Deutscher Gewerkschaftsbund

22.07.2019

Infografiken: So viele Gewerkschaftszeitungen gab es im Jahr 1927

Gewerkschaftszeitungen waren viele Jahrzehnte zentraler Bestandteil der gewerkschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit. Unsere Infografik zeigt, wie groß das Spektrum an verschiedenen Publikationen im Jahr 1927 war.

Zeitungsredakteure 1923

Lothar Erdmann (rechts), ADGB-Redakteur, und der ADGB-Sekretär Franz-Josef Furtwängler im Redaktionsbüro 1923 Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung

Im Jahrbuch von 1927 hat der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund evaluiert, welche Gewerkschaftszeitung und Beilagen es damals gab und wie hoch die Auflage war. Die große Bandbreite war der damaligen Gewerkschaftsszene geschuldet. So gab es 38 Gewerkschaftsverbände im ADGB. Viele organisierten einzelne Berufe oder Branchen. Die jeweiligen Gewerkschaftszeitungen folgten dieser Struktur und bedienten einzelne Berufsbilder oder Branchen mit Nachrichten.

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Zeitungen als Teil der gewerkschaftlichen Gegenöffentlichkeit

Gewerkschaftszeitungen waren bis in die 1980er Jahre zentraler Bestandteil der eigenen Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Die bürgerliche Presse berichtete entweder nicht über die Interessen der Beschäftigten oder sie machte Front gegen die Gewerkschaften und ihre Forderungen. Darum waren eigene Medien unerlässlich für die Organisation der ArbeitnehmerInnen und für die politische Arbeit. Viele Gewerkschaftszeitungen veröffentlichten einen Mix aus politischen Nachrichten und branchenspezifischen Themen. Das Anzeigengeschäft trug zur Finanzierung der Medien bei.

Gewerkschaftspresse 1927: Inflation überwunden

In den Vorjahren war auf Grund der Inflation die gewerkschaftliche Mitgliederbasis geschrumpft, was zudem dazu führte, dass Gewerkschaftszeitungen eingestellt bzw. im Umfang reduzierten wurden. Im ADGB-Jahrbuch von 1927 heißt es: „Die Presse der Verbände des ADGB hat nach den starken Einschränkungen ihres materiellen Bestandes, die sie in der Inflationszeit erleiden musste, ihren alten Umfang nicht nur zurückerlangt, sie hat über ihren früheren Stand hinaus einen weiteren Ausbau erfahren, und due Verbandsleitung und Redaktionen haben die Gelegenheit des Wiederaufbaus teilweise benutzt, um Gesicht und Inhalt der Blätter merklich zu verändern, sie durch Ausstattung und Vielseitigkeit anziehender und reizvoller zu gestalten.“ Ausdruck des Neustarts sind auch die vielen Beilagen, die Spezialthemen bedienten.

Die Gewerkschaftspresse im Jahr 1933

Das Ende der vielfältigen Szene der Gewerkschaftspresse wurde mit der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933 besiegelt. Durch eine Reichsverordnung vom 4. Februar 1933 zum „Schutz des deutschen Volkes“ konnten Druckschriften nun verboten werden. Auf dieser Grundlage wurde wenig später Druck und Vertrieb der ADGB-Zeitung „Gewerkschafts-Zeitung“ untersagt. Auch der „Proletarier“, die Zeitung des Fabrikarbeiterverbandes, durft nicht mehr erscheinen. Die eine wegen eines Leserbriefs, in dem zu einer Einheitsfront gegen die Regierung Hitler aufgerufen worden war, bei der anderen stand in einem Aufmacher, dass Deutschland auf dem besten Wege sei, „ein Zuchthausstaat erster Ordnung zu werden“. Diese Verbote von Gewerkschaftszeitungen gehörten zu einer Vielzahl von Verboten sozialdemokratischer, kommunistischer wie auch gewerkschaftlicher Presse, so dass der „Korrespondent“, die Zeitung der Buchdrucker, seine Berichte hierüber „Vom Zeitungskriegsschauplatz“ betitelte.

Das Ende der Gewerkschaftspresse

Eine Gewerkschaft bzw. ihre Redaktion musste sich ab jetzt also stets gut überlegen, was sie über die Regierung oder deren Politik veröffentlichte und wie sie sich zu ihr stellte. Denn ein Verbot einer Zeitung für einige Wochen bedeutete ja, dass der Kommunikationsstrang von der Gewerkschaft zu den Mitgliedern abgeschnitten war. In Folge dessen waren der Handlungsfähigkeit der Gewerkschaft Fesseln angelegt. Die Gewerkschaftsredakteure zeigten Geschick im Umgang mit der drohenden Zensur: So ließen sie ihre Mitgliedschaft nicht im Unklaren darüber, welche Bedeutung der Wahl am 5. März zukommt: Es gehe um „Sein oder Nichtsein“, so der Titel der „Einigkeit“, die Zeitung der Nahrungsmittelarbeiter. Aber sie vermieden meist Kritik an der Regierung oder direkte Wahlaufrufe für die SPD. Verklausuliert steht dann zu lesen: „Ihr wisst, wem ihr eure Stimme zu geben habt.“ Dies mag zwar manche Veröffentlichungsverbote oder Beschlagnahmungen verhindert haben, damit war allerdings der erste Schritt zu einer Anpassung vollzogen. Ab dem 2. Mai 1933 und der Besetzung der Gewerkschaftshäuser, übernahmen die Nazis die Gewerkschaftszeitungen. Sie vermittelten mit Hilfe der alten Gewerkschaftszeitungen den noch organisierten Arbeitern und Angestellten ihre Sicht der Dinge. 

ADGB Zeitung Gewerkschaft

Die ADGB-Zeitung "Gewerkschaft" war das Organ des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Hier ein Lexikonauszug aus dem Internationalen Handbuch des Gewerkschaftswesens, Bd. 1, 1931 DGB

FES-Projekt: Historische Gewerkschaftszeitungen online

Viele Gewerkschaftszeitung sind auf der Internetseite der Friedrich-Ebert-Stiftung digitalisiert und können als PDF heruntergeladen oder direkt online gelesen werden. Zu den Digitalisaten gehören Gewerkschaftszeitschriften aus den Bereichen Bau, Holzverarbeitung, Metall, Druck, Dienstleistung, Nahrungsmittel, Leder, Tabak, Verkehr, Landarbeit und Bergbau. Das Archiv mit den Gewerkschaftszeitungen gibt es hier...

FES-Projekt: Freie, christliche und liberale Gewerkschaftszeitungen online

Das Projekt deckt den Zeitraum von den Anfängen der deutschen Gewerkschaftsbewegung bis zum Jahr 1933 ab. Berücksichtigt wurde die Presse der drei großen Ströme der deutschen Gewerkschaftsbewegung, die sich 1945 in einer überparteilichen Einheitsgewerkschaft vereinigt haben. Neben den Zeitungen der ADGB-Gewerkschaften gibt es dort Presseorgane der liberalen und christlichen Gewerkschaften.

Grundstein und Einigkeit: Zwei Gewerkschaftszeitungen mit langer Tradition

Drei der fast 100 Publikationen aus dem Gewerkschaftsumfeld in den 1920er Jahren gibt es heute noch. Der Grundstein von der IG BAU und die Zeitschrift Einigkeit der NGG. Zudem steht die ver.di-Zeitung „Druck und Papier“ in der Tradition des zentralen Organs des Buchdruckerverbands „Korrespondent der Buchdrucker und Schriftgießer“. Die „Druck und Papier“ erscheint im 157 Jahrgang und sieht sich in der direkten Nachfolge des „Korrespondenten“ - sie dürfte damit die älteste Gewerkschaftszeitung der Welt sein.


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