Deutscher Gewerkschaftsbund

Onlinediskussion vom 14. Juni 2021

Zwischen Wirtschaftskrise und Börsenboom – Dient der Finanzmarkt noch der Realwirtschaft?

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Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind immens. Während Millionen Beschäftigte mit Einkommensverlusten, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben, jagen Aktienkurse von einem Höchststand zum anderen. Wie kann das sein - und welche Auswirkungen hat das auf Gesellschaft und Finanzsystem? Darüber haben wir mit VertreterInnen aus Gewerkschaften, Politik und Wirtschaft diskutiert.


Am Montag den 14. Juni 2021 haben der DGB zusammen mit der Bürgerbewegung Finanzwende eine spannende Veranstaltung durchgeführt und viele drängende Fragen diskutiert. Im Zentrum stand, in welchem Verhältnis Realwirtschaft und Finanzwirtschaft stehen, wie die Corona-Krise Ungleichheit verstärkt hat und was die nächste Bundesregierung tun muss, um diese Entwicklungen einzudämmen.

Prof. Dr. Waltraud Schelkle (LSE) Dr. Gerhard Schick (Bürgerbewegung Finanzwende e.V.) und Stefan Körzell (DGB) haben zu diesen hochaktuellen Themen rege diskutiert. Prof. Schelkle ist spezialisiert auf die Felder Währungsintegration und wohlfahrtsstaatliche Reformen. Dr. Gerhard Schick ist Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende, mit der sich für ein gerechteres Finanzsystem einsetzt und Stefan Körzell vertrat als Geschäftsführendes Bundesvorstandsmitglied des DGB die gewerkschaftliche Sicht auf die Krise. Moderiert wurde die Veranstaltung von Nadine Lindner, Wirtschaftskorrespondentin im Deutschlandfunk.

Die Diskutierenden waren sich einig: Finanzwirtschaft und Realwirtschaft entwickeln sich immer mehr auseinander. Die Corona-Krise hat die aus dieser Entwicklung entstehende Ungleichheit wie durch ein Brennglas verstärkt. Das sieht man besonders bei großen Konzernen, die trotz staatlicher Unterstützungsleistungen wie Kurzarbeitergeld Millionen an Dividenden ausschütteten. Und während viele Arbeitnehmer und Selbstständige zu kämpfen haben, liegt der DAX erstmalig in seiner Geschichte über 15.000 Punkten. Das liegt auch daran, dass Finanzinstitutionen durch kompliziertere Finanzprodukte immer weiter von konkreten Werten entfernen. In der Corona Krise trieben die Preise für Aktien und Immobilien nach oben, was die Vermögensungleichheit massiv verschärfte. Wie Herr Körzell bemerkte, ist diese Entwicklung von Ungleichheit in hohem Maße demokratieschädlich.

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Rolle der Zentralbanken in der Krise und ob aus der letzten Finanzkrise die Lehren ausreichend gezogen wurden. Gerhard Schick beschrieb, wie die Zentralbanken immer wieder als Retterinnen in der Not auftreten müssen und konstatierte: „Dieses System ist ohne ständige Intensivmedizin nicht lebensfähig. Und es ist sein 2008 nicht gelungen, das zu korrigieren“. Denn aus einer Angstreaktion heraus würde die EZB im Krisenfall stets eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern. Dies führe allerdings dazu, dass Banken wenig Motivation hätten, Risikopuffer anzulegen und so Widerstandsfähigkeit aufzubauen. In der Folge stehe ein System, in dem die Banken sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten kontinuierlich Gewinne machen.

Auch einen Blick in die Zukunft wagten die Diskutierenden, als sie das Thema Kryptowährungen ansprachen. Prof. Schelkle stellte zunächst klar, dass es sich dabei eigentlich nicht um eine Währung, sondern vielmehr um ein Spekulationsobjekt oder eine Investition in eine Technologie handle, die mit großer Vorsicht zu genießen sei.

Für solche Spekulationsobjekte führte sie zwei Kriterien ein: Sie müssten 1. Erklärt werden können und 2. Einen gewissen öffentlichen Mehrwert mit sich bringen. Viele Kryptowährungen bestehen wegen ihrer kriminellen Nutzungsmöglichkeiten und der Risiken für die Finanzstabilität den Test nicht.

Gerhard Schick teilt die kritische Sicht, aber pochte darauf, den Digitalisierungstrend am Finanzmarkt ernst zu nehmen. Er deutete darauf hin, dass möglicherweise in der nächsten Krise Finanzverwalter BlackRock, die teilweise wie „IT“ Unternehmen agieren, eine wichtige Rolle spielen könnten. Darüber hinaus verändere die Digitalisierung Strukturen, aber nicht die Entkopplungsdynamik zwischen Finanzmarkt und Realwirtschaft.

Ein weiterer wichtiger Diskussionspunkt betraf die Frage, welche regulierenden Maßnahmen eine zukünftige Regierung ergreifen müsse, um die beschriebene Ungleichheitsentwicklung aufzuhalten.

Herr Körzell und Herr Schick waren sich hier einig, dass dies nur mit einer Kombination aus Maßnahmen zu erreichen sei. Dazu gehörten bspw. eine Finanztransaktionssteuer, die Reform der Finanzaufsicht BaFin und Eigenkapitalerhöhungen für Banken und Schattenbanken. Frau Schelkle brachte ergänzend auch das Aufspalten (über-)großer Banken, um einer „too-big-to-fail“-Dynamik vorzugreifen, ins Spiel.

Zu guter Letzt befasste sich die Diskussion mit Wandel in der Finanzbranche – wie Fr. Lindner bemerkte, wurden in den letzten Jahren viele Spitzenposten von internationalen Finanz-Institutionen von Frauen besetzt wurden. Ob dies einen Paradigmenwechsel in der Branche hin zu einer weniger maskulin konnotierten, also aggressiv/risikofreudigen Kultur andeute, wollte das Panel allerdings nicht abschließend bewerten.

Zusammenfassend bot die Diskussion reichhaltige Einblicke in übergeordnete Probleme der aktuellen Entwicklung des Finanzmarkts und zeigte einige deutlich Forderungen nach regulatorischen Verbesserungen auf, auch in Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl.


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