Deutscher Gewerkschaftsbund

18.02.2021
BM - Magazin für Beamtinnen und Beamte 02/2021

Wo hakt es beim Homeoffice?

Sonderauswertung DGB-Index Gute Arbeit zum öffentlichen Dienst

Arbeit von zu Hause ist im öffentlichen Dienst nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema. Eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit zeigt, dass mehr als 20 Prozent der Befragten aus dem öffentlichen Dienst regelmäßig im Homeoffice arbeiten – mehr als in der Privatwirtschaft. Mobiles Arbeiten ist für die Beschäftigten reizvoll, kann aber auch zu einer höheren Belastung führen. Das BM stellt die Untersuchung vor und wirft einen Blick auf die gelebte Praxis vor Ort.

Dieser Beitrag ist Titel im BM Ausgabe 02/2021 - dem Magazin für Beamtinnen und Beamte des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Homeoffice wurde zuletzt vor allem als wirksames Mittel gegen die Corona-Pandemie diskutiert. Völlig zurecht stand der Infektionsschutz dabei im Vordergrund. Es galt, neben privaten auch berufliche Kontakte zu vermeiden. Aber mobile Arbeit wird auch jenseits dieser Krisensituation eingefordert. Wie die Beschäftigten aus dem öffentlichen Dienst die Arbeitsbedingungen im Homeoffice bewerten, untersucht eine aktuelle Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit.

Im Frühjahr 2020 gaben im Rahmen der bundesweit durchgeführten Befragung Index Gute Arbeit 6300 Beschäftigte Auskünfte zum ortsflexiblen Arbeiten. Knapp 1400 von ihnen kamen aus dem öffentlichen Dienst. Ihre Angaben flossen in die Sonderauswertung ein (darunter 74 Prozent ArbeitnehmerInnen 26 Prozent BeamtInnen). Dabei wurden mit Blick auf die Arbeit von zu Hause nur diejenigen betrachtet, die von dort zum Zeitpunkt der Befragung nicht nur wegen der Corona-Krise, sondern auch im Zeitraum davor gearbeitet haben. Untersucht wird nicht die ggf. improvisierte Notlösung, sondern Homeoffice im „Normalbetrieb“.

Die Qualifikationshierarchie entscheidet

Erster Befund: Homeoffice ist im öffentlichen Dienst unter Normalbedingungen weiter verbreitet als in der Privatwirtschaft. 22 Prozent der Befragten gaben an, ihre Arbeit zumindest teilweise von zu Hause zu erledigen (17 Prozent in der Privatwirtschaft). Der Grund: Unterschiede bei den Tätigkeiten. Zum Beispiel sind HelferInnen- und Anlerntätigkeiten im öffentlichen Dienst kaum, hochkomplexe Tätigkeiten dagegen sehr verbreitet.

Konkret zeigt sich die Auswirkung unterschiedlicher Anforderungsniveaus anhand der BeamtInnen, bei denen der Anteil der Arbeit im Homeoffice vor allem wegen der großen Gruppe der Lehrkräfte bei 43 Prozent liegt. Bei ArbeitnehmerInnen im öffentlichen Dienst sind es nur 15 Prozent. Auch innerhalb des öffentlichen Dienstes zeigen sich also Unterschiede mit Blick auf die Nutzung der Option Homeoffice. Je höher in der Qualifikationshierarchie, desto häufiger wird von zu Hause gearbeitet.

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Wünsche und Blockaden

Die Sonderauswertung zeigt, dass nicht alle Befragten aus dem öffentlichen Dienst von zu Hause arbeiten wollen. Aber bei 30 Prozent der Beschäftigten besteht sehr wohl ein unerfüllter Wunsch, diese Option nutzen zu können (vgl. Abbildung 1). Diese Gruppe hat auch Kevin Nehls vor Augen, wenn er an seine rund 800 KollegInnen bei der Kreisverwaltung Nordwestmecklenburg denkt. Er arbeitet dort als Archivar für das Kreisarchiv und ist für ver.di aktiv im örtlichen Personalrat des Landkreises sowie im GPR. In seiner Verwaltung war man, alles bezogen auf die Zeit vor Corona, von einer Homeofficequote von 22 Prozent weit entfernt.

„Die Dienststelle blockiert das und lehnt unsere Forderung nach einer Dienstvereinbarung zum Homeoffice bisher konsequent ab. Es gibt zwar einen Leitfaden zur Telearbeit. Aber da ist schon in der Präambel festgelegt, dass höchstens 5 Prozent der Beschäftigten teilnehmen dürfen“, erklärt Nehls. Dass es nur sehr wenige KollegInnen gibt, die von zu Hause arbeiten, liege vor allem an einer Kultur des Misstrauens in der Führungsebene.

„Da kommen dann so Vorurteile, dass die Verwaltung nur durch Präsenz der Beschäftigten arbeitsfähig sei. Man unterstellt also, dass im Homeoffice nicht wirklich gearbeitet wird.“ Es müssten also noch einige Widerstände überwunden werden. Denn für den Personalrat ist klar, dass viele sich mehr Flexibilität dringend wünschen.

Kuchendiagramm über die Nutzung von Homeoffice im öffentlichen Dienst

DGB-Index Gute Arbeit

Technische Ausstattung? Großbaustelle

Den Eindruck aus Mecklenburg-Vorpommern, dass der Rückenwind durch Arbeitgeber und Dienststelle oft fehlt, bestätigen auch die Zahlen der Sonderauswertung. So gibt mit 32 Prozent fast ein Drittel der Befragten aus dem öffentlichen Dienst an, durch Vorgesetzte nur in geringem Maß oder gar nicht unterstützt zu werden, um zu Hause arbeiten zu können.

Ein Bremsklotz ist außerdem die fehlende technische Ausstattung. So sei die Nutzung privater Arbeitsmittel im Homeoffice fast der Normalfall. Mehr als die Hälfte nutzt ausschließlich private Arbeitsmittel (vgl. Abbildung 2). Bei BeamtInnen liegt der Wert sogar bei 59 Prozent, wobei die Lehrkräfte eine besondere Rolle spielen. Ohne Lehrkräfte in die Auswertung einzubeziehen, geben nur 30 statt 51 Prozent an, im Homeoffice nur private Arbeitsmittel zu verwenden.

Balkendiagramm zur Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die im Homeoffice ihre privaten technischen Geräte nutzen

DGB-Index Gute Arbeit

„Man produziert hier Elektroschrott“

Auch Anne Kilian kennt die Probleme mit der technischen Ausstattung von Lehrkräften. Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Schulhauptpersonalrat beim Niedersächsischen Kultusministerium und aktiv in der GEW. „Wir fordern schon lange, auch schon vor Corona, dass es Dienstgeräte gibt. Im Grund zwei Arten: Einmal mobile Geräte für die Vorbereitung und die Nutzung im Unterricht, und außerdem Laptops für die ganzen Verwaltungsaufgaben“, erklärt sie.

Dazu brauche es eine datenschutzsichere Cloud-Lösung, auf die man von zu Hause zugreifen kann, etwa per VPN-Tunnel. Im Arbeitsalltag werde mit sensiblen Daten wie Fehlzeiten oder Noten hantiert, das müsse sicher sein. Soweit die Theorie. In der Praxis sei man weit davon entfernt, die Arbeit am privaten Rechner üblich.

Die Corona-Krise hat zwar Bewegung gebracht. Auf dem Schulgipfel im letzten August wurde ein Bundesprogramm zur Finanzierung u. a. von Laptops für Lehrkräfte vereinbart. Allerdings entsteht hier aus Kilians Sicht nur eine Notlösung. Denn aktiv wird nicht das Land, das als Arbeitgeber eigentlich verantwortlich sei. Die Kommunen schaffen die Geräte an und geben sie an die Schulen – auf Leihbasis. „Man produziert hier Elektroschrott.

Einzelne Kommunen sind vorgeprescht und haben z. B. Geräte angeschafft, mit denen man Videokonferenzen in der Lernplattform nicht richtig nutzen kann“, erklärt Kilian. „Das passt alles nicht. Die Kommunen müssen unter Zeitdruck für sehr unterschiedlich ausgestattete Schulen Geräte bestellen. Haftung und Wartung sind auch nicht geklärt.“ Für die Zeit nach Corona fordert sie eine Lösung, bei der es nicht um Leihgeräte vom Schulträger, sondern um eine gute technische Ausstattung für den Landesdienst gehen müsse.

"Homeoffice führt nicht automatisch zu guten Arbeitsbedingungen, sie kann die Beschäftigten im Gegenteil zusätzlich belasten. Unser Ziel als DGB ist ein gutes Zusammenspiel von individuellen Gestaltungsrechten und verlässlichen kollektiven Regelungen.“ DGB-Vize Elke Hannack

Entscheidend ist das Wie

Das Modell Homeoffice scheint Karriere zu machen, aber vieles ist ungeklärt. Dabei geht es nicht nur um das Misstrauen von Vorgesetzten oder schlechte technische Ausstattung. Die Sonderauswertung verdeutlicht auch einen Widerspruch zwischen Selbstbestimmung und hoher Belastung. Auf der einen Seite berichten Beschäftigte im Homeoffice von größeren individuellen Gestaltungsspielräumen hinsichtlich Arbeitszeit und Arbeitsinhalt. Diese Spielräume bewirken aber keine gesundheitsförderliche Flexibilität. Betrachtet man die Einhaltung der Pausen- und Ruhezeiten, weisen die Befunde im Gegenteil auf höhere Belastungen hin. Abschalten nach der Arbeit ist im Homeoffice schwerer, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen.

Für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, die die Option Homeoffice in Zukunft nutzen wollen – knapp die Hälfte will das wie gezeigt gar nicht – müssen Gewerkschaften und Personalräte also einen guten Rahmen erstreiten. Als verbindlichen Anspruch, freiwillig und mitbestimmt. Entsprechend fällt auch das Fazit von DGB-Vize Elke Hannack aus: „Homeoffice führt nicht automatisch zu guten Arbeitsbedingungen, sondern kann die Beschäftigten im Gegenteil zusätzlich belasten. Unser Ziel als DGB ist ein gutes Zusammenspiel von individuellen Gestaltungsrechten und verlässlichen kollektiven Regelungen.“


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