Deutscher Gewerkschaftsbund

19.12.2018

"Analog ist höchstens noch der Arbeitsvertrag"

einblick Januar 2019

Die Digitalisierung ist auch in Hotels und Restaurants in vollem Gange. Der neue NGG-Vorsitzende Guido Zeitler spricht darüber, wie die Gewerkschaftsarbeit sich dadurch verändert und warum die Beschäftigten Sicherheiten brauchen.

Fahrrad von Essensliederdienst Deliveroo lehnt an einer Hauswand

DGB/adrianhancu/123rf.com

Du bist im November zum NGG-Vorsitzenden gewählt worden. Was hast Du Dir vorgenommen?

Die zentrale Aufgabe ist, in allen unseren Branchen die Transformation der Arbeit zu gestalten und gute Lösungen für unsere Kolleginnen und Kollegen voranzutreiben. Wir wollen deutlich machen: Bei den anstehenden Veränderungen reden und entscheiden wir mit. Zum Beispiel Bbeim Thema Arbeitszeit haben wir bisher vor allem einen Abwehrkampf gegen die überbordenden Wünsche der Arbeitgeber nach Flexibilisierung geführt. Gegen immer längere Arbeitszeiten haben wir uns erfolgreich gewehrt. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um darüber zu reden, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

Viele Beschäftigte wollen freier über ihre Arbeitszeit entscheiden, aber viele Berufe erfordern ihre Anwesenheit. Wie soll das funktionieren?

Ob im Gastgewerbe oder anderswo: Die Beschäftigten müssen die Möglichkeit haben, ihre Wünsche zu äußern. Bei den Arbeitszeiten geht es ja darum, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen, damit sie ihr Leben verlässlich planen können. In guten Betrieben funktioniert das schon. Oftmals erleben wir im Gastgewerbe das Gegenteil. Da wird das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten abgewälzt. Wenn viel zu tun ist, sollen sie länger arbeiten und wenn nicht, bleiben sie zu Hause und bekommen kein Geld.

 

Porträt Guido Zeitler

Guido Zeitler, 47, ist seit 1993 NGG-Mitglied. Seit 2017 war er stellvertretender NGG-Vorsitzender. Die Delegierten des 17. Ordentlichen NGG-Gewerkschaftstags wählten ihn im November 2018 zum Vorsitzenden. NGG

Wie reagiert die NGG darauf?

In dem wir tarifliche Regelungen dagegensetzen. In der Für die Systemgastronomie haben wir beispielsweise tarifvertragliche Regelungen durchgesetzt: Wenn die Beschäftigten dauerhaft länger als vereinbart eingesetzt werden, muss ihr Arbeitsvertrag angepasst werden. Dadurch geben wir den Arbeitnehmern mehr Sicherheit. Viele Arbeitgeber im Gastgewerbe halten sich aber nicht mehr an Tarifverträge – die sagen ihren Beschäftigten oft erst am Vorabend Bescheid, dass sie eingesetzt werden. So können Menschen Arbeit und Freizeit nur schwer vereinbaren.

Was sagst Du Arbeitgebern, die sich nicht an Tarifverträge halten?

Diese extreme Schwächung in der gesamten Tariflandschaft schwächt unsere Demokratie! Immer weniger Menschen haben das Vertrauen, dass sie ein gutes und sicheres Leben führen können. Tarifverträge spielen hier eine ganz zentrale Rolle: Sie geben den Beschäftigten die Sicherheit, dass sie an dieser Gesellschaft – und am unternehmerischen und gesellschaftlichen Erfolg – teilhaben können. Da müssen die Arbeitgeber umdenken. Wer Wettbewerb nur über den Preis derniedrige Personalkosten führt, geht den falschen Weg. Die bestehenden Tarifverträge und die Arbeitgeber, die sich daran halten, geraten dann auch unter Druck, weil die Nachbarfirma einfach billiger anbieten kann.

In Las Vegas trifft man an der Hotel-Rezeption und in Restaurants auf Roboter. Wie verändert die Automatisierung das Hotel- und Gaststättengewerbe?

Auch hierzulande ist in vielen Hotels immer mehr digitale Technik im Einsatz. Das fängt bei der Online-Hotelbuchung an, über das Einchecken bis zum digitalen Bezahlen. Man braucht dafür nicht mehr mit Menschen zu kommunizieren. Noch sind das Ausnahmen. Aber es wird normal werden, so wie wir am Flughafen selbst einchecken. Auskünfte, die früher Menschen an der Hotelrezeption gegeben haben, bekommt man heute ganz einfach über das Smartphone.

Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Beschäftigungsprofile und Tätigkeiten haben sich verändert. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sich viel stärker mit technischen Themen beschäftigten. Da ist die Frage der Qualifizierung ganz zentral. Gleichzeitig hat beispielsweise das Hotel- und Gaststättengewerbe immer größere Probleme, Fachkräfte zu halten. Hier könnte Technik helfen, den Mangel auszugleichen. Wir sagen aber auch ganz klar: Das kann nur ein Teil der Lösung sein. Der andere besteht darin, die Arbeitsbedingungen und die Einkommenssituation deutlich zu verbessern – denn da besteht ein riesiger Nachholbedarf.

Wie können Gewerkschaften die Beschäftigten in Start-Ups erreichen?

Am Beispiel der Fahrerinnen und Fahrer bei Lieferdiensten sehen wir, dass Gewerkschaften ständig dazu lernen. Traditionell sind die Beschäftigten da, wo der Betrieb ist. Aber hier ist das komplett anders – analog ist höchstens noch der Arbeitsvertrag. Alles andere läuft digital über eine App. Für Gewerkschaften und Betriebsräte stellt sich da die Frage: Was ist überhaupt der Betrieb? Wir müssen klären: Wie kommen wir in den Dialog mit den Menschen, die über eine App des Unternehmens gesteuert werden? Neue und soziale Medien werden auch für die Gewerkschaftsarbeit zukünftig immer wichtiger.

Mit welchen Anliegen wenden sich denn Beschäftigte bei Start-Ups an Euch?

Es sind zumeist dieselben Themen wie bei allen – es geht um die Arbeitsbedingungen, das Einkommen und die Arbeitszeit.

Gibt es auch spezielle Herausforderungen?

Zuerst ist da die Frage nach dem Arbeitnehmerstatus. Das ist bei Start-Ups sehr unterschiedlich – manche Leute sind fest angestellt, andere werden in die Scheinselbständigkeit gedrängt. Ein weiteres Problem sind die Arbeitsmittel: Die Fahrer bei Lieferdiensten bringen ihr Fahrrad und ihr Smartphone mit und müssen die Reparaturen selber regeln. Im Winter bekommen sie keine Schutzkleidung. Den Arbeitgeber interessiert nicht, wie die Profiltiefe der Reifen aussieht. Das Thema Arbeitssicherheit ist da auch zentral und der Zeitdruck, unter dem die Fahrer arbeiten. Das blenden die Unternehmen komplett aus.

Welche Rolle spielt der DGB für die NGG?

Wir brauchen einen starken DGB, der als politische Kraft wahrgenommen wird. Es zeigt sich immer wieder: Die NGG hat gute Ideen, die wir im DGB einbringen könnenwerden.


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