Deutscher Gewerkschaftsbund

Öffentlicher Dienst und Beamte

08.02.2012
Beamtenmagazin 1/2012 - Titel

Krankenstand in der Bundesverwaltung auf Rekordhoch

Gesundheitsförderungsbericht 2010 erschienen

Der Krankenstand in der unmittelbaren Bundesverwaltung war 2010 so hoch wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Das geht aus dem jüngsten Bericht des Bundesinnenministeriums (BMI) über die Gesundheitsförderung sowie die krankheitsbedingten Fehlzeiten der Tarifbeschäftigten und BeamtInnen hervor. Doch auch diesmal lässt das BMI die Frage nach den Krankheitsursachen unbeantwortet.

Titelbild Beamtenmagazin 1/2012

Beamtenmagazin Ausgabe 1/2012: Schwerpunkt Gesundheitsförderung DGB

Nachdem die Krankheitstage der Beschäftigten in der unmittelbaren Bundesverwaltung bereits in den Jahren 2008 und 2009 wieder angestiegen waren, erreichten sie 2010 den höchsten Wert seit 1998. Der Durchschnitt der Fehlzeiten lag 2010 bei 18,06 Arbeitstagen je Beschäftigtem und entspricht damit 7,19 Prozent der gesamten 251 Arbeitstage. An jedem Arbeitstag fehlten somit durchschnittlich ca. 18.800 Beschäftigte. Die Personalausfallkosten beziffert der Bericht mit rund 664 Millionen Euro und umgerechnet rund 2,6 Millionen Euro pro Arbeitstag. Der Anstieg der Fehlzeiten geht, wie im Jahr 2009, vor allem auf die Zunahme von Fehltagen durch Langzeiterkrankungen über 30 Tage zurück. Die Frage, warum die Beschäftigten wieder häufiger erkranken, kann der Bericht nicht beantworten.

Krankheitsursachen weiter ungeklärt

Die eigentliche Herausforderung bleibt also das Erkennen der Krankheitsursachen. Dazu gehört vor allem eine gründliche Analyse der körperlichen und psychischen Belastungen, die am Arbeitsplatz auftreten, denn um die Gesundheit der Beschäftigten gezielt fördern zu können, müssen Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass sie nicht krank machen. Auf Grund fehlender Informationen kann also nur vermutet werden, weshalb die Fehlzeiten kontinuierlich steigen. „Seit Jahren wird Personalabbau betrieben. Gleichzeitig wächst die Verantwortung, und die Arbeitsbereiche werden stetig größer. Kein Wunder, dass der Krankenstand steigt. Es wird immer deutlicher, dass hier ein Zusammenhang besteht. Dennoch will die Bundesregierung weitere 10.000 Stellen bis 2014 abbauen“, so die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock im November 2011. Die Situation wird durch das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter der Beschäftigten im Bundesdienst verschärft, denn mit zunehmendem Alter erkranken Beschäftigte tendenziell häufiger. Laut Bericht ist es seit 1993 um drei Jahre angestiegen und lag 2010 bei 45,01 Jahren.

Gute Ansätze – mangelnde Umsetzung
"Gesundheitsförderungsbericht 2010"

Der Bericht über die Gesundheitsförderung sowie die krankheitsbedingten Fehlzeiten kann auf der Seite des Bundesinnenministeriums heruntergeladen werden.

Zusammenfassung und Download

Im Bericht werden durchaus etliche überzeugende Ansatzpunkte formuliert. So heißt es unter anderem: „Dem Thema ,Psychische Belastungen` muss besonderes Augenmerk gewidmet werden. Zeitdruck, geringe Handlungsspielräume, Mängel in der Führung – die Ursachen für psychische Belastungen sind vielfältig. Und folgenreich: Psychische Belastungen beeinträchtigen die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten, führen häufig zu Erkrankungen, Fehlern und Unfällen und gelten als ein Grund für das Entstehen von psychischen Erkrankungen“. Auch das Augenmerk auf das betriebliche Eingliederungsmanagement zu lenken, ist sicherlich ein sinnvoller Ansatz. Es soll regelmäßig auf seine Effektivität geprüft und bei Bedarf angepasst werden. Solange sich aus dem Bericht aber keine Hinweise auf die Ursachen der Erkrankungen ableiten lassen, stellt sich die Frage, wie eine für die Beschäftigten wirklich hilfreiche Gesundheitsförderung aussehen könnte. Das BMI ist hier durchaus selbstkritisch und greift mögliche Strategien auf.

Ursachen qualitativ bewerten

„Unmittelbare Rückschlüsse auf die Ursachen von Erkrankungen und geeignete Gegenmaßnahmen sind durch eine isolierte Fehlzeitenstatistik nicht möglich. Entscheidend ist, dass Behörden ihre Analyse in ein ganzheitliches Konzept des betrieblichen Gesundheitsmanagements einbinden. Neben der quantitativen Erhebung der Fehlzeiten ist daher eine qualitative Bewertung von arbeitsbedingten Krankheitsursachen notwendig. Dies ist jedoch nur im Dialog mit den Beschäftigten möglich, z. B. durch Mitarbeiterbefragungen, Gefährdungs- oder Arbeitssituationsanalysen und Gesundheitszirkel“. Diesen Weg gilt es aus Sicht des DGB zukünftig noch stärker zu beschreiten als bisher.

Maßnahmen der Gesundheitsförderung ausgebaut

Gleichwohl zeigt die ausführliche Berichterstattung über die Gesundheitsförderung in der Bundesverwaltung, dass das Thema weiter an Bedeutung gewonnnen hat. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten liegt zurzeit im Bereich der Sensibilisierung der Führungskräfte. Die Unfallkasse des Bundes sowie die Bundesakademie für öffentliche Verwaltung bieten Fortbildungen und Fachtagungen an. Der Bericht greift auch das Angebot der einzelnen Ressorts für die Verhältnis- und Verhaltensprävention auf. Maßnahmen, die die Arbeitsorganisation und die Arbeitsbedingungen verbessern sollen, werden erläutert. Sie werden überwiegend durch einen Arbeitskreis Gesundheit in der jeweiligen Behörde gestützt. Beschrieben werden außerdem Konzepte, die das gesundheitsbewusste Verhalten der Beschäftigten fördern sollen. Beispiele sind hier die „bewegte Mittagspause“ und Veranstaltungen zum Stress- und Konflikt-Management.

Personalabbau stoppen

Mehr Gesundheitsförderung und gleichzeitig ein steigender Krankenstand – das klingt nach Widerspruch. Die Entwicklung könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Maßnahmen nicht an den tatsächlichen Ursachen ansetzen. Es Sie könnte auch das Indiz dafür sein, dass der DGB mit seiner Vermutung, die Arbeitsverdichtung stelle das eigentliche Problem dar, richtig liegt. Denn wenn die Arbeit immer stressiger wird, dann hilft auch keine gut gemeinte Gesundheitsförderung. Die klare DGB-Forderung lautet deshalb: „Schluss mit dem Personalabbau! Dieser Trend muss gestoppt werden.“


Nach oben
  1. Schichtarbeit im öffentlichen Dienst: Mindeststandards für Entlastung, Planbarkeit und Beteiligung
  2. Bund weiter mangelhaft
  3. Der öffentliche Dienst in Deutschland: Zahlen und Fakten
  4. Standards für Gute Arbeit in Wechselschichtdiensten
  5. Tagung: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst und privatisierten Dienstleistungssektor
  6. Für Gute Arbeit im Schichtdienst
  7. Hannack: Schluss mit sachgrundlosen Befristungen!
  8. Schichtarbeit: Gegen den biologischen Rhythmus
  9. Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat
  10. Bundesbeamte: Maßnahmen gegen den steigenden Krankenstand
  11. Hoher Krankenstand: Bundes-Beschäftigte werden "aufgerieben"
  12. Bundespolizei: Verkürzter Aufstieg – verkürzte Chancen?
  13. Stellungnahme zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf für BeamtInnen
  14. Öffentlicher Dienst: Starke Belastung und hoher Krankenstand
  15. Gewerkschaften erkämpfen Praxisaufstieg in gehobenen Dienst
  16. Gesundheitsmanagement: Ministerien greifen DGB-Vorschläge auf
  17. Praxisaufstieg: Innenministerium gesprächsbereit
  18. Flüchtlingspolitik: Mehr Personal dringend erforderlich
  19. Beamte: Qualifikationen aus Berufspraxis anerkennen!
  20. Ernstes Problem: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst
  21. Was gibt´s Neues im Urlaubsrecht?
  22. Familienpflege: Was gilt wo für Beamtinnen und Beamte?
  23. Spitzengespräch des DGB mit Bundesinnenminister de Maizière
  24. Whistleblowing: Risiko für Beamte
  25. Bund und Länder: Befristungen nehmen zu
  26. Beschäftigte im öffentlichen Sektor: Gleich wichtig – ungleich behandelt
  27. Elke Hannack: Verlässliche öffentliche Dienstleistungen für die Menschen – nur mit einer verlässlichen Politik!
  28. Bundesverwaltung: Personalabbau und steigender Krankenstand
  29. Öffentlicher Dienst: Gute Arbeit trotz Schuldenbremse?
  30. Demografischer Wandel im öffentlichen Dienst: Befristungsquote verringern, Leistung sichern
  31. Demografiestrategie im öffentlichen Dienst: Am Sparzwang orientiert
  32. Öffentlicher Dienst: Fachkräfte sichern
  33. Fragen und Antworten zum Streikrecht für Beamte
  34. Krankenstand in der Bundesverwaltung auf Rekordhoch
  35. Der öffentliche Dienst: Kein Musterarbeitgeber
  36. Index Gute Arbeit: Sonderauswertung Öffentlicher Dienst 2011
  37. Gemeinsame Initiative zur Förderung des Gesundheitsmanagements in der Bundesverwaltung
  38. Schöneberger Forum: Reiche sollen zahlen
  39. Öffentlicher Dienst: Sparen um jeden Preis ist nicht akzeptabel
  40. Sparpolitik im öffentlichen Dienst führt in die Bredouille
  41. Preis für Personalräte mit Einsatz und Köpfchen
  42. DGB: Personellen Kahlschlag im öffentlichen Dienst verhindern!
  43. DGB-Stellungnahme zum Gesetzentwurf Familienpflegezeit und flexiblerer Ruhestand für Beamte des Bundes vom 1.12.2012
Beamtenmagazin 1/2012 - Kommentar
Ge­sund­heits­för­de­rung in Zei­ten von Ar­beits­ver­dich­tung
Fieberthermometer und Tabletten
DGB/Simone M. Neumann
Der Krankenstand unter den Beschäftigten der Bundesverwaltung ist hoch, seit 2008 sind die Fehlzeiten drei Jahre in Folge gestiegen. Eine der Hauptursachen ist der Personalabbau im öffentlichen Dienst, sagt DGB-Vize Ingrid Sehrbrock.
weiterlesen …

Gemeinsame Initiative zur Förderung des Gesundheitsmanagements in der Bundesverwaltung

Dokument ist vom Typ application/pdf.

Die Bundesregierung, DGB, dbb ergreifen die gemeinsame Initiative zur Förderung des Gesundheitsmanagements in der Bundesverwaltung. Sie unterstreichen damit die Bedeutung einer systematischen Gesundheitsförderung für die Beschäftigten und für den Erhalt der Leistungsfähigkeit der Bundesverwaltung.

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Schichtarbeit: Definition, Modelle, Gesetze, Gesundheit
Nachtarbeit und Schichtarbeit gibt es in vielen Branchen - von der Industrie-Arbeit am Hochofen über Bäckereien im Handwerk bis hin zu Feuerwehren, Rettungsdiensten, Polizei, Krankenhäusern im öffentlichen Dienst wird im Schichtdienst gearbeitet. Doch was bedeutet Schichtarbeit für die Gesundheit und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten? Was ist "Schichtarbeit" überhaupt? Welche Modelle gibt es und welche Gesetze regeln Schichtarbeit? Ein Überblick. weiterlesen …
Artikel
„Arbeitsstress löst sich nicht von alleine in Luft auf“
Fast zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung fühlen sich im Job gestresst. Eine der Hauptursachen ist Zeitdruck. Dauerstress macht krank – deshalb fordert Annelie Buntenbach, Mitglied im DGB-Vorstand, dass der Gesetzgeber beim Arbeitsschutz endlich aktiv wird. weiterlesen …
Artikel
Fehltage in der Bundesverwaltung weiter auf Rekordniveau
Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat hat den Gesundheitsförderungsbericht 2017 veröffentlicht. Demnach bleiben die krankheitsbedingten Fehlzeiten in der unmittelbaren Bundesverwaltung weiterhin auf Rekord-Niveau und die Ursachen dafür werden nicht erfasst. Es stellt sich die Frage, inwieweit überhaupt der politische Wille besteht, den Fehlzeiten entgegenzuwirken. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten