Deutscher Gewerkschaftsbund

26.08.2019

"Sie haben unsere Entschlossenheit unterschätzt"

einblick September 2019

Ende September tritt der ver.di-Bundeskongress in Leipzig zusammen. Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske wird nicht zur Wiederwahl antreten. Im einblick-Interview blickt er zurück auf 18 Jahre Gewerkschaftsvorsitz, und nach vorne auf die Digitalisierung, Klimawandel und aktuelle gewerkschaftliche Baustellen.

Porträt Frank Bsirske

DGB/Uwe Voelkner/FOX

Wie lautet Deine Bilanz nach 18 Jahren als ver.di-Vorsitzender?

Als wir ver.di gegründet haben, stand der Gedanke Pate, alte Konkurrenzen zu überwinden, Kräfte zu bündeln, voneinander zu lernen und die jeweiligen Stärken für alle nutzbar zu machen. Das ist gelungen. ver.di ist heute die starke Dienstleistungsgewerkschaft in Deutschland.

"Sie haben unsere Kraft und Entschlossenheit unterschätzt."

Welche Situation war die herausforderndste in all den Jahren?

In der Rückschau für ver.di wie für die DGB-Gewerkschaften insgesamt, die Hochzeit der Agenda-Politik und die damit einhergehende offen gewerkschaftsfeindliche Stimmungsmache. Die Frankfurter Rundschau hat die Atmosphäre seinerzeit mit einer Karikatur treffend pointiert: Diese zeigte zwei Kinder im Sandkasten sitzend, von denen das eine bitterlich weinte und auf die Frage seiner Mutter, was denn passiert sei, auf das andere Kind zeigend, antwortete: „Der hat Gewerkschafter zu mir gesagt.“ Eine große deutsche Wochenzeitung schrieb: „Wenn es die Gewerkschaften nicht biegen, muss man sie brechen.“ Die großen DGB-Gewerkschaften wurden als Fossile hingestellt – die Zukunft gehöre kleinen Spartengewerkschaften, hieß es. Und eine namhafte Tageszeitung prophezeite ver.di in der sechsten von 16 Streikwochen im Länderbereich wörtlich: „Die größte Niederlage in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte“. Es ist dann anders gekommen. Sie haben unsere Kraft und Entschlossenheit unterschätzt.

ver.di Vorsitzender Frank Bsirske

ver.di/Kay Herschelmann

Frank Bsirske, 67, ist seit 2001 ver.di-Vorsitzender – seit der Gründung der Gewerkschaft – und damit derzeit dienstältester Gewerkschaftsvorsitzender in Deutschland. Auf dem 5. ver.di-Bundeskongress im September in Leipzig tritt er nicht zur Wiederwahl an.

Was war der größte Erfolg?

Die Erfolgsbilanz von ver.di hat viele Facetten. Dass es uns als Gewerkschaft der Erzieherinnen und Pflegekräfte gelungen ist, die Aufwertung der sozialen Berufe voranzubringen, gehört ebenso dazu wie Meilensteine qualitativer Tarifpolitik zur Gestaltung des digitalen Umbruchs. Und dass es gelungen ist, mit dem gesetzlichen Mindestlohn und unserer Rentenkampagne, Kontrapunkte gegen die Entsicherung der Arbeit zu setzen. Die Menschen wollen nicht in einem Land leben, wo Arbeit arm macht und die Rente nach jahrzehntelanger Arbeit nicht reicht, um anständig über die Runden zu kommen und in Würde altern zu können. Darauf können wir aufbauen.

Welche Herausforderung müssen die Gewerkschaften heute am dringendsten anpacken?

Da gibt es klare Prioritäten. Und die lauten: die Tarifbindung stärken, für einen Kurswechsel in der Rentenpolitik sorgen, staatliche Handlungsfähigkeit für mehr Investitionen in gesellschaftliche Bedarfsfelder sichern. Es gilt, den digitalen Umbruch im Interesse der Arbeitnehmer zu gestalten und dafür zu sorgen, dass dem menschheitsbedrohenden Klimawandel entschlossener begegnet wird.

"Nicht die Digitalisierung an sich ist das Problem, sondern das, was wir Menschen daraus machen."

Wie können Gewerkschaften die Digitalisierung formen?

Nicht die Digitalisierung an sich ist das Problem, sondern das, was wir Menschen daraus machen. Es gilt, die Möglichkeiten zu Souveränitätsgewinnen für die arbeitenden Menschen zu erschließen und Risiken wie technologisch bedingter Arbeitslosigkeit, digitaler Prekarisierung und der Transparenz und Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument zu begegnen. Tarifverträge – zum Beispiel zu mobilem Arbeiten, zu Arbeitszeitverkürzung, zu Qualifizierung und Weiterbildung – sind wirksame Instrumente dazu.

Du bist Parteimitglied der Grünen. Was kann man von der Partei im Bereich Arbeit und Soziales erwarten?

Politik ökologisch und zugleich sozial auszurichten, dafür stehen derzeit die Grünen. Und das ist gut so.

Warum bist Du damals zur Gewerkschaft gegangen?

Ich bin Arbeiterkind. Mein Vater stand bei VW am Band und war überzeugter Gewerkschafter und Sozialist. Meine Mutter war Krankenschwester und, na klar, in der Gewerkschaft. In diesem Geist bin ich erzogen worden: Gemeinsam können wir als ArbeitnehmerInnen mehr erreichen als jede und jeder für sich allein. Als ich meinen ersten Ferienjob angenommen habe, war es für mich selbstverständlich, in die Gewerkschaft einzutreten.

Wer waren Deine gewerkschaftlichen Vorbilder?

Zwei Menschen, die ich früh in meiner Gewerkschaftsarbeit kennengelernt habe: Ein ÖTV-Sekretär und ein Personalratsvorsitzender aus Hannover. Beide haben engagiert, nahbar und sinnstiftend als Gewerkschafter gearbeitet. Das hat mich schwer beeindruckt und war für mich immer Credo.

Welche Rolle spielen Gewerkschaften heute für die Gesellschaft?

Als Selbsthilfeorganisation der arbeitenden Menschen, als Tarifkartell, um die Konkurrenz untereinander zu überwinden und als politische Organisation, die im Interesse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Einfluss auf staatliches Handeln, auf politische Parteien und die Öffentlichkeit nehmen, bleiben sie unverzichtbar.

Wie siehst Du die Zukunft des DGB?

Der DGB, das ist der Bund der Gewerkschaften. Wir brauchen ihn. Auch in Zukunft.


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