Deutscher Gewerkschaftsbund

07.12.2018
Arbeitsbedingungen

Digitalisierung beutet Dienstleistende aus!

Bericht zum Workshop zur Digitalisierung im Dienstleistungssektor

Arbeitsverdichtung, niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen - in vielen Dienstleistungsbranchen werden Beschäftigte und Soloselbstständige ausgebeutet. Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften, Wissenschaft, Politik und Verbänden diskutierten gemeinsam mit Erwerbstätigen von Deliveroo, Helpling und einem Call-Center am Donnerstag den 22. November 2018 beim DGB-Workshop „Dienstleistungsbranchen im Schatten der Digitalisierung: Situation und Handlungsoptionen“

Fahrrad von Essensliederdienst Deliveroo lehnt an einer Hauswand

DGB/adrianhancu/123rf.com

Unsichere und unfaire Arbeitsfelder

Die Digitalisierung hat in den Dienstleistungsbranchen schon viel verändert. Doch statt das Arbeitsleben humaner zu machen herrschen schlechte Arbeitsbedingungen, Arbeitshetze, Fremdbestimmung und niedrige Bezahlung in sehr vielen Jobs im digital geregelten Dienstleistungsbereich. Die Politik hat es bisher versäumt, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass der technische Fortschritt hier zu besseren Arbeitsbedingungen der Erwerbstätigen führt.  Der Mindestlohn war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Er wird jedoch häufig umgangen, indem Arbeitgeber gegen das Gesetz verstoßen oder Menschen in die prekäre Scheinselbstständigkeit getrieben werden. Hier verdienen sie noch weniger und ihnen fehlt auch die soziale Absicherung. Die Ausweitung dieser Form der Plattformökonomie bedeutet auch eine Ausweitung solcher unsicheren und unfairen Arbeitsfelder.

Probleme benennen, Lösungen finden

Der Workshop hat die Probleme in diesen Dienstleistungsbranchen deutlich benannt und Lösungsstrategien erörtert, um hier Arbeitsbedingungen und Löhne zu verbessern. Stefan Körzell berichtete, dass der DGB Anzeige erstattet hat gegen die Unternehmen, bei denen philippinische LKW-Fahrer unter menschenverachtenden Bedingungen auf Deutschlands Straßen unterwegs waren.

Dr. Claudia Weinkopf vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen nannte erschreckende Zahlen aus dem DGB-Index Gute Arbeit 2016.  So sehen 47 Prozent der Beschäftigten, dass die Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung gestiegen ist. Weitere 45 Prozent sind der Meinung, dass durch die Digitalisierung die Arbeitsbelastung gleich geblieben ist. Doch die Digitalisierung sollte auch im Dienstleistungsbereich ein Fortschritt sein und viele Arbeitsprozesse erleichtern. Stattdessen führt sie zu Arbeitsverdichtung, schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen, da für die meisten Beschäftigten kein allgemeingültiger Tarifvertrag gilt.

Viel Druck, wenig Sicherheit

Norman Nieß, Betriebsratsvorsitzender eines Call-Center-Unternehmens, Sarah Jochmann, Pressesprecherin von Liefern am Limit und davor bei Deliveroo tätig, sowie Jens Korsten von der IG BAU und eine Soloselbstständige von Helpling berichteten über Probleme aus ihren Branchen. In allen Bereichen steigt der Leistungsdruck sichtbar: So werden zum Beispiel die Gebäudereinigenden über ein Online-Bewertungssystem durch die Kunden öffentlich beurteilt. In Echtzeit müssen sie auf Forderungen der Kunden reagieren können. Für abgesagte Termine werden ihnen von der Plattform Strafzahlungen abverlangt. Diese Entwicklung wird flankiert durch die schwache gewerkschaftliche Organisation und dadurch Entsolidarisierung der hier Tätigen. Stefan Körzell brachte in diesem Zusammenhang seine Sorgen zum Ausdruck und sagte „Meine Befürchtung ist, dass wir ausgebrannte Arbeitskräfte haben“.

Ein besonderes Problem ist die Stellung von Soloselbstständigen, die von vielen Plattformunternehmen genutzt werden. Einige Plattformen stellen keine Arbeitnehmer/innen mehr ein, sondern sehen sich nur als Vermittler und geben jedes Risiko an die Soloselbstständigen ab. Für Soloselbstständige gelten kein Mindestlohn und kein Arbeitszeitgesetz, sie haben vielfach keine soziale Absicherung wie Arbeitnehmer/innen und zudem stehen ihre Honorare unter massivem Druck.

Bessere Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge

Ein großes Problem bei Plattformarbeit ist, dass es bei den Plattformunternehmen keine Zugangsrechte für Gewerkschaften gibt. Die Gewerkschaften können ihre Mitteilungen nicht einfach an ein Schwarzes Brett hängen für die Erwerbstätigen, da es oftmals keinen gemeinsamen Raum gibt, denn alles ist dezentralisiert. Es gibt nur einen sehr geringen Organisationsgrad und der Kontakt zwischen den Erwerbstätigen, wenn überhaupt, besteht nur über die sozialen Medien. Hier müssen die Zugangsmöglichkeiten für Gewerkschaften dringend verbessert werden. Nur so können  bessere Arbeitsbedingungen für die Dienstleistenden erreicht werden.

Dringend notwendig sind zudem gute und allgemeingültige Tarifverträge für eine bessere Beschäftigung in den Dienstleistungsbranchen, sodass der Wettbewerb nicht durch Lohndumping ausgeführt wird. Digitale Plattformen müssen ihre Verantwortung als Arbeitgeber wahrnehmen. Außerdem braucht es dringend eine soziale Absicherung und bessere Honorare für die Soloselbstständigen. So sagte Stefan Körzell: „Es kann nicht dabei bleiben, dass durch die Digitalisierung die Leute hier zum gegenseitigen Kannibalismus getrieben werden! Hier darf Arbeitskraft nicht „immer noch billiger“ werden. Das System der digitalen Dienstleistungsplattformen muss gesetzlich geregelt werden. Die Gewerkschaften wollen, dass zukünftig die Interessen der Arbeitskräfte in diesen Dienstleistungsbranchen auf Augenhöhe mit den Unternehmen und Plattformbetreibern vertreten werden.“

Deshalb muss auch in Zukunft diese Art der Diskussion fortgeführt werden, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Problematik zu schärfen.


von Theresia Senft

Theresia Senft studiert Sozialwissenschaften: Konflikte in Politik und Gesellschaft (M.A.) und macht ein Praktikum beim DGB-Bundesvorstand.


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