Deutscher Gewerkschaftsbund

16.09.2011

Frank Bsirske im Interview: „Die Zukunft der Gewerkschaft entscheidet sich im Betrieb“

Frank Bsirske

ver.di

„Chance 2011“ ist eines der Themen auf dem ver.di-Kongress. Welche Chancen hat ver.di, haben die Gewerkschaften 2011?

Wesentlich mehr als vor fünf, sechs Jahren in der Hochphase der Agenda 2010, in der auch das Bashing der Gewerkschaften Hochkonjunktur hatte. Damals veröffentlichte die Frankfurter Rundschau eine Karikatur mit zwei Kindern im Sandkasten. Eines heult hemmungslos und erklärt: „Der hat Gewerkschafter zu mir gesagt.“ Mittlerweile haben die Menschen durch die Krise erfahren, dass die Gewerkschaften mit ihren Warnungen richtig gelegen haben. Nach einer Allensbach-Umfrage halten heute 76 Prozent der Deutschen Gewerkschaften für wichtig und unverzichtbar. Aber „Chance 2011“ meint eigentlich etwas anderes: Das ist ein Arbeitsplan für die eigene Organisation, den ver.di nach dem Kongress 2007 entwickelt hat. Sein Ziel: die Organisation handlungsfähiger und mitgliederorientierter zu machen.

Was beinhaltet dieser Arbeitsplan?

Unsere Analyse hat gezeigt: Die Sozialpartnerschaft ist brüchiger geworden, die Bereitschaft der Arbeitgeber, Kompromisse zu schließen, ist gesunken. Das erschwert die Vertretung der Arbeitnehmerinteressen. Wir haben erkannt, dass wir die Art und Weise, wie wir die Interessen der Beschäftigten vertreten, ändern müssen: Wir müssen beteiligungsorientierter, konfliktorientierter, aktivierender agieren. Wir müssen nah am Mitglied arbeiten, kommen mit Stellvertreterhandeln nicht zum Erfolg. Das bedeutet auch, die inneren Strukturen der Organisation zu verändern und Themen- und Handlungsfelder besser miteinander zu verzahnen.

Was habt ihr in den letzten vier Jahren dazu erreicht? Was bleibt zu tun?

Wir haben deutliche Schritte nach vorn gemacht – etwa in der Verzahnung der Bildungsarbeit mit den strategischen Schwerpunktthemen der Organisation oder auch in der Kommunikation nach außen wie nach innen. Unser neuer Internetauftritt setzt an den Erwartungen und Ansprüchen von Beschäftigten, Mitgliedern wie Nicht-Mitgliedern, an eine Gewerkschaft an, statt die Vielfalt der Organisation aus der Innensicht zu präsentieren. Mit unserem neuen Mitgliedernetz wollen wir dialogischer und transparenter werden und Diskussionsforen jenseits von Facebook bieten. Natürlich bleibt noch eine Menge zu tun – vom Selbstverständnis der Führungskräfte in der Organisation bis zur Nachwuchsgewinnung und -ausbildung, schließlich gehen viele hauptamtliche ver.dianer in den kommenden Jahren in Rente. Auch die gezielte Förderung von Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund gehört zu den Themen, an denen wir weiterarbeiten müssen. Und über die Verteilung der finanziellen Mittel müssen wir reden. In den letzten vier Jahren haben wir 170 Mio. Euro Streikunterstützung gezahlt. Angesichts dessen wollen wir den Streikfonds noch besser polstern. Das führt natürlich zu der Frage, woher das Geld dafür kommen soll.

Nach zehn Jahren ver.di: Haben die fünf Gründungs-
gewerkschaften zu einer neuen Organisation zusammengefunden?

Ja. Wir haben in den letzten zehn Jahren bewiesen, dass wir absolut handlungsfähig sind. Beispiel Mindestlohnkampagne: Zusammen mit anderen Gewerkschaften ist es uns gelungen, den Blick der Öffentlichkeit auf die Armutslöhne zu richten. Heute ist die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt, dass man von Vollzeitarbeit auch leben können muss. Unsere Kampagne „Gerecht geht anders“ hat die Frage aufgegriffen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln soll. Gerecht geht anders, als Schwarz-Gelb regiert – mit einseitiger Klientelpolitik, ob im Gesundheitswesen, in der Rentenversicherung oder in der Arbeitsmarktpolitik. Wir haben Einiges auf den Weg gebracht, sind in den Krisen der letzten Jahre zusammengewachsen und haben auch eine eigene Organisationskultur entwickelt.

Wie sieht die aus?

Ich erlebe sie als wesentlich dialogischer, konsensorientierter, weiblicher und politischer als zuvor. Aber auch als toleranter und pluralistischer, als man es von anderen Organisationen gewohnt war und ist. Ein Indiz, dass die Bindung an die Gründungsorganisationen zunehmend an Gewicht verliert, ist auch, dass seit 2001 immerhin 1,1 Millionen eingetreten sind – ohne Bindung an eine der Gründungsorganisationen.

Hat sich also das Konzept einer Multibranchengewerkschaft bewährt?

Ja. Zwar war nicht zu erwarten, dass ver.di Tarifbewegungen der unterschiedlichsten Branchen synchronisieren kann. Und doch hat etwa die Verkäuferin im Einzelhandel vom Müllwerker profitiert: Durch die Stärke der gesamten Organisation, durch die bessere Ausstattung der Streikfonds, durch die Zusammenarbeit mit den anderen Fachbereichen im Tarifkonflikt. Sonst wären beispielsweise in einem Bezirk wie Stuttgart 40 Warnstreiks an einem Tag im Einzelhandel in diesem Frühjahr ohne die Unterstützung der anderen Fachbereiche kaum möglich gewesen.

Und welche Antwort hat von Berufsgewerkschaften von Cockpit für die Piloten bis zu Neugründungen etwa im Bereich der Feuerwehr?

Machen wir uns nichts vor – wenn eine Berufsgruppe wie die Piloten erst einmal erkannt hat, dass sie allein – ohne die Pförtner, Stewardessen oder Cateringleute – tarifpolitisch besser unterwegs ist, wird es sehr schwer, sie für ver.di zurückzugewinnen. Aber auch diese Entwicklung hat Grenzen, nicht jede Gruppe, die aus der Solidarität der großen Gewerkschaften ausschert, wird ähnlich erfolgreich sein. Um dieser Tendenz aktiv entgegenzuwirken, setzen wir auch in der Tarifpolitik auf mehr Mitgliederorientierung und auf mehr Differenzierung, um den Interessen aller Beschäftigtengruppen besser gerecht zu werden.

Die Forderung nach einer gesetzlichen Regelung der Tarifeinheit ließ sich in ver.di aber nicht durchsetzen.

Das ist richtig. Die Mehrheit der ver.di-Funktionäre war überzeugt, dass eine gesetzliche Festschreibung der Tarifeinheit der falsche Weg ist. Der Gewerkschaftsrat von ver.di hat sich daher gegen jede Form des gesetzlichen Eingriffs in das Tarifvertrags- und Streikrecht ausgesprochen. Das heißt aber nicht, dass wir politisch nicht weiter für die Tarifeinheit kämpfen.

Braucht die Multibranchengewerkschaft ver.di den DGB überhaupt noch?

Der DGB ist von elementarer Bedeutung. Er bündelt unsere Kräfte und verbessert die Einflussmöglichkeiten. Außerdem hat der DGB eine zivilisierende Funktion, was den Umgang miteinander angeht. Jenseits der Zivilisation stünde die ständige Auseinandersetzung: Seien es Arbeitgeber oder Betriebsräte, die mit einer Gewerkschaft unzufrieden sind und die Arbeitnehmervertretungen gegeneinander ausspielen, eine gegen die andere.

Denn: Je größer aufgrund der Mitgliederentwicklung der Druck auf einzelne Organisationen wird, umso größer wird auch die Bereitschaft, nach den Mitgliedern anderer zu greifen. Deswegen müssen wir auch unbedingt festhalten an dem Grundorganisationsprinzip des DGB: ein Betrieb – eine Gewerkschaft.

Welche Rolle kommt den Gewerkschaften in der aktuellen Krise zu?

Fakt ist, die Politik hat im Krisenmanagement versagt. Aufgabe der Gewerkschaften ist es, in der aktuellen tiefgehenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Krise die Zusammenhänge deutlich zu machen, Orientierung zu geben und Alternativen zu zeigen. Miteinander. Und mit den Kolleginnen und Kollegen. Ob es uns gelingt, diesen Herausforderungen überzeugend zu begegnen, entscheidet maßgeblich über die Zukunft der Gewerkschaften. Und dann gilt es, diese Antworten in die Betriebe zu tragen und dort zu verankern. Denn nach wie vor gilt: Die Zukunft der Gewerkschaft entscheidet sich im Betrieb.

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