Deutscher Gewerkschaftsbund

Öffentlicher Dienst und Beamte

24.01.2018
Titel - Beamtenmagazin 1/2018

Schichtarbeit: Gegen den biologischen Rhythmus

Wie wechselnde Arbeitszeiten auch im öffentlichen Dienst krank machen

Nacht- und Schichtarbeit gibt es in nahezu allen Branchen - auch im öffentlichen Dienst.. Feuerwehren, Rettungsdienste, Polizei, Krankenhäuser – sie alle sind rund um die Uhr für uns da, sieben Tage die Woche. Was bedeutet das für die Gesundheit und das soziale Leben der dort Beschäftigten? Das Magazin für Beamtinnen und Beamte über die Folgen von entgrenzten Arbeitszeiten.

Von Niels Spilker

Feuerwehr beim Einsatz

Christopher Harms/BestSabel

Die Beamten der Feuerwehr sind immer einsatzbereit – auch nachts und am Wochenende.

Montag, die Frühschicht beginnt um sechs Uhr. Bei einem durchschnittlichen Arbeitsweg bedeutet das: Aufstehen um vier Uhr. Zwei Tage später Nachtschicht. Dann endet der Dienst um sechs Uhr, Schlafenszeit in diesem Fall also im besten Falle ab acht Uhr morgens. Am Freitag heißt es Zwischenschicht ab 14 Uhr und am Tag drauf wieder Nachtschicht. Wie bewerten Beschäftigte solche Arbeitszeiten? Die einen sehen wahrscheinlich die finanziellen Vorteile in Form von Zulagen, andere hingegen sind genervt von den Auswirkungen auf das Privatleben. So wie es Langschläfer und Frühaufsteher gibt – die morgenfrischen Lerchen und die nachtaktiven Eulen –, so gibt es auch mit Blick auf den Schicht- und Wechselschichtdienst unterschiedliche Vorlieben. Doch auffallend ist: Bei vielen Betroffenen ändert sich die Einstellung zu einem derart wechselnden Arbeitsrhythmus mit Zunahme der Dienstjahre. Ein zu vermutender Grund: Die negativen Folgen fallen von Jahr zu Jahr stärker ins Gewicht.

Krankenschwester hängt Behälter mit Bluttransfusion / Blutspende auf; Symbolbild Gesundheit / Kramkheit / Krankenhaus

Colourbox

Schichtdienst rund um die Uhr: Krankenhäuser und Pflegestationen müssen 24h am Tag besetzt sein.

Trend zu belastenden Arbeitszeiten hält an

Aber zunächst ein Blick auf die Zahlen: Hier wird deutlich, wie sehr sich belastende Arbeitszeiten ausbreiten. Spätschichten, Nachtund Wochenendarbeit gehören für immer mehr Beschäftigte zum Joballtag. In allen diesen Bereichen gab es zwischen 1992 und 2016 deutliche Zuwächse (siehe Grafiken).1) Arbeiteten 1992 noch 15,5 Prozent der Beschäftigten abends zwischen 18 und 23 Uhr, so waren es 2016 bereits 25,2 Prozent. Der Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland, die Schichtarbeit leisten, ist laut Eurostat zwischen 1992 bis 2016 von 11,5 auf 17,4 Prozent angewachsen. Für den öffentlichen Dienst ergibt sich auf Basis des Arbeitszeitreports 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) folgendes Bild: 17 Prozent der Beschäftigten arbeiten zu nicht-normalen Arbeitszeiten. Dazu zählen sechs Prozent mit versetzten Arbeitszeiten (etwa mit fester Früh- oder Spätschicht), drei Prozent mit Wechselschicht ohne Nachtarbeit sowie acht Prozent mit Wechselschicht mit Nachtarbeit.2) Betroffen sind vor allem das Pflegepersonal, ÄrztInnen, Fahrpersonal bei der Bahn oder im ÖPNV sowie Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte.

Beschäftigte in Schichtarbeit

Seit 1992 arbeiten deutlich mehr Beschäftigte in den Abendstunden bis 23 Uhr. Auch zwischen 23 und 6 Uhr und an Samstagen und Sonntagen gehen mehr Beschäftige als noch Anfang der 1990er Jahr zur Arbeit. DGB Beamtenmagazin

Arbeit in Wechselschicht wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden und die Gesundheit aus. Die Beschäftigten müssen zeitverschoben schlafen, essen und arbeiten. Weil viele Körperfunktionen einem tagesperiodischen Rhythmus unterliegen, ist dabei eine Anpassung an die Nachtarbeit nicht vollständig möglich. Der Körper kommt aus dem Takt, als wesentliche Folge gelten Ein- und Durchschlafstörungen. Dazu kommt, dass der Schlaf nach einer Nachtschicht durch Helligkeit und Lärm eher gestört wird, kürzer ausfällt und damit weniger erholsam ist.

Grundsätzlich für jeden Menschen schädlich

Die gesundheitliche Belastung wird durch die Forschung immer wieder bestätigt. So beschreibt eine zusammenfassende Studie der BAuA, dass das kumulierte Schlafdefizit und die geringere Erholsamkeit des Schlafs „mit Erschöpfung einhergeht, die sich langfristig in Formen von Burnout (z. B. chronischer Erschöpfung) äußern kann“.3) Es wird zudem ein Zusammenhang gesehen zwischen Nachtarbeit und depressiven Stimmungslagen, Angstzuständen und einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Herz- Kreislauf-Erkrankungen. Andere Studien zeigen, dass das Unfallrisiko in der Nachtschicht deutlich höher ist und bei mehreren aufeinanderfolgenden Schichten noch weiter ansteigt.4) Hauptursache auch hier: Erschöpfung.

Häufig Schlaftstörungen und bei schlechter Gesundheit

Fragt man die Beschäftigten selbst, ergeben sich ebenfalls deutliche Hinweise auf die Belastung: Menschen, die in Wechselschicht arbeiten, berichten in der BAuA-Arbeitszeitbefragung deutlich häufiger von gesundheitlichen Beschwerden (siehe Grafik).5) Wer nachts oder in wechselnden Schichten arbeiten muss, schätzt seine eigene Gesundheit also messbar als schlechter ein.6) Dies gilt insbesondere dann, wenn die Betroffenen dieser Belastung über lange Jahre ausgesetzt sind. So ist auffällig, dass Schichtdienstbeschäftigte im höheren Erwerbsalter „einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen und häufiger unter Schlafstörungen leiden als gleichaltrige Normalarbeitszeitbeschäftigte“.7 Diesen negativen Einfluss lang andauernder Schichtarbeit bestätigt auch eine aktuelle Befragung der Hans-Böckler-Stiftung.8)

Das ergonomische Leitbild

All diese Studien liefern Hinweise darauf, dass Erholungsphasen unmittelbar nach der Belastung nicht ausreichend vorhanden sind. Und auch Zeit für soziale Kontakte fehlt: Die Abendstunden oder das Wochenende werden durch die Schichten regelmäßig besetzt. Das stört das Zusammenspiel von Arbeit und Privatleben massiv.

Schichtarbeit und Gesundheitsbeschwerden

Wer nachts oder in wechselnden Schichten arbeiten muss, schätzt seine eigene Gesundheit in Umfragen deutlich schlechter ein. DGB Beamtenmagazin

Die Arbeitgeber vertreten die Position, dass diese Belastungen ja ausgeglichen würden, durch Zulagen und ein paar zusätzliche Urlaubstage. Aber ob dies ausreicht und ob der Ausgleich in einer vernünftigen Form geschieht, muss gerade angesichts des steigenden Durchschnittsalters der Beschäftigten im öffentlichen Dienst diskutiert werden. So entsteht etwa durch Zulagen das Dilemma, dass Anreize für die Inkaufnahme von gesundheitsschädlichen Arbeitszeiten gesetzt werden. Die langfristigen Folgen eines Raubbaus an der Gesundheit machen sich erst im Laufe der Zeit bemerkbar – den finanziellen Ertrag gibt es jedoch sofort. Aufgabe des Arbeitsschutzes ist es, die aus der Arbeit resultierenden Belastungen zu prüfen, soweit möglich zu beseitigen und dabei arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen. Es braucht Entlastung, getreu dem ergonomischen Leitbild, „die Arbeit an den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt“.9)

Glossar

Die Normalarbeitszeit bezeichnet Arbeit, die montags bis freitags tagsüber zur jeweils gleichen Zeit liegt. Schichtarbeit zählt zu den atypischen Arbeitszeitformen. Nach Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts liegt Schichtarbeit vor, wenn mehrere Beschäftigte sich an einem Arbeitsplatz nach geregelter zeitlicher Reihenfolge abwechseln.

Wechselschicht ist eine besondere Form der Schichtarbeit, in der die Arbeitszeit einem Mehrschichtsystem folgt, z.B. einem Zwei- oder Dreischichtsystem. Eine Person leistet also Wechselschicht, wenn sich die Arbeitszeit dauerhaft rhythmisch verändert, sie also ihre Arbeit zu wechselnden Zeiten ausübt (Frühschicht / Spätschicht, Tagschicht / Nachtschicht oder Frühschicht/Spätschicht/Nachtschicht).

Nach dem Arbeitszeitgesetz ist die Nacht- und Schichtarbeit nach „gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit festzulegen“. Diese beruhen auf arbeitsmedizinischen Untersuchungen.

Für die Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes ist der Ausgleich für Arbeit in Schicht- und Wechselschicht im TVöD und im TV-L geregelt (§§ 8, 27). Beamtinnen und Beamte erhalten einen Ausgleich gemäß den Erholungsurlaubs- und Erschwerniszulagenverordnungen, die im Bund und in den Bundesländern unterschiedlich geregelt sind. Die genauen Voraussetzungen für eine Zulage bzw. Zusatzurlaub können an dieser Stelle nicht dargestellt werden.

Verweise

  1. Statistisches Bundesamt (2017): Qualität der Arbeit. Geld verdienen und was sonst noch zählt. Wiesbaden, S. 26.
  2. BAuA (2016). Arbeitszeitreport Deutschland 2016, Dortmund, S. 48.
  3. Amlinger-Chatterjee, Monischa (2016): Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt. Atypische Arbeitszeiten, Dortmund, S. 26.
  4. Vgl. z.B. Folkard, Simon; Tucker, Philip (2003): Shift work, safety and productivity. Occupational Medicine 53/2, S. 95-101.
  5. BAuA (2016): Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2015. Unfallverhütungsbericht Arbeit, Dortmund, S. 64.
  6. Vgl. dazu auch „Schicht schlaucht“; Böckler Impuls Ausgabe 09/2017, S. 6.
  7. Leser, Carina et al. (2013): Schichtarbeit und Gesundheit, IAB-Kurzbericht 21/2013, S. 7.
  8. Langhoff, Thomas/Satzer, Rolf (2017): Gestaltung von Schichtarbeit in der Produktion, WP Forschungsförderung Nr. 43, S. 11.
  9. Wirtz, Anna (2010): Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer Arbeitszeiten, Dortmund, S. 17.

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  1. Bundeslaufbahnverordnung: Novellierung mit angezogener Handbremse
  2. Corona: Sonderurlaub unter Bezügefortzahlung für die Kinderbetreuung?
  3. Schichtarbeit im öffentlichen Dienst: Mindeststandards für Entlastung, Planbarkeit und Beteiligung
  4. Bund weiter mangelhaft
  5. Der öffentliche Dienst in Deutschland: Zahlen und Fakten
  6. Standards für Gute Arbeit in Wechselschichtdiensten
  7. Tagung: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst und privatisierten Dienstleistungssektor
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  9. Hannack: Schluss mit sachgrundlosen Befristungen!
  10. Schichtarbeit: Gegen den biologischen Rhythmus
  11. Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat
  12. Bundesbeamte: Maßnahmen gegen den steigenden Krankenstand
  13. Hoher Krankenstand: Bundes-Beschäftigte werden "aufgerieben"
  14. Bundespolizei: Verkürzter Aufstieg – verkürzte Chancen?
  15. Stellungnahme zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf für BeamtInnen
  16. Öffentlicher Dienst: Starke Belastung und hoher Krankenstand
  17. Gewerkschaften erkämpfen Praxisaufstieg in gehobenen Dienst
  18. Gesundheitsmanagement: Ministerien greifen DGB-Vorschläge auf
  19. Praxisaufstieg: Innenministerium gesprächsbereit
  20. Flüchtlingspolitik: Mehr Personal dringend erforderlich
  21. Beamte: Qualifikationen aus Berufspraxis anerkennen!
  22. Ernstes Problem: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst
  23. Was gibt´s Neues im Urlaubsrecht?
  24. Familienpflege: Was gilt wo für Beamtinnen und Beamte?
  25. Spitzengespräch des DGB mit Bundesinnenminister de Maizière
  26. Whistleblowing: Risiko für Beamte
  27. Bund und Länder: Befristungen nehmen zu
  28. Beschäftigte im öffentlichen Sektor: Gleich wichtig – ungleich behandelt
  29. Elke Hannack: Verlässliche öffentliche Dienstleistungen für die Menschen – nur mit einer verlässlichen Politik!
  30. Bundesverwaltung: Personalabbau und steigender Krankenstand
  31. Öffentlicher Dienst: Gute Arbeit trotz Schuldenbremse?
  32. Demografischer Wandel im öffentlichen Dienst: Befristungsquote verringern, Leistung sichern
  33. Demografiestrategie im öffentlichen Dienst: Am Sparzwang orientiert
  34. Öffentlicher Dienst: Fachkräfte sichern
  35. Fragen und Antworten zum Streikrecht für Beamte
  36. Krankenstand in der Bundesverwaltung auf Rekordhoch
  37. Der öffentliche Dienst: Kein Musterarbeitgeber
  38. Index Gute Arbeit: Sonderauswertung Öffentlicher Dienst 2011
  39. Gemeinsame Initiative zur Förderung des Gesundheitsmanagements in der Bundesverwaltung
  40. Schöneberger Forum: Reiche sollen zahlen
  41. Öffentlicher Dienst: Sparen um jeden Preis ist nicht akzeptabel
  42. Sparpolitik im öffentlichen Dienst führt in die Bredouille
  43. Preis für Personalräte mit Einsatz und Köpfchen
  44. DGB: Personellen Kahlschlag im öffentlichen Dienst verhindern!
  45. DGB-Stellungnahme zum Gesetzentwurf Familienpflegezeit und flexiblerer Ruhestand für Beamte des Bundes vom 1.12.2012

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