Deutscher Gewerkschaftsbund

15.01.2019
Zum Tod unserer Kollegin Susanne Neumann

"Befristet Beschäftigte sind Menschen zweiter Klasse"

Die Gewerkschafterin Susanne Neumann ist verstorben. Sie hat sich auf vielen Ebenen für die Rechte der ArbeitnehmerInnen eingesetzt. Unter anderem lag ihr der Kampf gegen befristete Arbeitsverträge am Herzen, wie dieser Text für den DGB-Infoservice "einblick" aus dem Jahr 2010 zeigt.

Susanne Neumann

Susanne Neumann: * 29. Mai 1959 in Gelsenkirchen; † 13. Januar 2019 IG BAU

Ein Text von Susanne Neumann, erschienen im gewerkschaftlichen Info-Service "einblick",  Ausgabe April 2010:

Fast jede zweite Neueinstellung ist mittlerweile befristet. Die Folgen für die ArbeitnehmerInnen sind immens – ohne Perspektive auf einen sicheren Job ist eine Lebensplanung kaum möglich. Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung befristete Beschäftigung sogar noch weiter erleichtern. Die Auswirkungen dessen wären fatal. Davon ist Susanne Neumann, Vorsitzende der IG BAU-Bundesfachgruppe Gebäudereiniger-Handwerk, überzeugt.

„Im Dienstleistungsbereich, wie bei uns in der Gebäudereinigung, sind befristete Einstellungen die Regel. Die Folgen für die so Beschäftigten sind immens. Aus Angst um den Arbeitsplatz meldet sich eine befristete Arbeitnehmerin nicht krank, sie klagt weder Überstunden noch tarifliche Leistungen ein. Befristete Beschäftigte werden auch kaum für den Betriebsrat kandidieren – selbst wenn sie nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit gewählt werden könnten. Schließlich gilt der besondere Kündigungsschutz von Betriebsräten für sie nicht, ihr Arbeitsverhältnisendet zum vereinbarten Zeitpunkt.

Durch die in vielen Firmen unserer Branche üblichen auf sechs Monate befristeten Verträge können die ArbeitnehmerInnen gerade für sechs Monate im Voraus planen. Das heißt: Sie müssen am selben Tag, an dem sie den Arbeitsvertrag unterschreiben, zur Arbeitsagentur gehen, um anzukündigen, dass sie in einem halben Jahr möglicherweise wieder auf der Straße sitzen. Wenn sie eine Wohnung mieten wollen, wissen sie nicht, ob sie die Miete in sechs Monaten zahlen können. Wenn der Fernseher, die Waschmaschine oder der Kühlschrank kaputt gehen, ist es Befristeten nicht möglich, einen Überziehungskredit oder einen Kleinkredit bei der Bank zu bekommen. Befristet Beschäftigte sind Menschen zweiter Klasse in diesem Land. Sie können in keiner Art und Weise in die Zukunft schauen. Es ist diese Unsicherheit, die die Beschäftigten so fürchterlich kaputt macht.

Befristete Einstellungen für eine Schwangerschafts- oder Krankheitsvertretung sind nachvollziehbar, ebenso für Auftragsspitzen. Aber nicht nur in unserer Branche werden systematisch mit befristeten Verträgen Kündigungsschutzrechte ausgehebelt und die Beschäftigten unter Druck gesetzt.

Die Betriebsräte sind bei diesen Verträgen außen vor und haben keine Möglichkeit, einzuwirken. Das Ganze hat Methode: Bevor der dritte Arbeitsvertrag kommt, bevor die dritte Befristung ausgelaufen ist, stehen die Beschäftigten auf der Straße. Im Dienstleistungsbereich sind die Beschäftigten eine Nummer – und wenn deine Nummer gezogen wird, bist du weg, egal wie gut du vorher gearbeitet hast.

Hinzu kommt die Leistungsverdichtung nicht nur in unserer Branche. Ein Beispiel: Vor 20 Jahren haben in einem Chemiewerk noch 43 Frauen geputzt, heute sind es gerade mal 14 400-Euro-Kräfte, die die gleiche Arbeit erledigen. Natürlich ist das in der Regel nicht in der bezahlten Arbeitszeit zu schaffen, aber auch da haben die Arbeitgeber Strategien entwickelt, insbesondere befristet Beschäftigte unter Druck zu setzen. Es werden einfach die von der einzelnen Beschäftigten zu reinigenden Quadratmeter hochgeschraubt. Befristet Eingestellte werden ermahnt: „Das Hauptzollamt kontrolliert uns.“ Wenn es eine Frau wagt, ihre tatsächliche Arbeitszeit und ihre Überstunden anzugeben, kann sie sicher sein, dass ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert wird.

Befristet Beschäftigte werden elementarer Arbeitnehmerrechte, vor allem des Kündigungsschutzes, beraubt. Ich erlebe den Kampf mit der Befristung täglich. Nicht bei mir im Betrieb, aber als Gewerkschafterin in meinen Sprechstunden. Es gibt sie überall, und wir versuchen verzweifelt Mittel und Wege zu finden, um dagegen anzugehen.

Schlimm ist, dass es überwiegend Frauen sind, die so ausgebeutet werden. Deshalb dürfen wir auf keinen Fall zulassen, dass – wie Schwarz-Gelb es im Koalitionsvertrag vorsieht – Befristungen noch erleichtert werden. Im Gegenteil: Es müssen wirksame Maßnahmen gefunden werden, um dem gängigen Missbrauch von befristeten Verträgen einen Riegel vorzuschieben.“


Susanne Neumann ist am vergangenen Sonntag gestorben. Sie war unter anderem Vorsitzende der IG BAU-Bundesfachgruppe Gebäudereiniger-Handwerk sowie des IG BAU-Bezirksverbandes Emscher-Lippe.


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