Deutscher Gewerkschaftsbund

27.10.2011

Fachkräftemangel: Das Phantom der Unternehmer

Montagehalle, Arbeiter hällt eine Maschinenschraube

DGB/Simone M. Neumann

Fast täglich beklagen Arbeitgeber, Politiker und Medien den angeblich schon heute existierenden Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Wirtschaftliche Ausfälle in Milliardenhöhe seien die Folge. Auf dem Höhepunkt der Kampagne behauptete im Mai der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise, 2025 fehlten in Deutschland sechs bis sieben Millionen Fachkräfte.

Arbeitssuchende können sich da nur verwundert die Augen reiben. Trotz guter Qualifikation gibt es meist nur schlecht bezahlte Arbeit, oft befristet, manchmal nur als Praktikum. Passen die eigenen Qualifikationen nicht so ganz, wird man erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Als Statistiker unterliege ich schnell der Versuchung, die Horrorzahlen der Arbeitgeber und ihrer Nachbeter statistisch zu widerlegen. Stattdessen stelle ich zunächst aufgrund logischer Überlegungen ein paar Fragen:

Warum bieten Unternehmer, die händeringend nach Arbeitskräften suchen, keine guten Gehälter an? Keine unbefristeten Vollzeitstellen? Keine Weiterqualifizierung im Job? Von alledem ist kaum etwas zu sehen. Selbst die Gehälter für Ingenieure steigen nur geringfügig, jede zweite Neueinstellung ist befristet, und mangels Nachfrage liegt die Weiterbildungsbranche am Boden. Warum gibt es keine Anwerbebüros in Frankreich, Italien und Spanien? Dort sind bis zu 50 Prozent auch der akademischen Jugend arbeitslos.

Warum wird die heutige Jugend nicht bestens ausgebildet, um zukünftige Mängel abzuwenden? Das passiert in vielen Betrieben nicht, aber auch an den Hochschulen herrschen katastrophale Zustände. Warum fehlen fast überall hoch qualifizierende Masterstudienplätze? Warum gibt es selbst in Fächern, wo angeblich schon heute die Fachkräfte fehlen, aberwitzige Zulassungsbeschränkungen? Das beste Beispiel ist der viel beklagte Ärztemangel bei einem gleichzeitigen Medizin-NC von bis zu 1,0! Es fehlt also nicht an jungen Leuten, sondern an dem Willen, sie auszubilden. Warum vergessen einige, dass die jetzige Jugend noch bis weit nach 2050 auf dem Arbeitsmarkt steht?

Warum hat man von 1990 bis 2005 Hunderttausenden von Jugendlichen die Ausbildung verweigert? Damals gab es angeblich „zu viele Bewerber“. Warum haben selbst 2009, als Arbeitgeber schon mit der Klage über fehlende Fachkräfte begannen, viele Arbeitgeber die Zahl der Ausbildungsplätze reduziert? Dabei könnte ein 1995 abgelehnter Jugendlicher heute eine gut 30-jährige Fachkraft sein. Sollte es tatsächlich heute in einigen Bereichen einen Mangel geben, dann ist das jedenfalls nicht das Ergebnis der demografischen Entwicklung, sondern ein politisches und volkswirtschaftliches Versäumnis der letzten Jahrzehnte.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat die Situation konkret untersucht, offene Stellen, arbeitslose Bewerber und Absolventenzahlen von Hochschulen einander gegenübergestellt. Sein Fazit: „Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht“. Ich habe mir die Zukunftsprognosen der Bundesagentur für Arbeit näher angeschaut. Ergebnis: Es sind haarsträubende Annahmen nötig, um eine Schockmeldung von 6,5 Millionen fehlenden Kräften begründen zu können. Eine Rechnung mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergab dagegen, dass das Erwerbspersonenpotenzial bis 2025 jährlich nur um 0,3 Prozent absinken würde, selbst wenn wir die Rente mit 67 ignorieren und so tun, als würde die Arbeitslosigkeit nicht abgebaut. Bezieht man diese beiden Faktoren sowie die Produktivitätsentwicklung mit ein, ist von einem Mangel an Personen gar nichts mehr zu spüren.

Mit Logik und anhand der Fakten lässt sich die Diskussion nicht verstehen. Da bleibt nur die Frage: „Wem nutzt das?“ Von der Mangel-Debatte profitieren alle Unternehmer, die billige ausländische Fachkräfte ins Land holen wollen, die bei der eigenen Ausbildung sparen, die eine Konkurrenz-Situation für heimische Fachkräfte schüren wollen. Die Politiker können mit dem Phantom „Fachkräftemangel“ von der eigenen Unfähigkeit ablenken, die tatsächliche Arbeitslosigkeit deutlich zu senken. Hartz IV braucht dann auch nicht mehr sozial diskutiert zu werden; es ist ja nur noch die Strafe für offensichtlich Arbeitsunwillige. Aus dem Gerede über Fachkräftemangel entstehen teuflische soziale Folgerungen.

Erschienen in: einblick 19/2011 vom 31.10.2011

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Mit Weiterbildung gegen Jobverlust und Fachkräftemangel
Arbeitsminister Hubertus Heil will die Bundesagentur für Arbeit (BA) zu einer Weiterbildungsagentur für alle machen. Das ist eine gute Idee, reicht aber noch nicht aus, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Sie fordert unter anderem ein zusätzliches Weiterbildungsgeld für Beschäftigte und einen besseren Zugang zur Arbeitslosenversicherung. weiterlesen …
Pressemeldung
Sozialer Arbeitsmarkt: Tariflohn und Sozialversicherungspflicht unabdingbar
Sozialversicherungspflicht und Bezahlung nach Tarif – diese beiden Prinzipien müssen für den Sozialen Arbeitsmarkt gelten, der morgen im Bundeskabinett beschlossen werden soll. „Wir setzen darauf, dass der Bundestag noch entsprechende Verbesserungen auf den Weg bringt“, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Zur Pressemeldung
Pressemeldung
100 Jahre Sozialpartnerschaft – erfolgreich in die Zukunft
In diesem Jahr feiern Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften 100 Jahre Tarifautonomie. "Eigene Interessen klar benennen, Konflikte nicht scheuen, trotzdem fair bleiben und am Ende zum Konsens kommen: Das ist gelungene Sozialpartnerschaft", so der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Zur Pressemeldung

Zuletzt besuchte Seiten