Deutscher Gewerkschaftsbund

22.09.2016
Magazin für Beamtinnen und Beamte 09/2016

Gespaltene Belegschaft: Arbeitsalltag an deutschen Schulen

Die Zeiten, als in deutschen Schulen die Lehrkräfte ausschließlich Beamtinnen und Beamte waren, sind längst vorbei. Inzwischen leisten dort auch befristete und unbefristete Angestellte und Honorarkräfte die gleiche Arbeit - aber zu sehr unterschiedlichen Bedingungen. Leiharbeit und Werkverträge finden sich mittlerweile auch im Schulbetrieb.1 Gesa Bruno-Latocha von der GEW schildert, wie Schulen und Gewerkschaft mit der Spaltung und Prekarisierung der Belegschaft umgehen.

GEW-Demonstranten

DGB/Simone M. Neumann

Von Gesa Bruno-Latocha, Referentin für Tarif- und Beamtenpolitik beim Hauptvorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft

In den Lehrerzimmern deutscher Schulen gibt es – wie sonst auch im öffentlichen Dienst – eine „gespaltene“ Belegschaft: Beamtinnen und Beamte, Angestellte mit unbefristeter Stelle, Angestellte mit befristetem Vertrag, Honorarlehrkräfte. Dieser Missstand ist nicht neu und ärgerlich genug. Doch Schule ist mehr als nur Unterricht, heute mehr denn je. Überall machen sich Schulen auf den Weg in Richtung Ganztag. Dabei unterscheidet sich die Situation im föderalen Deutschland von Bundesland zu Bundesland, außerdem von Schulform zu Schulform ganz erheblich. Ein echter Ganztagsbetrieb, in dem unter einer einheitlichen Leitung in multiprofessionellen Teams mit ganzheitlichem pädagogischem Konzept gearbeitet wird,ist aber in allen Bundesländern noch die Ausnahme.

Viele Träger

Eine Schulleitung hat es heute im Schulalltag nicht selten mit drei, vier oder mehr freien Trägern zu tun: Jugendhilfeträger, die die Nachmittagsbetreuung organisieren, Träger, die Schulsozialarbeit anbieten, die Integrationshelfer und Schulbegleiter für Kinder mit Benachteiligung oder Behinderung stellen, Sprachförderung und Nachhilfe für Migrantenkinder, Sport-, Musik- oder Theaterkursedurchführen, gesundes Schulessen liefern usw.

Prekäre Finanzierung

Die Finanzierung dieser Angebote, die von der Schulpolitik gerne unter dem Etikett „Ganztag“ verkauft werden, ist häufig prekär: Manchmal sind Verträge mit dem Schulträger die Grundlage, die oft jeweils nur ein Schuljahr laufen. In anderen Fällen erhalten die Schulen selbst Mittel zur Bewirtschaftung, mit denen sie zusätzliche Angebote „einkaufen“ können. Wieder andere Angebote sind an die Bedürftigkeit der Schülerinnen und Schüler gebunden und werden aus Jugendhilfe- oder Sozialhilfe-Mitteln finanziert.

Pädagogische Arbeit wird prekarisiert

Aus gewerkschaftlicher Sicht haben die meisten dieser Angebote eine Gemeinsamkeit: Sie führen nicht zu Beschäftigungsverhältnissen, die dauerhaft existenzsichernd sind. Ein freier Träger, der nicht weiß, ob er morgen noch refinanziert wird, kann keine unbefristeten Vollzeitstellen anbieten. Zumal die Höhe der Zuwendungen in den seltensten Fällen so bemessen ist, dass daraus eine Bezahlung entsprechend den Tarifverträgen im öffentlichen Dienst zu leisten ist.2 Damit leistet der Staat einer Prekarisierung pädagogischer Arbeit Vorschub, die aus gewerkschaftlicher Sicht zukritisieren ist.2

Einheit von Schule und Hort

Einen interessanten Weg hat das Land Thüringen gerade eingeschlagen: Dort wurden zum Beginn dieses Schuljahres alle Erzieherinnen in den Schulhorten in den Landesdienst übernommen. Das erleichtert die pädagogische Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams, aber auch die gemeinsame Vertretung der Interessen aller Beschäftigten durch die Personalräte. Dank intensiver Verhandlungen der GEW Thüringen ist es gelungen, dass nahezu alle Kolleginnen ihre Eingruppierung und Besitzstände „mitnehmen“ konnten. Die GEW-Landesvorsitzende, Kathrin Vitzthum, begrüßt den Schritt: „Die pädagogische und organisatorische Einheit von Grundschule und Hort war und ist für die GEW Thüringen der entscheidende Schritt hin zu einer Ganztagsschule, die diesen Namen verdient. Gemeinsam Konzepte und Umsetzungstrategien zu entwickeln ist unter einem Dach einfacher und transparenter auch für Kinder und Eltern. In den nächsten Jahren muss es darum gehen, die auch im Landesdienst überwiegend prekären Beschäftigungsbedingungen für die Horterzieherinnen hinsichtlich des Beschäftigungsumfangeszu verbessern.“

Gewerkschaftliche Solidarität ist gefragt

Am Ende zeigt sich, dass prekäre Beschäftigung letztlich eine Folge der fehlenden Bereitschaft ist, ausreichend Geld für gesellschaftlich notwendige Aufgaben in die Hand zu nehmen. Not macht erfinderisch. Doch die Kreativität, wie man mit möglichst wenig Geld dennoch eine halbwegs funktionierende soziale Infrastruktur aufrechterhalten kann, geht letztlich zu Lasten der Beschäftigten. Hier ist gewerkschaftliche Solidarität gefragt, auch über Statusgrenzen hinweg.


1) Hohendanner, Chr. u.a.: Befristete Beschäftigung im öffentlichen Dienst , Entwicklung, Motive und rechtliche Umsetzung. IAB-Forschungsbericht, 12/2015, www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k151222v01, siehe auch Bericht im Beamten-Magazin 1/2016

Magazin für Beamtinnen und Beamte 01/2016 (PDF, 4 MB)

Die Themen des Magazins vom 21. Januar 2016: Gesunde Arbeit schaffen - Belastungen analysieren; Gesundheitsförderung - Der bayerische Finanzminister Söder im Interview; Bad Practice - Befristungspraxis im öffentlichen Dienst

2) Die GEW setzt sich für Tarifverträge bei freien Trägern der Jugendhilfe ein, näheres unter www.gew.de/kita/tariflohn-fuer-alle


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