieren

Wie kann man mit diesen Risiken umgehen? Und wie kann ein Betriebsrat vorgehen, wenn der Arbeitgeber selbst keine tiefgreifenden Kenntnisse über die Funktionsweise einer eingekauften KI hat? So geschehen bei Siemens: Im Rahmen eines Assessment-Centers für Auszubildende gab es den Verdacht, das künstliche Intelligenz im Einsatz ist. Trotz diverser Nachfragen des damals zuständigen Gesamtbetriebsrats-Ausschusses zum Thema KI, hat der Konzern die benötigten Informationen nicht liefern können. Es wurde deutlich: International beschaffte und erstellte KI-Anwendungen sind nicht einfach zu analysieren und zu klassifizieren. Dabei gab es an anderer Stelle im Konzern bereits Erfahrungen, um KI zu bewerten. Im hauseigenen Labor wurden AI-Cards bereits eingesetzt, um Systeme zu klassifizieren. AI-Cards sind Checklisten, die umfassende Fragen an die KI stellen, etwa zur Funktion oder den ethischen Auswirkungen. Gibt es ein Missbrauchspotenzial? Was sind die Risiken, wenn die Anwendung skaliert wird? Nach einigen internen Debatten willigte der Arbeitgeber ein, dieses Format konzernweit anzuwenden.

Und es gibt weitere erfolgreiche Beispiele, wo Sozialpartner KI-Regeln definiert haben. So ist der Gesamtpersonalrat der Stadt Stuttgart 2022 mit dem Betriebsrätepreis in Silber für eine Rahmendienstvereinbarung zur Digitalisierung und Informationstechnik ausgezeichnet worden. Dort haben sich Dienstherr und Personalrat auf weitreichende Regeln für den möglichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz geeinigt. Vor der Implementierung von selbstlernender Software muss künftig ein moderierter Spezifikationsdialog stattfinden, um eine soziale Technikgestaltung zu gewährleisten. Aus diesen Dialogen entstehen verbindliche Anforderungen für den Einsatz von KI. Der Personalrat hat stets ein Vetorecht bei der Einführung von Technik. Und vor allem gilt: „Der Mensch steht an erster Stelle und die Technik hat eine dienende und unterstützende Funktion.“


Online-Ratgeber für Betriebsräte

Fundierte Ratgeber und Informationen gibt es Netz, etwa auf der Webseite des Forums Soziale Technikgestaltung: Dort gibt es die KI-Gestaltungshilfen des „Forum Soziale Technikgestaltung“ für Betriebs- und Personalräte:

www.blog-zukunft-der-arbeit.de/gestaltungshilfen/

Die Hans-Böckler-Stiftung widmet sich dem Thema an verschiedenen Stellen. Besonders wertvoll ist das digitale Archiv mit Betriebs- und Dienstvereinbarungen:

www.betriebsvereinbarung.de


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