Deutscher Gewerkschaftsbund

04.02.2020
Internationale Gewerkschaftspolitik

US-Gewerkschaften: Organisierung ist Trumpf

Wie die Chicago Teachers Union mit Solidarität (und Erfolg!) für gute Arbeit kämpft

von Hermann Nehls, DGB

Höhere Löhne, kleinere Klassen und mehr Personal – das ist das Ergebnis eines elftägigen Streiks an öffentlichen Schulen in der US-Metropole Chicago, an dem sich 25.000 Lehrerinnen und Lehrer sowie andere Beschäftige im Bildungssektor beteiligt hatten. Ein außergewöhnlicher Arbeitskampf, der zeigt, wie erfolgreich Gewerkschaftsarbeit im 21. Jahrhundert sein kann.

Erfolg nach elf Streiktagen: Lehrerinnen und Lehrer in Chicago im Herbst 2019

Elf Tagen streikten über 25.000 Lehrerinnen und Lehrer und andere Angestellte der Schulen in Chicago. Chicago Teachers Union (CTU)

Am 15. November 2019 stimmten über 80 Prozent der Mitglieder der Chicago Teachers Union (CTU) für die Annahme einer Vereinbarung mit der Chicagoer Schulverwaltung. Diese Vereinbarung beinhaltet nicht nur eine Lohnerhöhung von 16 Prozent, sondern auch die Reduzierung der Klassengrößen und die Präsenz von Krankenpfleger*innen und Sozialarbeiter*innen an allen Schulen. Vorausgegangen war der längste Streik seit 1987 im drittgrößten Schulbezirk der USA. Elf Tage streikten über 25.000 Lehrerinnen und Lehrer sowie andere Angestellte der Schulen für höhere Löhne, kleinere Klassen, bessere Ausstattungen der Schulen und bezahlbaren Wohnraum in Chicago. Über 300.000 Schülerinnen und Schüler waren betroffen. Die DGB-Mitgliedsgewerkschaft GEW hat den Streik in Chicago unterstützt. „Dieser Vertrag ist ein großer Fortschritt für unsere Stadt. Er fördert Bildungsgerechtigkeit und unterstützt die Kinder, denen wir dienen“, sagte CTU-Präsident Jesse Sharkey. „Wir leben in einer der reichsten Städte der reichsten Nation der Welt und Chicago muss endlich anfangen, in die Zukunft unserer Kinder zu investieren.“ 

Tarifvertrag mit Finanzvolumen von 1,5 Milliarden US-Dollar

Mit dem Vertrag, der insgesamt ein Finanzvolumen von 1,5 Milliarden US-Dollar umfasst, sollen auch Schulen für Einwanderer*innen und Geflüchtete besonders unterstützt werden. Die Ausweitung von Schulen in freier Trägerschaft, der sogenannten Charter Schools, die als gewerkschaftsfeindlich gelten, konnte gestoppt werden. Zusätzliche Personalmittel u.a. für Bibliothekar*innen sowie arbeitsvertragliche Verbesserungen für Schulbetreuer*innen wurden ebenfalls erkämpft. „Die Steuergelder der Beschäftigten werden nicht für Wolkenkratzer ausgegeben, die die meisten nicht besuchen können, sondern für Krankenpfleger*innen an Schulen, damit bedürftige Kinder ihre Hilfe in Anspruch nehmen können“, betonte die CTU-Vizepräsidentin Stacy Davis Gates. Die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum für Lehrpersonal, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern wurde von der Chicagoer Bürgermeisterin und der Schulbehörde abgelehnt. Dafür sei die CTU nicht zuständig. Allerdings wurde erreicht, dass Schulen mit mehr als 75 obdachlosen Schülerinnen und Schülern besonderes Betreuungspersonal erhalten.

Community Organizing

Das Konzept des Community Organizing, mit dem insbesondere US-amerikanische Gewerkschaften seit vielen Jahren erfolgreich arbeiten, geht zurück auf den Bürgerrechtler Saul Alinsky, der es bereits Mitte des 20. Jahrhunderts u.a. in Chicago erprobte. Eine der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter*innen des Konzepts ist Jane McAlevey, ihr 2016 erschienenes Buch heißt: „No Shortcuts: Organizing for Power in the New Gilded Age.”

Es geht beim Community Organizing um eine neue Methode der gewerkschaftlichen und politischen Mobilisierung, die auf einem Dreischritt beruht: den Betroffenen zuhören, Lösungen suchen, gemeinsam handeln. Die Idee des „Ownership“ (Anteilnahme und Mitverantwortung) spielt hier eine große Rolle: Gewerkschaftliche Kampagnen im Format des Community Organizing profitieren von einer hohen persönlichen Identifikation der Mitglieder.

Mithilfe professioneller „Organizer“ sollen Beschäftigte ermutigt werden, sich zu vernetzen und die kollektive Dimension ihrer eigenen Situation zu erkennen. Daher drückt sich Community Organizing in der Praxis oft in einem sehr aktiven Gewerkschaftsleben auf lokaler Ebene aus, kombiniert mit einem Fokus auf Kampagnen-Arbeit. Auch die Chicago Teachers Union (CTU) bemüht sich um die Verankerung von gewerkschaftlichen Arbeitskreisen auf kommunaler Ebene und besonders innerhalb der einzelnen Schulen.

Neben der Vernetzung der Arbeitnehmer*innen und einem radikal partizipativen Ansatz steht Community Organizing auch für den Einsatz neuer digitaler Medien zur gewerkschaftlichen Organisierung. Die CTU setzt neben ihrem Website-Angebot, das nutzerorientiert über Rechte und Organisierungsmöglichkeiten informiert, seit einiger Zeit auch auf popkulturelle Formate wie Podcasts.

 

Bürgermeisterin lobt Vertrag als „besten aller Zeiten“

Die Wirtschaftszeitung ChicagoBusiness macht die gerade neu gewählte Bürgermeisterin Lori Lightfoot für den historischen Sieg der CTU verantwortlich. Sie habe zu viele Konzessionen gemacht. Lori Lightfoot, die erste afro-amerikanische und sich offen als lesbisch bekennende Bürgermeisterin der USA, sieht in dem mit der CTU ausgehandelten Vertrag „den besten aller Zeiten“. Die Bürgermeisterin war von Beginn der Verhandlungen an bemüht, eine Einigung mit der CTU zu erzielen. Sie bot eine Lohnerhöhung um 16 % an und hoffte, dadurch einen Streik zu vermeiden. Sie unterschätzte dabei, wie wichtig es der CTU war, die Lern-und Lebensbedingungen für die Chicagoer Schülerinnen und Schüler zu verbessern und sich nicht mit einer üppigen Lohnerhöhung abspeisen zu lassen. Der CTU gelang es, Lightfoot, zu deren Agenda die Bekämpfung von politischer Korruption und die Überwindung rassistischer Spaltungen in der Stadt gehören, beim Wort zu nehmen.

Auch Hausmeister*innen und Busfahrer*innen haben am Streik teilgenommen

Die CTU dehnte die Tarifverhandlungen über Löhne und Sozialleistungen hinaus aus, um eine breite, arbeitnehmerfreundliche Agenda durchzusetzen. Gemeinsam mit der Service Employees International Union (SEIU) ist sie Teil des Netzwerks „Verhandeln um des Gemeinwohls willen“ (Bargaining for the common goods), dem sich USA-weit 50 Gewerkschaften und kommunale Initiativen angeschlossen haben. Die Gewerkschaftsgruppe SEIU Local 73, die 7.500 Beschäftigte im Hausmeisterbereich, Busservice- und Sicherheitskräfte sowie Bildungspersonal an den Chicagoer Schulen vertritt, hatte zeitgleich mit der CTU gestreikt. Trotz einer frühen Einigung mit der Bürgermeisterin unterstützten sie weiter den Streik der CTU.

Gewerkschaftlich organisierte Lehrerinnen und Lehrer bestimmen seit Anfang 2018 mit Aktionen, die sich am weiterentwickelten Organizing-Konzept (siehe Info-Kasten Community Organizing) orientieren, die bildungspolitische Debatte in den USA. Von den 485.000 Beschäftigten, die sich im letzten Jahr an den 20 größten Streiks (siehe Abb.) beteiligten, kamen über 90 Prozent aus dem Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Die demokratischen Hoffnungsträger*innen Bernie Sanders und Elizabeth Warren unterstützen diese Streiks.

 

Dieser Artikel ist bereits am 17.11.19 auf gew.de erschienen.

 


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