Deutscher Gewerkschaftsbund

02.07.2019
Rentenpolitik

"Beschäftigte mit hoher Arbeitsbelastung sterben früher"

Neue Studie zeigt soziale Unterschiede beim Sterberisiko

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und steigt - aber nicht für alle gleich. Wer in seinem Berufsleben hohen Belastungen ausgesetzt war, stirbt früher als andere. Und wer früher stirbt, bekommt kürzer Rente. "Jene, die ein höheres Rentenalter fordern, nehmen damit neue Ungerechtigkeiten in Kauf", kritisiert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Sie fordert unter anderem mehr Anstrengungen beim Arbeitsschutz.

Stahlkocher im Schutzanzug vor Hochofen

DGB/Sergei Panasenko/123rf.com

IAQ-Report: Soziale Unterschiede im Mortalitätsrisiko. Das frühere Arbeitsleben beeinflusst die fernere Lebenserwartung

Länger leben, länger arbeiten?

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt, schon seit langem. Die Hälfte der Männer, die 1960 geboren sind, wird, sofern sie die 65 überschritten hat, voraussichtlich 86 Jahre alt werden, bei den Frauen sind es sogar 90 Jahre. Bei der Generation zuvor waren es noch fünf Jahre weniger.

Arbeitgeber und einige Wissenschaftler fordern deshalb, das Rentenalter weiter anzuheben, nach dem Motto: Wer länger lebt, kann auch länger arbeiten. Doch das geht an der Realität vorbei. Denn die Lebenserwartung steigt nicht für alle gleichermaßen an: Menschen mit niedrigem Einkommen und starken Belastungen gewinnen kaum an Lebenszeit, während diejenigen, die ohnehin auf der Sonnenseite des Lebens stehen, deutlich älter werden und damit den Durchschnitt insgesamt nach oben ziehen.

Arbeitsleben beeinflusst die Lebenserwartung

Eine neue Studie, die der DGB in Auftrag gegeben hat, hat nun untersucht, wie sich die Belastungen während des Berufslebens auf die Lebenserwartung auswirkt. Dafür wurde untersucht, wie lange jemand, der das 65. Lebensjahr erreicht hat, vorraussichtlich noch zu leben hat. Zentrales Ergebnis: Wer in seinem Arbeitsleben hohen Belastungen ausgesetzt war, stirbt früher als andere. Schlechte Arbeitsbedingungen beeinflussen also nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden, sondern wirken über das Erwerbsleben hinaus - und führen dazu, das die Betroffenen kürzer und damit weniger Rente bekommen.

Das passt zu den Unterschieden zwischen den Berufsklassen, die bereits in einer früheren Studie deutlich wurden. Danach haben Beschäftigte im Bergbau nach Erreichen des 65. Lebensjahres statistisch gesehen noch etwa 11 Jahre zu leben, Techniker dagegen rund 17 (Männer) oder sogar knapp 20 (Frauen). Jetzt zeigt sich: Über alle Branchen und Berufsgruppen hinweg liegt diese so genannte ferne Lebenserwartung bei Menschen mit einer sehr niedrigen Arbeitsbelastung knapp zwei Jahre über dem Durchschnitt, bei Menschen mit einer sehr hohen Belastung ein Jahr darunter. Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. 

Grafiken: Fernere Lebenserwartung in einzelnen Berufsklassen und nach Arbeitsbelastung

Balkendiagramm zeigt die ferne Lebenserwartung in einzelnen Berufsklassen

IAQ

Säulendiagramm zeigt die fernere Lebenserwartung nach Arbeitsbelastung

IAQ

"Höheres Rentenalter ist ein Rentenkürzungsprogramm"

Für den DGB ergeben sich aus den Ergebnissen der Studie klare Forderungen. Unter anderem wird deutlich, dass eine Anhebung des Rentenalters keine Option ist: "Beschäftigte mit hoher Arbeitsbelastung sterben früher, das belegt die Studie erstmals", kommentiert DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. "Jene, die ein höheres Rentenalter fordern, nehmen damit neue Ungerechtigkeiten in Kauf, denn wer früher stirbt, bekommt auch eine kürzere Zeit Rente. Damit wäre gerade für diejenigen, die in ihrem Arbeitsleben eine hohe Belastung zu verkraften hatten, ein höheres Rentenalter nichts anderes als ein Rentenkürzungsprogramm.

Wir wollen die Rente über 2030 hinaus auf dem heutigen Niveau stabilisieren. Die gesetzliche Rentenversicherung ist nach wie vor für die allermeisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die zentrale Säule ihrer Altersversorgung. Mithilfe von Bundesmitteln sollte das gesetzliche Rentenniveau auf mindestens 48 Prozent stabilisiert und im weiteren Schritt dauerhaft auf 50 Prozent angehoben werden."

Flexible Übergänge und besserer Arbeitsschutz

"Es kommt aber auch darauf an, die Übergänge aus dem Erwerbsleben in die Rente flexibel zu gestalten", so Annelie Buntenbach weiter. "Wer es gesundheitsbedingt nicht bis zum Rentenalter schafft, muss vorher ausscheiden können – ohne Rentenabschläge. Heute scheiden jedes Jahr gut 200.000 Versicherte vor dem 65. Lebensjahr aus dem Erwerbsleben aus, wegen Krankheit oder gar Tod.

Klar ist auch, dass es deutlich größere Anstrengungen beim Arbeitsschutz und bei der Prävention braucht. Hier ergeben sich etwa durch die Digitalisierung Chancen, körperlich schwere Arbeit zu erleichtern. Gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass die Digitalisierung zu einer weiteren Entgrenzung und Verdichtung von Arbeit führt. Politik und Arbeitgeber sind hier gefragt, diese Chancen im Sinne der Beschäftigten zu nutzen und negative Belastungen zu vermeiden.“


Der komplette Report zum Download:


Nach oben

DGB-Zukunftsdialog

Text: "Reden wir über..." Der Zukunftsdialog; davor stilisierte Satzzeichen (Fragezeichen, Ausrufezeichen, ...)
DGB
Mit dem DGB-Zukunftsdialog starten der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften einen breiten gesellschaftlichen Dialog. Wir fragen, was die Menschen in Deutschland bewegt, sammeln ihre Antworten und entwickeln daraus Impulse für eine gerechtere Politik in Deutschland.
weiterlesen …

Rentenkommission

Roter Sessel vor Wand mit Scribbles
DGB/bowie15/123rf.com
Seit Juni 2018 beschäftigt sich die Rentenkommission mit der Sicherung und Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung. Wir erklären, was es damit auf sich hat.
zur Webseite …

Der Grundrentenrechner

Grafik eines Taschenrechner sowie das Wort "Grundrenten-Rechner"; beides weiß auf rotem Grund
DGB
Würden Sie von der geplanten Grundrente profitieren? Und wenn ja: Wieviel höher würde ihre Rente unterm Strich ausfallen? Rechnen Sie es aus mit unserem Grundrenten-Rechner.
weiterlesen …

Termin

Tagung
Neu­start in der Ren­ten­po­li­tik – vom Men­schen her den­ken
Worum sollte sich die Politik bei der Rente vor allem kümmern? Was sind die größten Probleme? Diese und weitere Fragen diskutiert das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in Kooperation mit dem DGB auf einer Fachtagung am 5. Juni in Berlin.
weiterlesen …

Newsletter abonnieren

Kontakt

Bundesseniorenbeauftragter:
Klaus Beck


Sekretariat:
Jenny Renner

Tel.: +49 30 24060-344