Deutscher Gewerkschaftsbund

15.04.2021
BM - Magazin für Beamtinnen und Beamte 04/2021

Gewalt am Arbeitsplatz

Prävention aktiv gestalten

von Dr. Holger Pressel

Seit Jahren nimmt die Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes zu. Wichtig ist es daher insbesondere durch Präventionsmaßnahmen gegenzusteuern. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei den Führungskräften zu. Technische, organisatorische und personelle Maßnahmen („TOP-Prinzip“ des Arbeitsschutzes) können helfen, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Gewalt gegen Beschäftigte zu reduzieren.

Dieser Beitrag ist Titel im BM Ausgabe 04/2021 - dem Magazin für Beamtinnen und Beamte des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Seit Monaten kommt es bei Demonstrationen von sogenannten Querdenkern, Reichsbürgern und anderen Gruppierungen sowie bei Verstößen gegen Kontaktbeschränkungen immer wieder zu Gewalt gegen PolizistInnen. Dabei bleibt es nicht immer bei Beleidigungen und Bedrohungen. Nicht selten fliegen auch Flaschen oder andere Gegenstände, manchmal auch Fäuste. Daten zum Ausmaß von Gewalt gegen PolizistInnen liefern die Polizeilichen Kriminalstatistiken des Bundes und der Länder. Dabei ist folgende gegenläufige Entwicklung festzustellen:

Einerseits ist sowohl die Zahl der Straftaten insgesamt als auch die Anzahl von Gewaltdelikten seit Jahren stark rückläufig, andererseits ist jedoch die Zahl der Fälle von tätlichen Angriffen auf BeamtInnen stark gestiegen: Sowohl die Zahl der Straftaten insgesamt als auch die Fälle von Gewaltkriminalität gingen in den letzten 15 Jahren um jeweils über 10 Prozent zurück. Die Zahl von tätlichen Angriffen auf VollstreckungsbeamtInnen, weit überwiegend handelt es sich dabei um PolizistInnen, stieg allein im Zeitraum von 2018 bis 2019 um fast 30 Prozent!

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Innerhalb des öffentlichen Dienstes sind nicht nur PolizistInnen bei ihrer Tätigkeit häufig von verbaler und nonverbaler Gewalt betroffen. In einer im Jahr 2020 im Rahmen der DGB-Kampagne Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch durchgeführten Untersuchung, wurden mehr als 2.000 im öffentlichen Dienst Beschäftigte nach ihren Erfahrungen gefragt: Mehr als zwei Drittel der Befragten haben in den letzten Jahren Gewalt in Form von Beleidigungen, Bedrohungen, körperlichen Bedrängungen, Anspucken, Schlagen, sexueller Belästigung, Stalking und sogar Angriffen mit Waffen erlebt. Mehr als die Hälfte der Befragten sagen, die Gewalt am Arbeitsplatz habe in den letzten Jahren zugenommen. Nur in zwei Dritteln der Fälle erfahren die Vorgesetzten überhaupt von den Übergriffen! Ein Drittel der Betroffenen informiert ihren Vorgesetzten nicht, weil ihrer Ansicht nach anschließend nichts passiert, was ihnen hilft.

Gefragt nach den vermuteten Ursachen für das hohe Maß an Gewalt an ihren Arbeitsplätzen, verwiesen über 90 Prozent der Befragten auf den Mangel an Respekt anderen Menschen gegenüber und beinahe genauso viele auf den mangelnden Respekt gegenüber den VertreterInnen des Staates (88 Prozent). Ebenso häufig wird von den Befragten die Ansicht vertreten, dass in Teilen der Gesellschaft die Hemmschwelle zu aggressivem Verhalten niedrig ist und dass an Beschäftigten des öffentlichen Dienstes der Frust am Staat ausgelebt wird.

Folgen von Gewalt

Die Folgen von Gewalt am Arbeitsplatz können sehr vielfältig sein. Dabei hängt das Ausmaß der Folgen von der Form der Gewalt ab: Ein Messerangriff hat andere Auswirkungen als eine Beleidigung oder Bedrohung. Bei den meisten Übergriffen stehen die psychischen Folgen im Vordergrund; Schlafstörungen, Angst, Stress, Verunsicherung, Depressionen, Selbstzweifel, Ohnmacht und der Wunsch, die Tätigkeit zu wechseln werden in der Fachliteratur als häufige Reaktionsformen genannt.

Typen von Gewalt

Es gibt Fälle von Gewalt am Arbeitsplatz, die aus einer Situation heraus entstehen und andere Fälle, die nach einer Phase der Planung ausgeübt werden: Situative Gewalt bezeichnet ein aggressives Verhalten, das aus der Situation heraus entsteht und somit eine reaktive Komponente besitzt. Diese kann entweder eine Reaktion auf eine Bedrohung oder eine Folge von Wut sein. Situative Gewalt wird auch als „heiße Aggression“ bezeichnet. Bei der geplanten Gewalt fehlt die für die situative Gewalt typische physiologische Erregung. Dieser Typ wird oftmals auch als „vorsätzlich“ oder „kalt“ beschrieben. Dieser Gewalttyp ist häufig die Folge einer über einen längeren Zeitraum angestauten Frustration oder von Kränkungen und Demütigungen, in deren Folge jemand für sich entscheidet, sich an seinem Peiniger zu rächen.

Prävention: Deeskalation- und Bedrohungsmanagement

Maßnahmen der Deeskalation zielen auf eine Entschärfung von Fällen von „heißer Aggression“, also dem Typ von Gewalt, der in einer aufgeheizten Situation entsteht. Für Fälle geplanter Gewalt ist das Bedrohungsmanagement das Mittel der Wahl. Maßnahmen der Deeskalation sollten bereits bei Kultur beginnen: Nur wenn das Thema „Gewalt am Arbeitsplatz“ in all seinen Facetten enttabuisiert wird, können Präventionsmaßnahmen tatsächlich greifen. Wenn Beschäftigte den Eindruck haben, von Vorgesetzten als ängstlich oder überempfindlich angesehen zu werden, wenn sie Fälle von Gewalt melden, dann fehlt die Basis sowohl für künftige Meldungen als auch für Erfolg versprechendes Präventionshandeln. Bestandteil einer sicherheits- bzw. präventionsorientierten Unternehmenskultur sollte auch ein klares Bekenntnis zu einer Nulltoleranz-Strategie gegenüber jeder Form von Gewalt sein.

Aspekte der Deeskalation sollten bereits Bestandteil der Gefährdungsbeurteilungen sein: Bei der Ermittlung von potenziellen Gefährdungen sollte die Gefahr von gewaltauslösenden Reizen etwa in Wartebereichen mitbedacht werden. Auch räumliche, bauliche und technische Aspekte, die Einfluss auf die Entstehung von Aggressionen haben können, sollten Gegenstand von Gefährdungsbeurteilungen sein. Besonders bedeutsam sind personelle Maßnahmen insbesondere in Form der Qualifizierung der Beschäftigten in Bezug auf verbale und nonverbale Kommunikation: Ein falsches Wort oder eine unpassende Mimik kann eine ohnehin angespannte Situation zusätzlich aufheizen. Umgekehrt kann durch einen gelungenen Beziehungsaufbau zu einem Aggressor eine sich abzeichnende Gefahr häufig gebannt werden.

Beim Bedrohungsmanagement geht es darum, Eskalationsgefahren möglichst früh zu erkennen, diese qualifiziert einzuschätzen und schließlich das Risikopotenzial zu entschärfen. Der Ausgangspunkt des Bedrohungsmanagements besteht in der Erkenntnis, dass vielen Fällen von Gewalt im Vorfeld kritische Verhaltensweisen auf Seiten des späteren Täters vorausgehen. Oftmals können bei (späteren) Tätern im Vorfeld ihrer Taten sogenannte Warnsignale identifiziert werden. Hierzu zählen neben Drohungen auch das Zeigen von Waffen.

Über den Autor

Dr. Holger Pressel arbeitet hauptberuflich bei der AOK Baden-Württemberg. Dort leitet er die Stabsstelle Politik, Verbände & Gremienmanagement. Ende 2020 erschien im Haufe-Verlag sein Buch „Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz“.


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